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Neue Narrative des Fortschritts

Eine Kurzgeschichte in drei Teilen


von Noah Krohn


Was wäre, wenn wir Fortschritt nicht als technischen Fortschritt, sondern als Vorankommen im Mensch-Natur Verhältnis deuten würden? Könnte das eine utopische, schöne Welt schaffen? Dieser Frage gehe ich in dieser Kurzgeschichte in drei Teilen nach. Wir werden sehen, wo wir landen.


7:30 morgens. Der Wecker reißt Noah unsanft aus seinem Schlaf. Das Halbdunkel des Raums schluckt ihn. Er checkt erstmal seine Mails. Schon wieder zwei Uniabsagen auf sei.

Genervt steht Noah auf. Er setzt sich mit einem Schinkenbrot an seinen Tisch. Durch die schmutzig grauen Wolken kriecht die Sonne nur schleichend. Deswegen nimmt er lieber noch eine Vitamin-D Tablette extra. Er schaut auf die Uhr. Hektisch springt er auf. Schon wieder zu spät. Atemlos erreicht er gerade noch so die U-Bahn. Mal schauen, was das Arbeitscenter heute für ihn hat. Die U-Bahn Luft kratzt im Hals. Ist sauer. Schwer. Tot. Vielleicht mal Zeit für ne neue Maske, obwohl die so teuer sind. Leider trotzdem nötig. Bei der Luft.

An seiner Haltestelle steigt Noah aus. Er läuft an den vertrockneten Büschen und den endlos langen Autostraßen vorbei bis zum ganzheitlich grauen Gefängnis-Gebäude der Arbeitsvermittlungsstelle. Trotz zwischenzeitlicher Renovierung sieht der Bau noch wie einer aus. Beklemmend. Grau. Zerbrochen. Klotzig. Wie fast jedes Gebäude hier.

Der enge Aufzug quietscht. Ein stahlgrauer Kasten wie ein Sarg. Im dreiundzwanzigsten angekommen läuft Noah den personlosen Flur entlang. Die Tür zu seinem Sachbearbeiter ist schwer. Schnell setzt Noah sich vor den Tisch. Wie gestern schon. Und vorgestern. Wie ziemlich oft schon. Gelangweilt blättert der Beamte durch seinen Karteikartenkasten. Nur eine nimmt er heraus. Gartenarbeit. Na toll. Da werden doch die Hände dreckig. Vielleicht kann er immerhin etwas zu essen rausreißen.

angekommen steht Noah auf dem grauen Betonplatz des Amts.

Asphaltfläche. Noch und nöcher. Der ganze Parkplatz für die Unzahl der ungeheuer großen Autos. In eine Ecke gezwängt sechs einsame Kästen aus Holz. In fünf davon ein bisschen Grün drin. In einem größeren zwölf Vögel. Und eine junge Frau in vertrocknet-grünem Overall. Gelangweilt nimmt Noah eines der Blätter in die Hand und zieht, bis es abreißt. Abbricht. Endet. Er soll die Karotten ernten. Karotten sind doch diese orangenen Gemüsestangen. Die passen gut zu Schnitzel. Er wusste gar nicht, dass die unter der Erde wachsen. Wenn er oben an dem Grünen Zeug zieht, kann er das Orange leuchten sehen und sie herausreißen. Achtlos wirft er sie auf den Boden der Schubkarre. Wie er diese Arbeit

Nachdem er die Karotten geerntet hat, soll er die „Hühner“ füttern. Anscheinend sind das die Vögel in dem einen Kasten. Sonst kennt er Hühnchen nur als Beine auf seinem Teller. Nicht so dicht gedrängt in dem kleinen Stall. Er dachte immer, die sehen ganz anders aus. Dass sie nur zwei Beine haben, verwirrt ihn. In der Packung sind doch immer sechs. Naja, auf seinem Teller mag er die Viecher lieber. Da gehören sie schließlich auch hin. Wie leicht es wäre, denen jetzt den Hals umzudrehen. Dann hätte er mal wieder was au . Aber er soll sie ja nur füttern.

Nach dem Füttern soll er noch Unkraut vernichten, die Tomaten zurechtstutzen, die Bohnen umtopfen und die Gurken gießen. Insgesamt echt viel zu tun. Aber irgendwie macht es fast schon Spaß. Gartenarbeit ist ja doch gar nicht so schlecht, denkt er am Ende. Es ist schön, mal wieder ein paar lebendige Pflanzen zu sehen. Nicht nur diese vertrockneten Büsche an der U-Bahn-Haltestelle und das künstlich grüne Gras auf dem Gelände, das sie Park nennen.

Vielleicht darf er ja morgen wieder hierherkommen.


