Think global, act local!

Was macht Koblenz zu einer "Fair Trade Stadt" und wie wirkt dieses zusätzliche Siegel?


Von Lea Zimmermann



Öffentliche Stellen geben jährlich einen dreistelligen Milliardenbetrag für die Beschaffung von Produkten und Dienstleistungen aus, etwa die Hälfte davon auf kommunaler Ebene. Die öffentliche Hand ist damit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Diese Marktmacht kann und muss genutzt werden, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen entlang unserer Lieferketten zu verbessern. Der Faire Handel (engl. fair trade) bietet dafür einen wichtigen Hebel und einige Städte haben sich auf den Weg gemacht, Fair Trade Towns zu werden. Koblenz gehört seit einiger Zeit dazu!



Der Faire Handel und ich

Um die Lebens- und Arbeitsbedingungen entlang globaler Produktionsketten verändern zu können, müssen wir erstmal verstehen, warum Verbesserung notwendig ist und wo man ansetzen muss. Mein Interesse für den Fairen Handel und nachhaltige Lieferketten wurde während meines Studiums geweckt. Jedoch nicht, weil ich eine interessante Veranstaltung dazu besuchte - im Gegenteil! In den Wirtschaftsmodulen etwa wurde z. B. das optimale Output berechnet wurde, ohne die negativen Auswirkungen auf Menschen und Umwelt auch nur zu erwähnen. Die Einhaltung der Menschenrechte wurde in keiner einzigen Variablen der verwendeten Gleichungen abgebildet und spielte daher in den Berechnungen eigentlich keine Rolle. Umweltausbeutung wurde als legitime Maßnahme zur Kostensenkung definiert. Diese wirtschaftliche Denkweise fand und finde ich fragwürdig: Wie kann man vor den Folgen seines Handels die Augen dermaßen verschließen und einfach die Ausbeutung von Menschen und die Zerstörung der Umwelt als beste Option annehmen? Daher suchte ich nach Alternativen und stieß so auf den Fairen Handel.


Was ist Fairer Handel?

Fairer Handel zeigt dem oft ungerechten Welthandel eine wirksame Alternative auf. Egal auf welchem Kontinent oder in welchem Land: Menschen wollen mit ihrer Arbeit mindestens so viel verdienen, dass sie davon leben können. Das ist logisch und nachvollziehbar - dennoch ist es leider nicht für alle Realität. Während einige Wenige vom wachsenden globalen Reichtum profitieren, haben die Menschen am Anfang der Lieferkette oft kaum eine Chance, einen angemessenen Lebensunterhalt zu verdienen. Dort setzt der Faire Handel an. Er verfolgt Handelsbeziehungen, die auf Dialog, Transparenz und Respekt beruhen, statt auf Fremdbestimmung, Ausbeutung und Gewinnmaximierung. Dabei wird immer das Ziel verfolgt, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Produzent:innen zu verbessern. Der Faire Handel ist damit mehr als der reine Import und Vertrieb von Produkten. Er gibt den Menschen hinter den Produkten ein Gesicht und behandelt sie als gleichberechtigte Handelspartner:innen. Eine Ankerfunktion nehmen dafür auf lokaler Ebene oft die Weltläden ein. Weltläden sind als Fachgeschäfte, Bildungsakteure und politische Aktivist:innen das Rückgrat des Fairen Handels in Deutschland. Vor Ort bieten sie in ihren Läden Produkte aus dem Globalen Süden an, deren Lieferkette möglichst kurz und damit gerecht und nahvollziehbar ist. Im Laufe der Jahre haben sich unterschiedliche Ansätze des Fairen Handels entwickelt. Ein gemeinsames Ziel haben sie jedoch: die Lebensumstände von Kleinbäuer:innen und anderen Menschen, die unsere Alltagsprodukte herstellen, zu verbessern und den globalen Welthandel gerechter zu machen.


Die Kampagne „Fairtrade Towns“

Neben dem Auf- und Ausbau gerechter globaler Handelsstrukturen spielt Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit im Fairen Handel eine große Rolle. Der Verein Transfair e. V., der hinter dem Fairtrade-Siegel steht, hat dazu eine bundesweit erfolgreiche Kampagne ins Leben gerufen: die Fairtrade-Towns! Sie wurde bereits 2009 von TransFair e. V. initiiert und findet seitdem bei immer mehr Kommunen Anklang, sodass es in Deutschland mittlerweile 802 Fairtrade-Towns (Stand September 2022) gibt. Das Ziel der Zertifizierungsmöglichkeit ist es, verschiedene Akteure auf kommunaler Ebene zu vernetzten, das Bewusstsein für den Fairen Handel zu stärken, ökologischen wie fairen Konsum der Bürger:innen sowie die nachhaltige Beschaffung auf lokaler Ebene zu fördern. Als Fairtrade-Town können sich Städte, Stadtbezirke, Gemeinden, Verbandsgemeinden, Kreise, Regionen und Bundesländer bewerben. Um von Transfair e. V. ausgezeichnet zu werden, müssen die Kommunen 5 Kriterien erfüllen, die das Engagement für den Fairen Handel in verschiedenen Bereichen aufzeigen soll. Welche das genau sind, beschreibe ich im Folgenden am Beispiel unserer Stadt Koblenz.


