Neues Handbuch für soziale Bewegungen

Mit dem neuen Handbuch des ILA-Kollektivs „Die Welt auf den Kopf stellen“ wollen wir Menschen in sozialen Bewegungen bei der Entwicklung von Strategien für radikale Transformation unterstützen. Dafür bringen wir Theorie und Praxis, Wissenschaft und Aktivismus und Transformations- und Bewegungsdebatten zusammen.


Von Tobias Kalt




Das gute Leben für alle scheint in weite Ferne gerückt. Denn eine Krise jagt die nächste. Gerade die Pandemie so halbwegs überstanden, überfällt Russland die Ukraine. Die Energiepreise und Lebenshaltungskosten in Europa steigen und immer mehr Menschen sind von Armut bedroht. In Ostafrika explodieren währenddessen die Lebensmittelpreise und führen zu Hungersnöten. Auch die Klimakrise tritt diesen Sommer deutlich zutage: Immer mehr Waldbrände in Europa und Nordamerika, extreme Hitze und Dürre in China und eine verheerende Flutkatastrophe in Pakistan. Gleichzeitig bringt die Bundesregierung abgeschaltete Kohlekraftwerke wieder ans Netz und investiert massiv in Infrastrukturen für umwelt- und klimaschädliches Flüssiggas. Dass rassistische wie auch homo- und transfeindliche Gewalt in Deutschland immer noch Alltag sind, zeigt sich bei der Tötung von zwei Schwarzen Menschen durch die Polizei in Frankfurt und Dortmund Anfang August und beim tödlichen Übergriff auf einen Besucher des Christopher Street Day in Münster Anfang September. Angesichts der sich zuspitzenden Krisen, des fossilen Rollbacks und der alltäglichen rechten Gewalt bräuchte es eine radikale Transformation der Verhältnisse, die die Welt auf den Kopf stellt. Doch wer soll diese vorantreiben?



Soziale Bewegungen als Transformationsakteure

Ein Blick in die wissenschaftliche Transformationsliteratur kann einen hinsichtlich der Frage nach den zentralen Akteure radikaler Transformation etwas ratlos zurücklassen. Dort ist es wahlweise der Staat, der die Transformation planen und steuern soll. Doch was, wenn der Staat gar kein ureigenes Interesse an radikaler Transformation zeigt? Die materialistische Staatstheorie geht schließlich davon aus, dass der Staat kein Akteur ist, sondern ein Terrain, auf dem verschiedene gesellschaftliche Kräfte darum kämpfen, dass ihre Interessen staatliches Handeln leiten. Ein anderer potenzieller Transformationsakteur sind die aufgeklärten Wirtschaftseliten, die vorausschauende Unternehmens- und Investitionsentscheidungen treffen und Kapital von fossilen in grüne Sektoren umleiten. Doch was, wenn fossile Geschäftsmodelle weiter funktionieren, wenn Wettbewerbsdruck und Shareholder-Orientierung bedeuten, dass kurzfristige Rendite mehr zählt als langfristiges nachhaltiges Handeln? Schließlich wird in der Transformationsdebatte viel Hoffnung in die sogenannten Pioniere des Wandels gesetzt. Diese entwickeln abseits bestehender Institutionen und Verwertungszwänge technologische und soziale Innovationen, die wir für eine nachhaltige Zukunft dringend brauchen. Doch was, wenn schon längst viele der wichtigen Zukunftstechnologien und das Wissen um gesellschaftliche Alternativen vorhanden sind, sie allerdings in den Schaltzentralen der Macht wissentlich ignoriert werden?


Es verwundert, dass in der dominanten Transformationsdebatte soziale Bewegungen kaum beachtet werden. Dabei wurden wichtige soziale und politische Errungenschaften – wie das Wort schon sagt – immer errungen von sozialen Bewegungen, beispielsweise das Frauenwahlrecht, die Abschaffung der Sklaverei oder Arbeitszeitreduzierungen. Dass radikale Transformation gegen die Widerstände im fossilen Kapitalismus ohne den Druck von der Straße passiert, ist kaum vorstellbar. „Power concedes nothing without a demand, it never did and it never will“, wusste schon der Abolitionist Frederick Douglass (1857). Radikale Transformation geht also nur mit und durch soziale Bewegungen. Der letzte Sachstandberichts des Weltklimarats unterstreicht das noch einmal: „Collective action as part of social or lifestyle movements underpins system change“ (IPCC 2022: 106). Wenn wir über Transformation sprechen, müssen wir also soziale Bewegungen als zentrale Transformationstreiber in den Blick nehmen.



