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Vom Praxisinput zur Praxisreflexion

Mit Unternehmer:innen Transformation und transformativ lernen


Von Sebastian Möller und Viola Gerlach


Praxisinputs aus Unternehmen gehören mittlerweile zum Standardrepertoire wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftlicher Lehrveranstaltungen, und zwar sowohl in der klassischen BWL also auch in der Pluralen Ökonomik Lehre und in Seminaren zum nachhaltigkeits- oder gemeinwohlorientierten Wirtschaften. Die Idee dahinter leuchtet auf den ersten Blick ein: Studierende sollen von und an den Erfahrungen aus der unternehmerischen Praxis lernen, exemplarische Unternehmen kennenlernen und durch die Wahrnehmung von Rollenvorbildern in der eigenen Berufsorientierung vorankommen. Aus unserer Sicht wird dieses konventionelle Verständnis der Begegnung von Studierenden mit Unternehmer:innen den komplexen Herausforderungen unserer Zeit aber nicht wirklich gerecht. Vielmehr können alle Beteiligten ihre Kompetenz und Wirksamkeit bereichern, eigene Positionen und Erfahrungen reflektieren und damit das transformative Potential erhöhen, wenn ein neues Format entsteht, dass wechselseitiges Lernen in den Fokus rückt.


Während die bisher (noch) üblichen Formate im Kern auf eine top-down Kommunikation setzen, bei der nur eine Seite etwas lernt und die andere Praxiswissen vermittelt, werden in dem von uns favorisierten Ansatz Unternehmer:innen explizit in die Lage versetzt, selbst Teil des Lernprozesses zu sein. Durch studentische Fragen, die sie sich so selbst vielleicht nicht stellen würden, werden sie angeregt, ihre eigenen unternehmerischen und tieferen persönlichen Motivationen und Werte zu reflektieren. Gegenseitige Neugier und Offenheit sind dabei wichtige Voraussetzungen, um das Potential der deeper leverage points (Davelaar 2021, Meadows 1999) für transformatives Lernen freizulegen.


Wir plädieren hier also für das Erproben und Entwickeln neuer Formate des sinnstiftenden und inspirierenden Austausches zwischen Studierenden und Unternehmer:innen, bei denen alle miteinander und voneinander lernen. Wir möchte Lehrende, Unternehmer:innen und Studierende ermutigen sich auf dieses innovative Format einzulassen, denn es lohnt sich! In diesem Beitrag wollen wir zum Nachdenken über die folgenden drei Fragen anregen und unsere Gedanken dazu teilen:

  1. Warum brauchen wir neue Formen des transformativen Praxisdialogs?

  2. Was und wie können die Beteiligten dabei lernen?

  3. Wie kann transformativer Praxisdialog gelingen und was sollten die verschiedenen Beteiligten dafür beitragen?


„Wir lernen nicht aus Erfahrung, sondern aus der Reflexion von Erfahrung.“ (John Dewey)

Grundlage für diesen Beitrag ist u.a. unsere Erfahrung aus dem gemeinsamen Seminar „Transformative Unternehmungen“ an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, in dem wir selbst Formate des transformativem Praxisdialog gestaltet und diese mit unseren Studierenden und Praxispartner:innen reflektiert haben. Wir haben dabei erlebt, welche enorme Kraft von einem sehr offenen und persönlichen Austausch ausgehen und welche Tiefe und Vertraulichkeit dabei sogar im digitalen Raum entstehen kann, wenn wir uns als ganze Persönlichkeiten zeigen und begegnen. Wir haben im gleichen Seminar aber auch erfahren, dass Gespräche scheitern können, wenn die Moderation nicht gut mit Konflikten umgeht oder es den Gesprächsteilnehmer:innen primär um das Senden und weniger ums Empfangen und Lernen geht. Aus beide Erfahrungen haben wir gelernt und wir haben sie zum Anlass genommen, systematischer über neue Formate transformativer Praxisreflexion nachzudenken. Für die 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik (dghd) im September 2022 in Paderborn haben wir darüber mit Katja Hitz, David Breuer und Constanze Hollberg reflektiert und sind dafür nochmal ans digitale Lagerfeuer zurückgekehrt.