Es ist 8 Uhr morgens und du wirst von dem Zwitschern der Vögel aus dem Baum vor deinem Fenster geweckt, kurz bevor dein Wecker eigentlich geklingelt hätte. Schön, wie die Hopfenranken inzwischen bis zu deinem Fenster hochragen und das Licht, das durch dein Fenster fällt, Grün färben. Langsam setzt du dich auf. So richtig Lust, direkt aufzustehen hast du nicht, aber die Arbeit ruft. Ihr wollt heute die Apfelbäume auf dem Dach endlich zurechtstutzen. Sie dürfen zwar auf dem Dach wachsen – die Späternte wird einen wunderbaren Apfelsaft ergeben – aber sie sollen auch möglichst viele Äpfel tragen. Zum Frühstück nimmst du dir eine Schüssel Schokocornflakes und setzt dich auf die Terrasse unter den Holunderstrauch. Du freust dich schon auf den tollen Holundersirup, den ein Teil der Blüten ergeben wird. Heute leuchten auch die Erdbeerblüten besonders kräftig. Von der Straße hörst du die Straßenbahn vorbeifahren und das vereinzelte Summen der Elektroautos.

Nach deinem Frühstück stehst du auf und pflückst dir noch ein paar Himbeeren, die du auf dem Weg auf das Dach genüsslich isst. Hui, es ist viel zu warm hier oben. Die Asphaltflächen der Straßen schwirren vor Hitze. Schnell unter den Schatten der Bäume, die machen das Ganze erträglicher. Hier kannst du auch anfangen, die Triebe abzuschneiden, die der Baum in das Blau des Himmels wachsen lassen will. Das darf er aber nicht, denn dann wird der Ertrag geringer. Nachdem ihr die Bäume gestutzt habt, gießt du sie noch und gönnst dir für die Pause einen frischen Apfel vom Baum.

Nach deiner Pause geht es weiter auf die Felder vor der Stadt. Mit dem E-Auto vorbei an den Gewächshäusern und den Fabriken. Den Läden und Schulen. Du freust dich, dass die Gebäude nicht mehr so grau und massiv sind wie früher. Sie sind zwar immer noch klotzig auf eine Weise, aber der Bewuchs und die bepflanzten Balkone verbergen diese Form, brechen sie auf. So sieht man auch nicht mehr all das Grau der Wände und die Wärme der Sonne wird ein bisschen abgefangen. Trotzdem noch genug Asphalt drum rum, der die Wärme unerträglich macht. Da werden wohl noch ein paar Bäume gepflanzt werden müssen.

Kurz bevor du auf den Feldern ankommst, riechst du schon die Noten von frischem Gras, den Kanälen und den Kühen. Hier auf den Wiesen und kleinen Waldflächen haltet ihr eure Nutztiere. Die Tiere sind einen Großteil des Jahres in der Natur und werden nur ein wenig zugefüttert, sonst wachsen sie zu langsam. Aber hier auf den Wiesen und Feldern haben sie es gut. Mit den Obstbäumen als Schatten und den Bächen, die die Bäume mit Wasser versorgen, fehlt es den Tieren echt an nichts. Zwar werden sie nicht so super alt, sonst müsstest du ja ewig auf dein Essen warten, aber dafür haben sie währenddessen hier ein gutes Leben und sie werden ja auch human geschlachtet. Ein starker Schlag gegen den Kopf mit dem Bolzenschussgerät und schon spüren sie nicht mehr, wie ihnen die Kehle aufgeschnitten wird. Zwar gibt es immer mehr Stimmen, die Zweifel anmelden, dass auch diese Form der Schlachtung nicht human sei, dass gar keine Schlachtung human sein, aber das ist ja Blödsinn. Was sollst du denn sonst essen?

Mit diesen Gedanken im Kopf schlenderst du weiter zum temporär eingerichteten Stall, in dem ihr den jungen Kühen die Hörner ausbrennt, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen, das würde das Stresslevel der Kühe erhöhen und das ist gar nicht gut für den Geschmack des Fleisches. Im Vorbeilaufen an den einzelnen Boxen hältst du immer wieder an und streichelst die kleinen Kälbchen, die darin liegen. Süß, wie sie mit ihren rauen Zungen deine Hand ablecken. Dem ein oder anderen Kälbchen gibst du eine Handvoll Klee von der Wiese, gerade denen, die schon keine Hörner mehr haben. Mit großen Augen starren sie zu dir herauf und plötzlich klingen die panischen Schreie der Kühe, denen die Hörner grade entfernt werden, fast menschl... Aber Arbeit ist nun mal Arbeit und irgendjemand muss sie machen.

