Stadt.Land.Transformation

Über die transformative Wirkung neuer Ökonomien


Von Anneke Martens und Franziska Heimrich


Wir wollen transformativ studieren und lernen, aber was heißt das konkret? In diesem Beitrag möchten wir eine Lern-Methode im Seminar Stadt.Land.Transformation vorstellen. Das Seminar, an dem wir in diesem Semester teilgenommen haben und das von Daniela Gottschlich und Sebastian Möller gestaltet wurde, ist Teil des Moduls “Neue Ökonomie und Gesellschaftsgestaltung” im Rahmen des Masterstudiengangs Ökonomie – Nachhaltigkeit - Gesellschaftsgestaltung (ÖNG) im zweiten Semester.


Die Frage nach der sozial-ökologischen Transformation beschäftigt uns alle. Wie aber lässt sich die gesellschaftliche Transformation in Stadt und Land verstehen, erforschen und praktisch voranbringen? Wie können wir die transformative Wirksamkeit ganz konkreter neuer Ökonomien und die Kraft von Transformationsprojekten und -initiativen gut beurteilen? Was macht Transformativität und neue Ökonomien überhaupt aus? Im Seminar gehen wir davon aus, dass es bereits im Hier und Jetzt viele Ansätze einer zukunftsfähigen und gemeinwohlorientierten Wirtschaft in zahlreichen Initiativen und Projekten gibt, die bereits transformativ wirken. Als Gesellschaft und Gesellschaftsgestalter:innen können wir von deren Praktiken und Erfahrungen sehr viel lernen! Dafür bedarf es aber einer Kartierung und genaueren Untersuchung dieser neuen Ökonomien und genau diesen Zielen widmet sich das Seminar Stadt.Land.Transformation.


Im Sinne neuer Praktiken der Ökonomie geht es bei der Erforschung von Transformationsprozessen darum, wissenschaftliches mit praktischem Wissen und Können zu verknüpfen, sodass diese zur Lösung gegenwärtiger und zukünftiger Herausforderungen beitragen. Wir gehen von den Erfahrungen in der Praxis aus und reichern sie durch theoretische Reflexionen an, woraus sich wiederum Fragen an und Implikationen für die Praxis ergeben. So soll der künstlichen Trennung zwischen Praxis und Theorie entgegengewirkt werden.


Drei Kreise umrahmen die Wörter "Praxis - Theorie - Praxis". Die drei Kreise sind mit Pfeilen verbunden.

Wie haben wir diese Schritte nun konkret im Seminar umgesetzt?


Schritt 1: Praxis neuer Ökonomien mit Steckbriefen erfassen

Im ersten Schritt erstellten wir mittels Desktoprecherche Steckbriefe zu einem selbst ausgewählten Transformationsprojekt. Die Gestaltung des Steckbriefs stellte sich als gute Übung heraus, strukturiert zu kommunizieren und in dafür passendem Maße Komplexität zu reduzieren. Alle Seminarteilnehmer:innen sollten jeweils ein städtisches und ein ländliches Transformationsprojekt in so einem Steckbrief zusammenfassen. Die Steckbriefe haben wir dann auf einem Miro-Board (Siehe Abbildung) gesammelt. Sie orientieren sich u.a. an Fragen zur Organisation, zu Motiven, Zielen, Herausforderungen, Erfolgen/ Misserfolgen, Kooperationen und Beteiligten des Projektes. Im Seminar haben wir im Anschluss an die Recherche- und Gestaltungsphase auch über die Möglichkeiten und Grenzen von Desktoprecherche und Forschungsstrategien für die weitere Untersuchung neuer Ökonomien reflektiert.


Zu sehen ist ein Miro-Board mit vielen Notizen und Steckbriefen. In der Mitte des Boards steht in einer gelben Wolke "Steckbriefe urban". Drumherum sind die Steckbriefe angeordnet.

Schritt 2: Theoretische Reflexion und Fundierung

Im nächsten Schritt widmeten wir uns der Theoretisierung von Transformationsprojekten. Dazu setzen wir uns mit einer theoretischen Heuristik der Transformativen Sozialen Innovation (Haxeltine et al 2016, siehe auch Kropp/Stinner 2018) auseinander. Diese dient der Analyse transformativer Wirksamkeit von Projekten. Eine Heuristik meint dabei ein Entdeckungsverfahren, mit dem man systematisch Fragen an den Forschungsgegenstand stellen kann, deren Antworten zu wieder neuen Fragen führen können („Dialogprinzip“) (Kleining 1994: 182). Konkret richtet die Heuristik im ersten Schritt den Blick auf vier verschiedene Dimensionen des Innovativen neuer Ökonomien, in denen etwas anders gemacht und gedacht wird als üblich: Auf das Doing – also die Formen des Handelns und ihre materielle und technische Verfasstheit –, auf die Modes of Organizing (die Arten des Organisierens), auf die Framings – also neue Sinnsetzungen und Deutungsmuster – und auf das Knowing – also Befähigungsprozesse, die neues Wissen und Können ermöglichen.

