Imaginationsforschung

Was ist das eigentlich?


von Annette Hilt


Detailaufnahme der Kunstinstallation „Überlebende der Bildentleerung“ von Martin Wiesinger
Detail „Überlebende der Bildentleerung“ von Martin Wiesinger

Warum beschäftigen wir uns an der CHG mit Imaginationsforschung. Und: Was ist das eigentlich: Imagination?


Mit ‚Imagination‘ ist historisch und auch in einem allgemeinen Verständnis eine Fähigkeit verstanden, sich ein Bild (‚Imago‘: lateinisch für ‚Bild‘) zu machen, und zwar in einer Vorstellung als ‚inneres Bild‘, sich eine Vorstellung zu machen von etwas, was so nicht einfach in der Realität vorhanden ist; es ließe sich auch mit ‚Phantasie‘ zu bezeichnen, alternative und zukünftige Szenarien zu entwerfen.

Daran knüpfen sich jedoch gleich Probleme und Unstimmigkeiten an:

Zum einen, wie denn reale von imaginären Bildern zu unterscheiden sind und welche Bedeutung diese ‚inneren Bilder‘ denn erhalten. Eine wichtige These, die nicht nur in der Psychologie, sondern auch in den Gesellschaftswissenschaften, der Kunst und der Philosophie aufgebracht wird, aber auch wiederum von uns selbst in unserem Alltag erfahren wird, ist die, dass jede Wahrnehmung, die wir machen, bildhaft ist: Welt wird erst verständlich, wenn sie für uns in einem sinnhaften Kontext steht. Ich sehe etwas, und nicht einfach nur rohe Sinnesdaten, ich sehe und benenne es als etwas: Beispielsweise eine Organisation als Organismus oder aber auch als Maschine.


Bilder – wie auch Sprache – sind ein Medium, wie wir in unserer Welt leben und mit ihr umgehen, Welt, Bilder von ihr, die Sprache, mit der wir uns über Welt verständigen, ist nicht voneinander zu trennen, Bilder sind nicht einfach ein Werkzeug, mit dem wir auf Welt zeigen; Bilder, wie auch Sprache, wirken implizit, sehr häufig unbewusst auf unsere Wahrnehmung von anderem und anderen wie auch von uns selbst. Als ein weiteres Beispiel: Auch Empathie, sich in andere hineinzuversetzen, beruht hochgradig auf Bildern, die wir uns von diesen anderen und dabei auch von uns selbst machen.


Zum anderen zeigt sich bei der zuvor genannten Konzeption von Imagination als Problem: Wir neigen dazu, die ‚inneren Bilder‘ und Vorstellungsvermögen auf die Fähigkeit der Bildgebung einzelner Personen zu beziehen; doch erhalten diese Bilder gerade dann Macht und Verbindlichkeit, wenn sie in einem sozialen Gebrauch sind: Es sind kollektive Bilder, es sind ‚social imaginaries‘ (Charles Taylor), die unsere Lebenswelt, unsere ökonomischen wie politischen Systeme und unser Verhalten prägen; erst der soziale Kontext gibt diesen Vorstellungen Wirklichkeit. Aber: Wie werden dann ‚‘innere Bilder‘ öffentlich? Wer imaginiert eigentlich? Welche Bilder werden wie und warum wirkmächtig, warum andere nicht? Wie sieht es mit Alternativen für andere Bilder oder für eine Pluralisierung von Bildentwürfen aus? Schließlich: Wie lässt sich zu solchen kollektiven Vorstellungen kritisch und reflexiv Stellung beziehen, wenn Bilder doch Medium unserer Wahrnehmung von Welt sind? Wie werden wir auf Bilder, die uns prägen, aufmerksam, wie ändern sich Bilder historisch und im interkulturellen Austausch, wie lassen sie sich ändern, wie können wir sie (politisch) gestalten?


Dies sind Fragen, die wir uns in der Imaginationsforschung stellen: Deskriptiv in der Beschreibung von solchen wirkmächtigen Bildern im öffentlichen Raum, der Ökonomie, der Kulturen in Geschichte, Gegenwart und Zukunft; reflexiv in der Überlegung, wie wir Konzepte von Imagination in unserem alltäglichen Handeln besser verstehen können; kritisch in der Überlegung, wie welche Bilder gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Prozesse anstoßen, für deren Auswirkungen wir Verantwortung tragen; gestaltend, wie alternative Bilder verantwortlich ins Spiel gebracht werden könnten.


Dazu haben wir in einem Workshop zum Thema ‚Das Imaginative der Politischen Ökonomie‘ (26.11.2021, veranstaltet von Prof. Dr. Annette Hilt und Prof. Dr. Walter Ötsch) zusammen mit Philosoph:innen, Soziolog:innen, Ökonom:innen und Literaturwissenschaftler:innen einen Raum der gemeinsamen Diskussion geöffnet: Wir hatten uns hier zunächst den Befund vorgenommen, dasssich der Imaginationsbegriff sowohl in der geschichtlichen Tradition als auch zwischen den einzelnen Fachdisziplinen vielgestaltigzeigt. Wie Praktiken des Imaginierens im ökonomischen wie im soziopolitischen Bereich angewendet werden und wie dies gestaltbar wird, zu diesen Fragen möchten wir den jetzt eröffneten Raum erweitern: u.a. in einem gemeinsamen Handbuch zur Imagination und über weitere Tagungen.