Wie wurde Koblenz Fair Trade Stadt?

Engagement und Aktivismus für den Fairen Handel gibt es in Koblenz schon sehr lange, doch war die kommunale Unterstützung meist eher zurückhaltend. Mit dem neuen Oberbürgermeister David Langner und seiner Stadtverwaltung hat sich die Zusammenarbeit schrittweise verbessert. Im Herbst 2020 gab es beispielweise während der Koblenzer „Nacht der Nachhaltigkeit“ einen intensiven Austausch. Dort wurde von verschiedenen Stellen berichtet, was die Stadt Koblenz bereits für einen nachhaltigen Wandel tut. Nach diesen Berichten dachte ich einmal mehr, dass Koblenz auch Fairtrade-Town werden sollte, wo schon so viel für dieses Thema getan wurde. Das äußerte ich nach der Veranstaltung gegenüber unserem Oberbürgermeister, der die Idee gut fand und aufgriff. Die 5 Kriterien, die Koblenz für die Zertifizierung erfüllen muss, wurden geprüft:

  1. Steuerungsgruppe

  2. Im Frühjahr 2021 gründete sich in Koblenz eine Steuerungsgruppe, die auf dem Weg zur Fairtrade-Town und darüber hinaus die Aktivitäten vor Ort koordiniert. Diese Gruppe besteht aus Vertreter*innen der Bereiche Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft. Seit diesem Jahr ist auch die Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in dieser Steuerungsgruppe vertreten.

  3. Öffentlichkeitsarbeit

  4. Die Steuerungsgruppe organisiert seither Aktivitäten zum Thema Fairtrade in der Kommune und berichtet öffentlich darüber in Pressemitteilungen.

  5. Ratsbeschluss

  6. Der Stadtrat verabschiedete am 20. Mai 2021 einen Ratsbeschluss zur Unterstützung und des Fairen Handels. Dazu wurde als erster Schritt festgelegt, dass bei allen Sitzungen des Rates und der Ausschüsse sowie im (Ober-)Bürgermeister:innenbüro nur noch fair gehandelter Kaffee und ein weiteres Produkt aus Fairem Handel (z. B: Tee, Kekse, Bananen oder Limonade) ausgeschenkt werden soll.

  7. Faire Produkte

  8. Je nach Einwohnerzahl müssen in einer bestimmten Anzahl von lokalen Einzelhandelsgeschäften, Blumenläden sowie in Cafés und Restaurants mindestens zwei Produkte aus fairem Handel angeboten werden. In Koblenz (110.000 Einwohner:innen) sind das 21 Geschäfte und 11 Gastronomiebetriebe.

  9. Zivilgesellschaft

  10. Außerdem muss in Koblenz mindestens jeweils eine öffentliche Einrichtung Informations- und Bildungsaktivitäten zu Fairem Handel sowie faire Produkte anbieten. In Koblenz gilt das für jeweils eine Schule, einen Verein und eine Kirchen-/Glaubensgemeinde.

Da Koblenz alle Kriterien erfüllte, erhielt die Stadt die 29. September 2021 die Nachricht, dass ihre Bewerbung erfolgreich war. Die Auszeichnungsfeier mit Übergabe der Urkunde durch Transfair e. V. fand am 2. April 2022 statt. Koblenz nennt sich jedoch Fair Trade Stadt (nicht Fairtrade Town). Damit soll der Fokus auf einen ganzheitlichen Fairen Handel (engl. Fair trade) und nicht nur auf Produkte mit dem Fairtrade-Siegel gelegt werden.



Denk global, handle lokal – Was nützt die Auszeichnung?

Denk global, handle lokal – Dieser Leitspruch ist nicht nur für unsere eigenen Konsumentscheidungen wegweisend, sondern auch für die Ausgaben und Entscheidungen von Kommunen. In beiden Bereichen ist ein Wandel notwendig, damit weltweit ein menschenwürdiges Leben möglich wird. So finden sich diese Anliegen in den Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) wieder, die wiederum den Kern der 2015 von der UN verabschiedeten Agenda 2030 darstellen. Die Agenda versteht sich als Fahrplan für eine global nachhaltige die Zukunft. Deutschland hat sich mit der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie 2017 zur Umsetzung der SDGs verpflichtet. Damit müssen auch Städte und Gemeinden die beschlossenen Ziele lokal umsetzen. Die Kampagne der Fairtrade-Towns leistet dazu einen wichtigen Beitrag, denn sie gibt dem Engagement der Kommunen einen Rahmen.