Transformatives Lernen in der VUCA Welt

Jetzt aber zurück zu unserer 1. Frage: Warum brauchen wir überhaupt neue Formen des transformativen Praxisdialogs? Wir leben und lernen inmitten von bedrohlichen Krisen und tiefgreifenden Veränderungsprozessen, und sind herausgefordert neu zu denken und vor allem reflektiert zu handeln. Die Folgen des Klimawandels werden auch in Deutschland immer stärker spürbar, die Corona-Pandemie hat uns die Verwundbarkeit des Gesundheitssystems, die Prekarität von Carearbeit und die Fragilität von Lieferketten vor Augen geführt. Etablierte Formen des Wirtschaftens sprengen planetare und soziale Belastungsgrenzen und stehen unter erheblichem Legitimations- und Anpassungsdruck. Während das Zeitfenster für eine erfolgreiche sozial-ökologischen Transformation zusehends schrumpft, wachsen unsere Einsicht in die Vielschichtigkeit der Herausforderung und die Vielzahl ungelöster Fragen sowie bei vielen auch Ungeduld, Zweifel und (Klima)Angst. Diese unübersichtliche Ausgangslage wird oft auch als VUCAworld beschrieben, also als eine Welt voller Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz. Unsere Gegenwart und Zukunft sind also gekennzeichnet durch eine Vielzahl von Spannungsfeldern, in denen die Akteur:innen Souveränität brauchen (werden), um zielführende und werteorientierte Entscheidungen zu treffen und zu kommunizieren.


Diese Souveränität speist sich wohl aus mindestens vier Quellen: Erstens aus solidem Prozess- und Kontextwissen; zweitens aus Erfahrungen gelungener, aber auch gescheiterter Veränderungen; drittens aus einer offen lernenden, reflektierten und zugleich zielbewussten inneren Haltung und schließlich viertens aus Zuversicht und Vertrauen in die eigene Wirksamkeit und die kollektive Handlungs- und Veränderungsfähigkeit. All diese Ressourcen können wir im transformativen Praxisdialog auftanken bzw. kultivieren. Auch einige der in der Forschungsliteratur mittlerweile etablierten zentralen Nachhaltigkeitskompetenzen (Wiek et al. 2011) können aus unserer Sicht sehr gut durch und in transformativen Praxisdialogen aufgebaut bzw. weiterentwickelt werden, insb. normative, strategische und interpersonale Kompetenzen.

Praxisdialoge öffnen Begegnung-, Lern- & Reflexionsräume

In unserer krisenhaften Welt brauchen sowohl Studierende als Gestalter:innen der Wirtschaft von morgen als auch Unternehmer:innen als Entscheidungsträger:innen in der Wirtschaft von heute inspirierende und vertrauensvolle Begegnungs-, Lern- und Reflexionsräume. Die Gestaltung solcher Räume sinnstiftenden Austausches, aus dem alle Lernenden (also Studierende, Praxispartner:innen und Lehrende) verändert, gestärkt und befähigt hervorgehen können, ist aus unserer Sicht eine zentrale Herausforderung zukunftsgestaltender Hochschullehre. Eine so verstandene Lehre ermöglicht es Lehrenden, Praxispartner:innen und Studierenden zunehmend ihr Erfahrungswissen auszutauschen, Erwartungen abzugleichen, eigene Werte und Ziele zu entwickeln und sich selbst und gegenseitig im positiven Sinne herauszufordern.


Es braucht solche neuen Formate auch deshalb, weil es eine Vielfalt von Antwortmöglichkeiten auf die großen Fragen unserer Zeit gibt und weil es einen Reflexionsraum braucht, um diese verschiedenen Blickwinkel überhaupt sichtbar - und bestenfalls nachvollziehbar zu machen (das heißt nicht, dass sich hinterher alle einig sein müssen, aber idealerweise sind alle um weitere Perspektiven bereichert). Es braucht Räume - und Lehrende, die solche Räume halten können - in denen Komplexität, Interdependenzen und Zielkonflikte im unmittelbaren Austausch transparent gemacht werden können und dadurch überhaupt erst konstruktiv bearbeitbar und transformierbar werden.


Transformatives Lernen als innere Entwicklung

Wir haben in den von uns durchgeführten Seminaren selbst die Erfahrung gemacht, dass Offenheit und aufrichtiges gegenseitiges Interesse möglich und für einen transformativen Praxisdialog auch nötig sind. Wechselseitiges Lernen zwischen Studierenden und Unternehmer:innen ist nicht nur möglich, sondern für alle Beteiligten wertvoll. Wir plädieren aus diesen Erfahrungen heraus dafür, Hochschulen verstärkt zum Raum von Persönlichkeitsbildung und -entwicklung im Rahmen des Studiums zu machen und neue Formate zum wechselseitigen Lernen und Wachsen zu erproben. In fragilen Zeiten und angesichts dringender Gestaltungsaufgaben muss sich auch (Hochschul)Bildung verändern, um transformatives Lernen zu ermöglichen (Graupe/Bäuerle 2022, Singer-Brodowki 2016). In den Debatten über die Verwirklichung des Sustainable Development Goals (SDGs) wurde in letzter Zeit zunehmend die Bedeutung der inneren Entwicklung herausgearbeitet, die im sog. Inner Development Goals (IDG) Framework systematisiert wurde. Die innere Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit hat ein enormes transformatives Potential, denn sie adressiert die oben angesprochen deeper leverage points (Woiwode et al. 2021) und die neue Art von Praxisreflexion, die wir hier vorschlagen kann einen wertvollen Beitrag dazu leisten.

Was und wie kann in transformativem Praxisdialog gelernt werden?

Praxisdialoge wirken transformativ, wenn alle Beteiligten durch die darin angeregten Reflexionsprozesse dem eigenen Anspruch, Veränderungen selbst konstruktiv zu gestalten, schrittweise näherkommen bzw. für das eigenen Wirken fachlich und persönlich gestärkt werden. Die Erfahrungen und der Mehrwert für die Beteiligten können dabei jeweils unterschiedlich ausfallen.


Was können Studierende lernen?

  • Es gibt unternehmerische Antworten auf die Transformationsherausforderungen unserer Zeit: Viele junge Menschen, die sich für Klimagerechtigkeit und das Gemeinwohl engagieren, sehen Unternehmen vor allem als Problem und selten als Teil der Lösung. Dafür gibt es viele gute Gründe, aber dieses Denken versperrt uns auch den Blick auf einen wichtigen und unverzichtbaren Hebel für nachhaltiges Wirtschaften, nämlich transformatives Unternehmer:innentum. Studierende müssen sich dieses Handlungsfeld ja nicht sofort zu eigen machen, aber sie können es in Praxisdialogen als eine vielfältige und relevante Arena kennenlernen und besser verstehen.

  • Reflexion über die Gratwanderungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Eine Herausforderung im Austausch zwischen Unternehmer:innen und Studierenden besteht darin, unternehmerische Erfahrung und idealtypische Ansprüche so in Bezug zueinander zu setzen, dass es ein für beide Seiten gewinnbringender Austausch ist.

  • Prozesshaftigkeit unternehmerischen Handelns: Ein Unternehmen wird täglich weiterentwickelt – es gibt immer wieder neue und oft unvorhergesehene Herausforderungen. Die damit einhergehenden Reflexionsprozesse und Unsicherheiten kennenzulernen, kann den Blick von außen auf Unternehmen enorm bereichern.

  • Auch Unternehmer:innen sind (verletzliche) Menschen: Das in Medien von Unternehmen vermittelte Bild führt oft zu einer voreingenommenen Haltung. Das kann schnell dazu führen, sich im Austauschprozess personalisierte Schuldzuweisungen zu äußern, sich in eine Verteidigungsposition zu begeben oder reine Bekenntnisse auszutauschen, ohne dabei wirklich etwas zu lernen. Das es lohnen kann, solche Reflexe zu überwinden, können Studierende (aber auch Praxispartner:innen!) in transformativen Dialogen lernen und erfahren.

  • Rollenreflexion und Berufsorientierung: Die eigene zukünftige Rolle bei der sozial-ökologischen Transformation im Abgleich und Gespräch mit den Praxispartner:innen entwerfen und besser verstehen, welche Kompetenzen es dafür braucht.

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Was können Unternehmer:innen lernen?

  • Studierende haben Fragen, die nicht nur interessant, sondern auch wertvoll und zukunftsweisend sind: Manchmal sind Unternehmer:innen positiv überrascht von neuen Fragen, die sie entweder persönlich oder auch unternehmerisch weiterbringen. Der Wert völlig neuer Blickwinkel kann hier nicht hoch genug geschätzt werden. Denn:

  • Es macht Freude, sich neuen Fragen zu stellen und die eigenen Blickwinkel zu hinterfragen. Wer seine zukünftigen Mitarbeiter:innen schon jetzt besser verstehen lernt, hat es nicht nur leichter diese für sich zu gewinnen, sondern es entstehen ggf. schon jetzt neue Möglichkeiten innovative Themen gemeinsam über Abschlussarbeiten oder Praktika zu bearbeiten.

  • Studierende wollen sich inspirieren aber nicht bevormunden lassen: Der Vorwurf, junge Menschen würden heute nicht mehr so leistungsbereit sein wie früher, basiert oft auch auf Unverständnis dessen, welche neuen Ansprüche junge Menschen an Führungskompetenzen haben. Sie sind oft bereit zu lernen, allerdings verweigern sie sich schnell sinnlosen Tätigkeiten.

  • Die Erwartungen junger Menschen an die eigene künftige Rolle in Unternehmen hat sich stark gewandelt. Die Zeiten, in welchen Führungskräften automatisch durch ihren Titel, Autorität und Kompetenz zugesprochen bekamen ist vorbei. Umso wichtiger ist es gemeinsam in den Austausch darüber zu kommen, welche Erwartungen junge Menschen an Führungskräfte haben, und was aus deren Sicht heraus sinnvoll und umsetzbar ist. Vorgesetzte werde immer mehr zu Mentor:innen.

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Was können Lehrende lernen?

  • Dass es sich lohnt, die eigene Kompetenz Lernräume zu gestalten weiterzuentwickeln: Wir haben mit großer Freude gesehen, wie wertvoll es ist, dieses neue Format zu entwickeln und auszuprobieren.

  • Dass Studierende Offenheit von Praxispartner:innen mehr wertschätzen als perfekte Präsentationen: Eine der Erfahrungen mit der wir nicht gerechnet hatten war, dass Studierende skeptisch auf „perfekte“ Präsentationen reagieren, und dort vermehrt nach der Wahrheit hinter dem Bild fragen. Im Gegensatz dazu (siehe Video) wurden in unserer Situation Unternehmer:innen, die ganz offen mit ihren Schwächen oder mit Unsicherheit umgehen, sehr wohlwollend behandelt und wertgeschätzt.

  • Wie spannend es ist, Reflexionsprozesse zwischen Studierenden und Praxispartner:innen zu ermöglichen und dabei selbst Teil des Lernprozesses zu sein. Wir haben selbst viele Aspekte im Rahmen dieser Lehrtätigkeit kennengelernt, die wir so nicht in den Lehrinhalt eingebracht hätten. Das durch den Austausch neu entstandene Wissen ist auch für uns selbst sehr wertvoll.