Circa 8:30 Uhr morgens wache ich sanft von den Sonnenstrahlen geweckt auf. Seit auf den Straßen keine Autos mehr fahren und auch ein Großteil des restlichen Umgebungslärms verschwunden ist, brauche ich keinen Wecker mehr. Ich schlafe so tief und gut, dass ich automatisch um halb neun herum aufwache, weil mein Körper restlos erholt ist und ich direkt Lust habe aufzustehen. Falls das mal nicht funktionieren sollte, kann ich immer noch den Spiegel im Sonnenschacht so einstellen, dass mich die Sonne zu einer angenehmen Zeit weckt. Da mein Schlafzimmer halb unterirdisch liegt, bringt eine konkave Konstellation an Spiegeln die warme Sonne auf mein Bett und in mein Schlafzimmer. Damit die Luft hier unten nicht genauso einschläft wie ich, funktioniert dieser Schacht gleichzeitig auch als Öffnung für die natürliche Luftzirkulation im Haus.

Um meinen Tag angemessen zu starten, laufe ich die paar Treppenstufen ins Wohnzimmer nach oben. „Wie schön smaragdgrün das Moos an den Flurwänden leuchtet“, denke ich auf meinem Weg ins Esszimmer. Dort angekommen pflücke ich mir einen frischen Apfel vom wild wuchernden Baum, der in der Mitte des Hauses auf meiner Wohnwiese wie ein Bild aus dem offenen Dach wächst und wasche ihn am kleinen, natürlichen Wasserfall, der zwischen Esszimmer und Küche fließt. Hui, ist das Wasser heute kalt, doch das wird dem Kreislauf gut tun. Da die Vögel schön zwitschernd auf dem Esstisch sitzen, bleib ich in der Küche, esse heute halt hier und passe auf, dass ich mich langsam bewege. Mitten während meinem Frühstück vibriert mein Handy, ich ignoriere es und esse erstmal fertig. Erst nachdem ich mein Geschirr in den Wasserfall gestellt habe, schaue ich drauf und sehe, dass mein Kalender mir eine Erinnerung geschickt hat. Heute Abend haben wir eine Gemeindeversammlung, um über den Bau des Krankenhauses zu reden. Ich vertrete bei dieser Sitzung unter anderem die Eschen, die noch auf dem Gelände stehen „Ich muss unbedingt nochmal nachschauen, wie viel Last die Baumkronen tragen können und wie die Wurzeln von Eschen wachsen, damit wir genug Abstand zu den ebenerdigen Räumen einplanen“, denke ich und lege mein Handy beiseite. Das Krankenhaus ist ein spannendes Gebäude. Bis auf die Räume in den Baumkronen der Eschen, die natürlich den Baum nicht belasten und ihn teils sogar stabilisieren, werden die Räume alle ebenerdig oder unterirdisch liegen. Deswegen haben wir extra viele unterirdische Gärten mit fluoreszierenden Pflanzen und Lichtgänge von oben eingeplant. Die Luftversorgung der unteren Räume wird hier vor allem über die natürliche Lungenfunktion der Gänge aufrechterhalten. Da die Kranken- und Verletztenzahlen in letzter Zeit aber eh auf natürliche Weise immer weiter sinken, gibt es bereits erste Pläne, wie die Räume noch genutzt werden können. Einige werden wohl einfach der Natur überlassen werden können, da sie einen idealen Schutzort zum Überwintern bieten, andere werden wir als erste Wohnräume für Ortsfreie anbieten, wenn sie gerade nicht für den Krankenhausbetrieb gebraucht werden.

Aber noch ist das alles Zukunftsmusik, noch, bis zur Gemeindeversammlung heute Abend. Bis dahin ist aber noch Zeit und so gehe ich erstmal in das Gemeinschaftsatelier unseres Stadtviertels, um an meinen Bildern weiterzuarbeiten. Auf dem Weg dorthin finde ich zufälligerweise mitten auf einem Ast, der auf dem Weg liegt, ein wunderschönes Stück bläulich schimmerndes Moos, das sich wunderbar in mein lebendiges Bild einfügen wird. Es ist schon faszinierend, wie viele verschiedene Farben und Strukturen Moos produzieren kann, die sich alle wunderbar zu einem tatsächlich lebendigen Bild komponieren lassen. Und noch schöner wird das, wenn das Moos anfängt zu blühen und die Vielzahl an Insekten davon angezogen wird. Ein Bild, das nicht nur lebendig ist, sondern selbst Leben schafft. Genau so, wie es sein soll. Und inzwischen auch genau so, wie es meistens ist.





Wenn diese Geschichte Resonanz in dir ausgelöst hat, ob positiv oder negativ, nutze doch diese entstandene Energie um eine eigene Zukunftsvision zu entwickeln. Wie siehst du eine utopische Zukunft? Was ist für dich wichtig, wie soll deine Zukunft aussehen? Wenn eine Geschichte, ein Gedanken, eine Vision entsteht, schreib es gerne in die Kommentare! Illustrationen von Anne-Ly Redlich

 

Zur Person

Noah studiert im fünften Bachelor Semester an der HfGG und interessiert sich besonders für Formen des solidarischen Wirtschaftens. In seiner Freizeit ist er als Aktivist zum Thema Veganismus unterwegs.




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