Dieser Heuristik geht es gerade nicht um die quantitative Bewertung von Transformationsprozessen, sondern um eine qualitive Beschreibung von Veränderungen, die sich durch eine andere Art des Wirtschaftens ergibt. Wie diese Heuristik konkret angewendet werden kann, ist Teil des nächsten Schritts.


Schritt 3: Übertragung und Anwendung der Heuristik auf das Projekt

Die erlernte Heuristik wird nun auf das ausgewählte Projekt übertragen, um so die Rückbindung zur Theorie herzustellen. Mit der Heuristik untersuchen wir, wie transformativ das im Steckbrief beschriebene Projekt tatsächlich ist. Wenn ein Projekt in den genannten vier Dimensionen Dinge neu und anders macht, mit seinem Vorgehen bisherige Praktiken irritiert oder herausfordert oder dafür sorgt, dass Bestehendes ersetzt wird, kann im Zusammenspiel von Transformation gesprochen werden (Kropp/Stinner 2018: 34 f.; Haxeltine 2016: 19).


Aus den erstellten und mit der Heuristik überarbeiteten Steckbriefen entstand nun auf Miro eine Art Landkarte des Wandels, die verdeutlicht, wie viele Initiativen und Individuen schon jetzt an der sozial-ökologischen Transformation arbeiten. Das macht Mut und bestärkt im eigenen Engagement für eine andere Wirtschaft.


Was in diesem Prozess der Auseinandersetzung mit Transformations-Projekten in unseren Augen noch ergänzt werden könnte, ist der direkte Dialog mit dem Projekt. Es wäre schön, mit den Aktiven zu sprechen und ihre Einschätzungen zu Herausforderungen und Gelingensbedingungen zu erfragen. Das würde die Verbindung von Theorie und konkreten Erfahrungswerten aus der Praxis noch einmal deutlich stärken und tiefere Einblicke ermöglichen.


Was uns an der Heuristik und dieser Form der Betrachtung von Transformativität besonders gefällt, ist, dass sie dem Drang nach Quantifizierung und Messbarmachung in der Wirkungsforschung widersteht und stattdessen auch wichtige Aspekte wie Symbolproduktion und Befähigungsprozesse in den Blick nimmt, die aber schwer quantifizierbar sind. So ermöglicht die Heuristik zwar keine Messung, aber eine genauere Analyse und Begründung davon, wie transformativ Projekte sind und auf welche Art sie wirken.


Im untenstehenden Fotoslider könnt ihr euch ein paar der entstandenen Steckbriefe über transformative Projekte und Neue Ökonomien anschauen.


Es gäbe noch viel über das Seminar zu berichten, z.B. über unsere intensive Textarbeit zu Stadt als Möglichkeitsraum und Experimentierfeld, über den Einblick in eine Masterarbeit zu Gestaltungspotentialen für lebendige Dörfer, über eine kontroverse Debatte über die Zukunft ländlicher Räume, über den Besuch der Architektin Niloufar Tajeri, die mit uns über unsichtbares Design und die Methode des kleinsten Eingriffs und den Zusammenhang von Bauen und globaler Klimagerechtigkeit gesprochen hat und über unseren Austausch zur Vernetzung im eigenen Quartier. Aber dazu vielleicht mehr in einem anderen Beitrag! Das Seminar Stadt.Land.Transformation hat auch gezeigt, wie gut und abwechslungsreich wir im digitalen Raum lernen können, wenn das Seminar dementsprechend gut vorbereitet und gestaltet wird. Das hat aber auch deshalb so gut geklappt, weil wir in diesem Semester schon einige Präsenzseminare hatten und das Miteinander in den Jahrgängen an unserer Hochschule wirklich gut und empathisch ist.


Auf dem Veranstaltungsplakat steht in großen Lettern "Niloufar Tajeri - Zu Besuch @ CHG - Kleine Eingriffe für ein Wohnen in der Postwachstumsstadt". Darunter ist ein Foto von Niloufar Tajeri abgebildet, die freundlich lächelt.

 

Literatur
Hintergrund