  • Zu erleben, dass es viele Blickwinkel und Lösungsideen gibt, hilft dann auch die Fähigkeit zu schulen, weniger selbst Position zu beziehen als für Transparenz und Nachvollziehbarkeit Verantwortung zu übernehmen. Lehrende werden so immer mehr zu Moderatoren des Austauschprozesses.

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Wie kann transformativer Praxisdialog gelingen?

Aus unserer eigenen Erfahrung ziehen wir folgende zentrale Einsicht für uns und andere: Wenn es eine echte und gegenseitige Offenheit gibt, auf Menschen zuzugehen, findet Lernen nahezu automatisch statt. Im Umkehrschluss verhindert fehlende Offenheit wichtige Lernprozesse. Es braucht also letztlich eine neue transformative Gesprächskultur, und zwar nicht nur an Hochschulen, sondern in der Gesellschaft insgesamt (Gerlach/Möller 2021). Die Herausforderung der sozial-ökologischen Transformation ist schlichtweg zu groß und zu dringlich, als dass wir uns den vermeintlichen Luxus leisten könnten, nur mit eh schon Gleichgesinnten Allianzen für den Wandel zu schmieden (und das ist bei näherem Betrachten auch eigentlich gar kein Luxus, da wir uns in der eigenen bubble zwar wohl und sicher fühlen können, uns aber der Chance berauben, uns durch die konstruktive Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven weiterzuentwickeln).


Letztlich gilt: Das Gefühl schon alles zu wissen blockiert Lernprozesse (How can you learn what you presumably already know?!). Was wir für eine gelingende Transformation hingegen brauchen, ist eine offene, fragende und (selbst)reflexive Haltung. Und das gilt selbstredend wiederum für alle Lernenden, also Studierende, Praxispartner:innen und Lehrende. Es fällt uns nicht immer leicht, diese Haltung einzunehmen und es wird uns auch nicht in allen Situationen gelingen, da sie letztlich immer das Ergebnis von Co-Produktion ist, aber wir haben dabei wirklich enorm viel zu gewinnen! Manchmal wirken schon kleine Schritte in diese Richtung bei einem selbst und den Gesprächspartner:innen wahre Wunder. Beobachtet euch demnächst doch mal selbst in solchen Situationen und fragt euch häufiger: Was kann ich gerade Neues lernen?!


Zieloffenheit als Gelingensbedingung

Eine wichtige Erfolgsvoraussetzung für wirksame Praxisdialoge ist aus unserer Sicht eine möglichst zieloffene Haltung. Viel ungeahntes und transformatives kann passieren, wenn wir kreative Freiräume öffnen, anstatt minutiös zu planen und vorzugeben. Die damit verbundene Ungewissheit kann dabei gerade für Lehrende schwer aushaltbar sein, aber es lohnt sich wirklich über seinen eigenen Schatten zu treten und loszulassen. Innere Entwicklung ist ja nicht nur etwas, das wir bei unseren Studierenden und Praxispartner:innen anstoßen wollen, sondern auch ein erstrebenswertes Ziel für uns selbst. Im Umgang mit unerwarteten und herausfordernden Seminarsituationen wachsen auch die Lehrenden und mit zunehmender Erfahrung stellt sich auch hier eine professionelle Souveränität ein. „Lernen im 21. Jahrhundert [kann] nicht einfach mehr innerhalb vorgegebener Bahnen stattfinden (…). Vielmehr muss Bildung Freiräume eröffnen, die ihre eigenen Strukturen infrage zu stellen erlaubt“ (Graupe/Bäuerle 2022: 4).


Beim klassischen Praxisinput und bei vielen anderen Formaten gilt hingegen leider zu oft, dass die Zieldefinition nicht (mehr) verhandelbar ist, weil sie entweder extern bzw. vorher gesetzt wurde und/oder den Beteiligten das Erfahrungswissen darüber fehlt, wie Entscheidungen und Ziele gemeinsam erarbeitet werden können. Junge Menschen mit zukünftiger Entscheidungsverantwortung erhalten leider oft viel zu wenig Raum den Prozess der Zieldefinition mitzugestalten und im geschützten Seminarkontext über den Umgang mit Ziel- und Interessenkonflikten sowie externen Vorgaben zu reflektieren. Grund dafür ist sicher, dass auch die Lehrenden darin kaum geschult werden, zu wenig konstruktive Erfahrungen damit gemacht haben und potentiellen Konflikten lieber aus dem Weg gehen. Auch wir selbst sind hier noch mitten in einem spannenden Lernprozess, den wir gerne gemeinsam mit Studierenden und Praxispartner:innen durchlaufen möchten.


Zieloffenheit heißt aber nicht, dass Praxisdialoge keine Vorbereitung brauchen. Ganz im Gegenteil: Die Vorbereitung eines Praxisdialogs ist neben einer empathischen Moderation ein zentraler Schlüssel zu seinem Erfolg! Gerade wenn es darum geht, einen vertrauensvollen und durchaus auch persönlichen Austausch zu ermöglichen, ist es aus Sicht der Lehrenden sehr wichtig sowohl die Studierenden als auch die Praxispartner:innen möglichst gut zu kennen und sich für ihre jeweiligen Anliegen und Schmerzpunkte zu sensibilisieren. Schon vorab gilt es herauszufinden, wie offen die Beteiligten in eine Begegnung gehen wollen und dann wenn nötig an der Lernbereitschaft zu arbeiten.

Geschützte Lernräume als Gelingensbedingung

Eine wichtige Gelingensbedingung, die nicht unterschätzt werden sollte, ist das Sicherstellen und Halten eines geschützten Raumes, in dem sich alle Beteiligten zu jeder Zeit sicher und gesehen fühlen. In einem transformativen Praxisdialog müssen wir uns nicht durchgängig wohl fühlen. Er kann (und muss vielleicht auch) zuweilen anstrengen, aufwühlen und irritieren, denn transformatives Lernen darf und muss disruptiv sein! Aber es ist enorm wichtig, dass sich alle Beteiligten respektvoll und wertschätzend behandeln, dass sich alle darauf verlassen können, dass im geschützten Raum Gesagtes auch dort verbleibt und dass die Teilnehmenden gestärkt und nicht verletzt aus der Begegnung hervorgehen. Im Zweifel ist hier die Moderation in der Verantwortung dies zu gewährleisten (und auch das will geübt werden!).

Im Folgenden möchten wir (noch vorläufige) Checklisten für die Beiträge von Studis, Praxispartner:innen und Lehrenden für erfolgreiche Praxisdialoge mit euch teilen. Wir sind gespannt auf euer Feedback in den Kommentaren!

Was können Studierende zum Erfolg von Praxisdialogen beitragen?

  • Macht euch bewusst, was für ein Privileg es ist, dass sich vielbeschäftige Unternehmer:innen Zeit für den Austausch mit euch nehmen und euch einen Einblick in ihr Handeln und Denken geben!

  • Neugier auf Neues und persönliche Erfahrungen außerhalb der eigenen bubble

  • Aufrichtiges Interesse am Gegenüber und anderen Perspektiven

  • Die Bereitschaft eigene Vorbehalte auszuklammern, zu hinterfragen und idealerweise zu überwinden

  • Kritische und konstruktive Fragen stellen und eigene Ideen einbringen!

  • Konstruktiver und wertschätzender Umgang mit den Praxispartner:innen, den Lehrenden und den eigenen Kommiliton:innen

  • Sich Zeit für die Vorbereitung und Reflexion des Dialogs nehmen

  • und noch vieles mehr ….

Was können Praxispartner:innen zum Erfolg beitragen?

  • Macht euch bewusst, was für ein Privileg es ist, mit kreativen, motivierten und kritischen Studierenden in den Austausch kommen zu dürfen!

  • Vorher überlegen: Welche Fragen habe ich an die Studierenden? Was möchte ich bei der Praxisreflexion lernen? An welcher Stelle können mir die Studierenden vielleicht durch ihre Perspektive und Ideen helfen?

  • Aufrichtiges Interesse an den Studierenden und ihren Perspektiven

  • Bereitschaft und Wille nicht nur zu „senden“, sondern auch zu „empfangen“

  • Den Mut, sich verletzlich und unperfekt zu zeigen. Wer mit echten Herausforderungen aus dem Unternehmeralltag ins Seminar kommt, bekommt neben Wertschätzung für das Vertrauen ggf. sogar völlig neue Lösungsideen.

  • Die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen und Unsicherheiten transparent zu machen

  • Konstruktiver und wertschätzender Umgang mit den Studierenden und den Lehrenden

  • Kritikfähigkeit

  • Sich Zeit für die Vorbereitung und Reflexion des Dialogs nehmen

  • und noch vieles mehr ….

Was können Lehrende zum Erfolg beitragen?

  • Macht euch bewusst, welche enorme Kraft in einer transformativen Praxisreflexion für alle Beteiligten liegen kann und welche Verantwortung damit für euch als Lehrende einher geht!

  • Rollenwandel der Lehrenden annehmen und von zu ambitionierter eigener Wissensvermittlung Abstand nehmen

  • Vertrauensvolle Räume für den Dialog schaffen und durch gute Moderation halten

  • Allen Beteiligten Lust auf transformatives Lernen machen

  • Begeisterung und Begeisterungsfähigkeit für die Themen des Praxisdialogs

  • Dialoge intensiv mit den Praxispartner:innen vorbereiten

  • Transparenz: Eigene didaktische Entscheidungen und die Auswahl von Gesprächspartner:innen gegenüber den Studierenden begründen

  • Dialoge mit den Studierenden vorbereiten und auswerten

  • Die Seminargruppe gut kennen und sensibel für Gruppendynamiken sein, die das gemeinsame Lernen erschweren können. Hier gilt wie auch sonst in guter Hochschullehre: Störungen haben Vorrang!

  • Im Vorfeld Vertrauen bei Praxispartner:innen und Studierenden aufbauen, damit sie sich als Personen und in ihrer Verletzlichkeit zeigen und dabei voneinander lernen können

  • Co-Ownership: Einzelne Elemente oder Seminarsitzungen von den Studierenden (mit)gestalten lassen. Das stärkt potentiell das Lernen, die Selbstwirksamkeitserfahrungen und das Commitment der Studierenden

  • Idee: Vor der Praxisreflexion unterschiedliche Beobachtungsaufträge an die Studierenden vergeben, die bei der gemeinsamen Auswertung helfen können

  • Selbstkritisch und offen mit eigenen Fehlern umgehen

  • Kolleg:innen einladen, didaktisches und methodisches Feedback zum Praxisdialog zu geben (überhaupt: Bereitschaft, eigen Formate weiterzuentwickeln und Neues zu lernen)

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Ein Praxisdialog - viele Formen

In Bezug auf die Form gibt es einen bunten Blumenstrauß an Möglichkeiten. Begegnungen zwischen Studierenden und Unternehmer:innen können präsentisch, digital oder hybrid stattfinden. In der Pandemie haben wir diesbezüglich ja alle viele Erfahrungen gemacht. Wir waren selbst davon überrascht wie intensiv soziale Begegnungen im digitalen Raum sein können und würden daher nicht per se Präsenzveranstaltungen bevorzugen, zumal digitale oder hybride Termine den Austausch auch mit weiter entfernteren oder zeitlich stark eingespannten Unternehmer:innen ermöglichen. In allen drei Szenarien können echte Erlebnis- und Erfahrungsräume gestaltet werden. Das Format kann auch hinsichtlich Länge, Struktur und Methoden variieren. Grundsätzlich empfehlen wir Vor- und Nachbesprechungen mit den Studierenden und den Praxispartner:innen, insb. um Gelerntes zu sichern und Anregungen bzw. Bedürfnisse für die nächsten Begegnungen in der gleichen oder einer anderen Konstellation zu ermitteln. Sinnvoll (wenn auch aufwendig) erscheint uns ein Format, bei dem Studierende und Praxispartner:in über einen längeren Zeitraum in Kontakt bleiben und sich immer wieder Zeit für einen intensiven Austausch nehmen. Dadurch würden eine stärkere und tiefere Verbindung und das Begleiten von Prozessen ermöglicht. Oft fehlen dafür leider die Zeit und die Verbindlichkeit.





Jetzt seid ihr aber dran! Welche Erfahrungen habt ihr mit Praxisdialogen gesammelt? Was können wir daraus lernen? Lasst doch einen Kommentar da! Alles, was uns und anderem beim Lernen hilft, ist mehr als willkommen!


Illustrationen von Anne-Ly Redlich

 

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5 Comments


Guest
May 31, 2023

Der Text preist den transformativen Praxisdialog als revolutionäre Lösung an, obwohl er letztlich nur auf den Austausch zwischen Studierenden und Unternehmer:innen hinausläuft. Die Autoren behaupten, dass herkömmliche Lehrmethoden den komplexen Herausforderungen nicht gerecht werden, und plädieren für neue Formate. Es wird betont, dass Offenheit und Reflexion wichtig sind, aber letztendlich bleibt der Text vage und oberflächlich. Es scheint, als ob die Autoren die Realität der Unternehmenswelt idealisieren und sich auf unrealistische Erwartungen stützen. Es wird behauptet, dass alle Beteiligten voneinander lernen können, aber es fehlen konkrete Beispiele oder Beweise. Der Text bietet wenig Substanz und wirkt eher wie eine Marketingkampagne für den Praxisdialog.

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Guest
Mar 09, 2023

Dieser Blogbeitrag auf studies4future.de gefällt mir, weil er die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und jungen Menschen zur Förderung von Nachhaltigkeit so treffend beschreibt. Wie schön, gemeinsam an konkreten Projekten zu arbeiten und voneinander zu lernen. Besonders positiv finde ich, dass der Fokus auf der Reflexion liegt, was zu kontinuierlicher Verbesserung und transformation beitragen kann. Toll

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Guest
Mar 04, 2023

Lieber Sebastian, liebe Viola,

beim Lesen des Beitrags kann man quasi euren Reflexionsprozess nachverfolgen. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Lehre an Hochschulen als ein ergebnisoffener Prozess verstanden wird. Es wird deutlich, wie wichtig das Loslassen von konkreten Zielorientierungen ist und das Scheitern als transformativer Akt verstanden wird. Davon können sich viele dialogische Prozesse im Hochschulbereich und Transformationskontext etwas abschauen. Danke für die Einblicke in eure wertvolle Arbeit. Sie bieten Anstöße auf die Frage, wie wir eigentlich studieren wollen und welche Formate für transformatives Lernen geeignet scheinen.

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Danke für die tollen Illustrationen, liebe Anne-Ly!

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Feedback aus der Hochschuldidaktik-Community Auf der Konferenz in Paderborn ist unser Videobeitrag auf viel positive Resonanz gestoßen. In der Diskussion gab es viele hilfreiche Anregungen und Nachfragen, etwa wie sich eigentlich transformative Kommunikation einüben lässt und ob es diesbezüglich im Seminarverlauf eine Lernkurve gab. Über der ersten Frage brüten wir noch, in Bezug auf die zweite ist wichtig festzuhalten, dass der Erfolg oder die Wirksamkeit eines Praxisdialogs von vielen verschiedenen Faktoren abhängt und es zumindest nach unserer Erfahrung hier keine lineare Entwicklung gibt. Weitere Hinweise und Fragen bezogen sich auf die Messung bzw. Evaluierung der Wirksamkeit von Praxisdialogen. Hierzu gab es u.a. den Hinweis, dass Gesprächsaufzeichnungen bei der späteren Auswertung von gelungen aber insb. auch von weniger gelungenen Gesprächen sehr hilfreich…

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