Entwicklung von Transformationsstrategien in sozialen Bewegungen

Es sind die vielen Menschen, die für eine gerechte und ökologische Zukunft auf die Straße gehen, die Hoffnung machen in diesen Zeiten. Sei es in den Arbeitskämpfen von Beschäftigten im Pflegesektor, in Kämpfen von Geflüchteten für Bleiberecht, in Recht-auf-Stadt-Bewegungen, in der Klimabewegung oder in der (post)migrantischen Migrantifa. Doch trotz kreativer Aktionen, gezielter Kampagnen und teils großer Mobilisierungen ändert sich oft zu wenig zu langsam. Das Gefühl, dem guten Leben für alle nicht näher zu kommen, sondern in Abwehrkämpfen verhaftet zu bleiben, macht sich breit. Bei vielen setzen irgendwann Ernüchterung, Ermüdung oder gar Burnout ein, Hoffnungslosigkeit und Resignation dominieren, und einige ziehen sich dauerhaft aus dem Aktivismus zurück.


Einige aus dem ILA-Kollektiv* haben sich in letzter Zeit vermehrt mit der Frage beschäftigt, wie soziale Bewegungen aus der Defensive kommen und zu radikaler Transformation beitragen können. Dabei haben wir festgestellt, dass die Debatten zu sozialem Wandel in der Wissenschaft und in sozialen Bewegungen oft parallel zueinander laufen und wenige Berührungspunkte haben. Dabei könnten beide viel voneinander lernen. Soziale Bewegungen haben einiges an Praxiswissen darüber, wie politische Forderungen durchgesetzt und sozialer Wandel erwirkt werden können, während in der Transformationsforschung Erkenntnisse über Verlauf, Dynamik und Bedingungen für den umfassenden Wandel gesellschaftlicher Systeme gewonnen werden.


Aus unseren Diskussionen darüber, wie ein bewegungszentrierter Transformationsansatz aussehen könnte, entstand die Idee eines Handbuchs für Menschen in sozialen Bewegungen. Dieses soll einerseits Transformationswissen vermitteln und andererseits dabei unterstützen, Strategien für radikale Transformation zu entwickeln. Das Handbuch geht zwei Fragen nach: Welche Rolle können soziale Bewegungen in Transformationsprozessen spielen? Und wie können wir Strategien in Bewegungen entwickeln, um radikale Transformation voranzutreiben? Im Buch finden sich einerseits kurze theoretische Kapitel und andererseits praktische Bausteine für die Strategieentwicklung. In den Theoriekapiteln vermitteln wir Transformationswissen. Wir beschreiben die Ziele radikaler Transformation, über welche Wege diese Ziele erreicht werden können, wie soziale Bewegungen durch den Aufbau von Gegenhegemonie dazu beitragen können, welche Rolle der Staat in der Transformation spielt und wie sich soziale Bewegungen auf den Staat beziehen können. In den Bausteinen greifen wir Strategien aus der Geschichte sozialer Bewegungen aus verschiedenen Kontexten auf und zeigen, wie diese zu einer radikalen Transformation beitragen können. Darüber hinaus geben wir zu jedem Strategiebaustein praktische Tools und Übungen zur Strategieentwicklung mit an die Hand, die Aktivist:innen in ihren jeweiligen Gruppen durchführen können. Dabei geht es unter anderem um systemischen Aktivismus, Intersektionalität, Kämpfe verbinden, solidarische Beziehungsweisen, revolutionäre Realpolitik, Organizing, Storytelling, Kompliz:innenschaft, Traumabearbeitung, die Frage der Eskalation, und viele weitere.




Wir hoffen, dass wir mit dem Handbuch Orientierung für Strategiedebatten in sozialen Bewegungen geben können und einen kleinen Beitrag dazu leisten können, die Welt auf den Kopf zu stellen.



Wie kommt ihr an das Handbuch?


Lasst uns doch gerne in den Kommentaren wissen, ob das Handbuch für euch hilfreich ist, welche Fragen es offenlässt und welche neue Ideen und Diskussionen es bei euch oder in eurer Gruppe entfacht hat!

 

Hintergrund

ILA steht für Imperiale Lebensweise und solidarische Alternativen. Das ILA-Kollektiv besteht aus Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen, die in den letzten Jahren zu den Themen imperiale Lebensweise und sozial-ökologische Transformation mehrere Bücher veröffentlicht und Workshops veranstaltet haben. http://ilakollektiv.org/

Literatur