In Koblenz wurde der Faire Handel durch die Auszeichnung als Fair Trade Stadt zur Chef:innensache. In der öffentlichen Beschaffung werden nun faire und ökologische Produkte berücksichtigt. Hoffnung besteht, dass der verpflichtende Faire Kaffee ein Einstieg zum Umdenken in weiteren Verwaltungsbereichen und Beschaffungskonzepten sein könnte (siehe femnet 2018: S. 2). Der Frage, inwieweit der Faire Handel unsere Gesellschaft verändern kann, ging das Ceval Institut Saarbrücken bereits 2016 nach. Darin bestätigt die Autorin Susane Bäthge, dass „die Fair-Handels-Bewegung in einigen Kommunen z. B. durch die Initiierung von Beteiligung an Prozessen wie den Fairtrade-Towns […] zu einer verstärkten Öffentlichkeitsarbeit, Sensibilisierung und höheren Akzeptanz des Themas faire Beschaffung in der öffentlichen Verwaltung beigetragen hat […]“ (Bäthge 2016: S. 14).


In der Steuerungsgruppe kommen zudem Akteur:innen aus Zivilgesellschaft, Gastronomie, Einzelhandel, Vereinen und Bildungseinrichtungen mit Vertreter:innen der Stadt an einen Tisch. Die direkte Vernetzung ist ein starker Hebel zur Förderung des Fairen Handels, der Vernetzung und dem Wissensaustausch. Die bereits vorhandene Kompetenz in der Bevölkerung wird so zielgerichtet für Konzepte oder Veranstaltungen genutzt. Von den Vernetzungs- und Synergieeffekten profitiert die Stadt selbst, wie auch die Beteiligten untereinander. In Koblenz führen beispielsweise mehrere Organisationen bereits seit Jahren Aktionen und Veranstaltungen anlässlich der Fairen Woche (Aktionstage des Fairen Handels) durch. Allerdings wussten die Organisator:innen bisher nicht immer voneinander, entwickelten so Aktionen aneinander vorbei und konkurrierten unter Umständen sogar durch überschneidende Termine um Besucher- und Teilnehmer:innen. In diesem Jahr gab es durch die Fair Trade Steuerungsgruppe einen Rahmen, in dem verschiedenen Akteure zusammenkamen, gemeinsam Aktionen entwickelten und sich abstimmten. Durch die Kräftebündelung und Bekanntgabe der Veranstaltungen in den verschiedenen Netzwerken der jeweiligen Akteure, wird (hoffentlich) eine größere Öffentlichkeit erreicht, das Engagement für den Faire Handel in Koblenz sichtbarer und bei einigen das Interesse zur Beteiligung geweckt.



Fazit

Grundsätzlich würde ich die Auszeichnung als Fair Trade Stadt als Ansporn für mehr Engagement bezeichnen. Sie bietet einen konkreten Maßnahmenkatalog, der relativ niedrigschwellig von Kommunen erfüllt werden kann und sie gibt Anleitungen und Hilfestellungen, um die öffentliche Beschaffung fair, ökologisch und nachhaltig zu gestalten. Da dies für die Erreichung der SDGs sowie von den Kommunen erwartet wird, können Städte das Engagement der lokalen Zivilgesellschaft unter dem Dach der Fairtrade-Town Kampagne gewinnbringend nutzen. Da die Auszeichnung auf zwei Jahre befristet ist, schafft die Rezertifizierung einen dauerhalten Anreiz, Nachhaltigkeitsthemen kontinuierlich auf die lokale Agenda zu setzen. Damit haben die zivilgesellschaftlichen Akteure gegenüber den Entscheidungsträger:innen ein weiteres Argument in der Hand, Fairen Handel und Nachhaltigkeit in städtischen Bereichen zu berücksichtigen.


Über die Steuerungsgruppen haben wir ein Zugang zur Verwaltung und eine Vernetzungsmöglichkeit geschaffen. Sie bieten Interessierten im besten Fall ein gewinnbringendes Austauschformat mit allen Akteuren der Region, die sich zum Thema Fairer Handel und Nachhaltigkeit engagieren. Auf diese Weise wird das Engagement in der Stadt gestärkt.


Die Fairtrade-Town Kampagne kann für Kommunen daher ein gutes Aushängeschild für ihr Engagement sein, mit dem sie als gutes Vorbild für nachhaltigen Konsum gegenüber den eigenen Bürger:innen oder anderen Städten fungiert.


Ist eure Heimatstadt oder Gemeinde bereits Fairtrade zertifiziert und wie sinnvoll findet ihr das? Wie könnten Koblenz oder euer Wohnort noch fairer werden? Hinterlasst dazu doch gerne einen Kommentar!


 

Aufruf zum Mitmachen:

In den Steuerungsgruppen sind neue Interessierte immer herzlich willkommen. Je mehr sich an der Kampagne und den Aktionen beteiligen, desto besser.


Literatur: