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Verwirrende Zeiten brauchen neue Geschichten


Von Anne-Ly Redlich



In der Nähe des Koblenzer Hauptbahnhofs hängt ein Werbeplakat für eine Bank. Darauf steht: „Verwirrende Zeiten brauchen klare Finanzen.“ Das ist ein großes Versprechen in Tagen, in denen eine Krise die nächste jagt und das Bestehen des Geldsystems ebenso fraglich erscheint wie der angekündigte Regen nächsten Donnerstag. „Großes Versprechen“ ist natürlich ein Euphemismus. Es ist ein leeres Versprechen. „Verwirrende Zeiten“ trifft es dagegen ganz gut. Verwirrende Zeiten brauchen große Versprechen. Verwirrende Zeiten brauchen starke Helden¹. Verwirrende Zeiten brauchen die Hoffnung auf ein alles wird gut. Oder?




Rückblende.


Kind, sagen sie. Du brauchst keine Angst zu haben. Halte dich an Helden. Die machen das schon. Sie geben mir Geschichten. Geschichten von Helden und von alles wird gut. Alles wird gut ist weich, warm und beruhigend. Es hat Arme, die halten können und eine Stimme, die leise summt.


Kind, sagen sie. Du kannst doch sicher eine Geschichte von der Realität unterscheiden. Die Welt ist nicht gut und gerecht. Die Menschen sind grausam und egoistisch. Vertraue niemandem und sieh zu, dass du deine Ellbogen trainierst. 'Naiv’ nennen sie mich. Das ist ihr Wort dafür, wenn wer zu stark an alles wird gut glaubt. Sie stehen würstchenwendend am Grill und reden vom Untergang der Menschheit, als sprächen sie über den Wetterbericht.


Wenn auch in mir die Zweifel an alles wird gut aufsteigen, bekomme ich keine Luft mehr. Dann schluckt mich die Panik und ich muss warten, bis sie sich wieder in ihren Winkel verkriecht, wo ich alles wird gut davorsetze, damit sie so schnell nicht wieder rauskommt. Alles wird gut ist mein Zaubermittel, das darf ich nicht verlieren, das darf mir nicht ausgehen; was soll bloß werden, wenn ich einmal das Rezept nicht finden kann?




Leider ist alles wird gut ein Placebo. Je älter ich werde, desto mehr wächst diese Erkenntnis. Früher oder später werde ich andere Geschichten brauchen, die mir gegen die Verzweiflung helfen, wenn ich mich nicht mein Leben lang belügen will.


Resiliente Zukunftsbilder sind nicht davon abhängig, dass das „Außen“ eine Besserung erfährt. Resiliente Zukunftsbilder enthalten ein selbstwirksames, handelndes „Ich“, das mit Krisen umzugehen weiß.


Nach Hannah Arendt gibt es ein solches handelndes „Ich“ aber nicht isoliert, sondern nur eingebunden in einen öffentlichen Raum, in dem gemeinsame politische Gestaltung stattfindet. In unserer individualisierten Gesellschaft² ist uns das Gefühl für diesen Raum verloren gegangen. Für alles tragen wir angeblich individuelle Verantwortung – jeder Mensch für sich. Unsere Bildung, unseren Job, unsere Konsumentscheidungen, unser Wohlergehen - wir nennen das „individuelle Freiheit“. Im Namen dieser „individuellen Freiheit“ leugnen wir unsere Abhängigkeit voneinander und lehnen kollektive Verantwortung ab. Daraus ergibt sich die Kehrseite der individuellen Freiheit, die individuelle Verantwortung.


Nun sind wir als Menschen aber zwangsläufig voneinander abhängig, es gibt keine Gesellschaft ohne Interdependenz. Die individualisierte Gesellschaft legt im Namen des Versprechens individueller Freiheit einen Schleier über diese wechselseitigen Abhängigkeiten. Was sie uns dabei verschweigt, ist unsere Abhängigkeit von ihr, einem fragilen System, das immer wieder neue Krisen schafft, denen wir mit unserer individuellen Verantwortung nicht Herr:in werden können. Eigentlich ist uns ja schon die alleinige Verantwortung für unser eigenes Leben zu viel.


Deshalb braucht die individualisierte Gesellschaft die Heldengeschichten: Der Held ist stark genug, um als einzelnes Individuum Verantwortung für Viele zu übernehmen. So ist Veränderung zum Besseren möglich, ohne dass es kollektive Verantwortungsübernahme braucht, die Interdependenz anerkennt. Und deshalb brauchen wir Geschichten jenseits von Helden und alles wird gut, damit wir über dieses System hinausdenken und uns als politische Wesen, als Gestaltende unserer Welt betrachten können.




Ich fasse zusammen:


Die alten Geschichten sind nicht mehr zeitgemäß. Entweder lassen sie uns mit einer Verantwortung allein, die viel zu groß für uns ist, oder sie wiegen uns in einer Sicherheit, die es nicht gibt.


Nachhaltige Alternativerzählungen brauchen ein handelndes, politisches, gestaltendes „Ich“, das aber nicht wie der Held seine individuelle Freiheit nutzt, um Verantwortung zu übernehmen, sondern in ein soziales Netz eingewoben ist, in dem kollektiv Verantwortung übernommen wird. Resiliente Zukunftserzählungen enthalten also auch soziale Räume und Prozesse gemeinsamer Verantwortungsübernahme.


Geschichten dieser Art haben das Potenzial, uns stärken - nicht nur als Individuen, sondern auch als Gemeinschaften. Sie können uns Mut und Inspiration schenken, aktiv und gemeinsam an der Gestaltung der Welt zu arbeiten, in der wir leben wollen.

Die Zeit dieser Geschichten ist gekommen. Lasst sie uns erzählen!


 

¹Ich gendere das Wort „Helden“ in diesem Kontext nicht, weil es mir um eine patriarchale Erzählung geht. Mehr dazu im Essay „The Carrier Bag Theory of Fiction“ von Ursula K. Le Guin.


²Eine Gesellschaft, in deren Verständnis jeder Mensch individuell für sein Wohlergehen verantwortlich ist.


Hintergrund

Der Text entstand im Rahmen einer Prüfungsleistung im Schlusssteinmodul des Bachelor Ökonomie - Nachhaltigkeit – Transformation. Er beschreibt die Motivation für ein Kinderbuchprojekt über bedürfnisorientiertes Wirtschaften/ gemeinsame Organisation von Zusammenleben.

Literatur


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