Ausstellungsfoto zu "Überlebende der Bildentleerung" des Künstlers Martin Wiesinger
„Überlebende der Bildentleerung“ von Martin Wiesinger

Zu einer anderen Praxis im Umgang mit Bild und Imagination gab die gemeinsame Diskussion mit den drei Künstler:innen Sophie Lindner, Theresa Schnell und Martin Wiesinger im Rahmen ihrer Ausstellung‚ "IMAGE OFF TRADE ON" (Leipzig, 19.11.-11.12.2021, Katalog) viel Anschauungsmaterial und Themen für die kritische Diskussion: Mit zwei Impulsvorträgen zur Bedeutung der Imagination in der Geschichte der Ökonomik (Prof. Dr. Walter Ötsch) und dem Selbstverständnis von uns Menschen als bilderschaffende Wesen (Prof. Dr. Annette Hilt) gingen wir in die Auseinandersetzung mit einigen der ausgestellten Werken: Wie sie ganz konkret unseren Blick auf die Bilder, in denen wir in unserer ökonomischen Praxis leben, verändern, uns aufmerksam machen auf Strukturen, die wir als selbstverständlich hinnehmen, uns aufzeigen, was wir gerade nicht (mehr) sehen. Mich hat hier insbesondere die Arbeit „Überlebende der Bildentleerung“ von Martin Wiesinger zum Nachdenken angeregt: Hier werden Bilder aus ökonomischen Lehrbüchern, die Komplexe wie Industriearbeit, Kaufverhalten, aber auch Armut thematisieren, dargestellt: diese Bilder sind sog. Stock-Fotografien, Bilder, die kommerziellüberdas Internet zur Illustration von beliebigen Themen vertrieben werden. Ob das in Ihnen Dargestellte in den Kontextenstehen, in den sie dann in der Werbung, aber auch zur Illustration von Theorien, gebracht werden, ist gleichgültig. Wer sind die Menschen, die uns auf diesen Bildern gezeigt werden? Was haben sie erlebt, wie haben sie den Moment erlebt, in dem dieses Foto entstanden ist.


In einem Text zu der Collage schreibt Martin Wiesinger: „Es spart Zeit und Kraft, auf die Website eines Stockphotography-Anbieters zu gehen und nach ‚Armut‘ zu suchen. Die Bilder, die man findet, erfüllen das, was und wie man es zu sehen erwartet und das, was ‚man‘ erwartet, formt die Kriterien, nach denen die Bilder angefertigt werden – ein perfider Circular Flow.“ Er beschreibt aber auch, wie ihn einzelne Bildmomente gepackt haben, Aspekte des Bildes, insbesondere Personen dort jenseits des Abbildcharakters für ihn zum Leben erweckt werden, er sich vorstellt „wirklich vor Ort und in diesem Augenblick der Aufnahme zu sein“ und hier auf einmal ‚widerständige Elemente‘ entdeckt: Menschen am Rande von Szenen, die ihren Blick auf etwas ‚außerhalb‘ des Bildes richten, Dinge, die nicht in der Inszenierung aufgehen. Die Collage lädt uns dazu ein, unsere eigenen Bilder von Welt noch einmal anders in den Blick zu nehmen, zu fragen, wer es ist, den wir sehen, wie er oder sie uns seine und ihre Geschichte erzählen könnte. Dass wir dies zu tun in der Lage sind, dass wir uns darüber austauschen und womöglich sogar in einen Dialog kommen können mit denen, von denen wir Bilder haben, ist eine Erfahrung aus dieser Ausstellung, die wichtig ist für neue Formen des Imaginierens, das versucht zu verstehen, wie wir heute leben und wirtschaften, auf wessen Kosten dies geschieht, wen wir dabei ausschließen: bewusst oder strukturell. Diese blinden Flecken unserer eigenen Bilder wahrzunehmen kann ein Beginn sein, nicht nur nach anderen Bildern zu suchen und sie zu gestalten, sondern auch die ‚inneren Bilder‘ zu einem Raum für eine Öffentlichkeit zu machen, in dem die Bedürfnisse von heute und für morgen gemeinsam verhandelt werden.

 
Annette Hilt

Annette Hilt lehrt und forscht an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz. Aus ihrer Perspektive als Philosophin arbeitet sie insbesondere an Fragen, wie wir Lebenswelt, Gesellschaft (dabei auch unser Wirtschaften) und Wissenschaft verstehen und diese aus unterschiedlichen Perspektiven gestalten können, wie wir miteinander in Kommunikation treten und wie Konzeptionen der Imagination für ein Verständnis der Geschichte, unserer Zeit und für die Zukunft nicht nur wissenschaftlich erforscht werden, sondern auch verantwortlich praktisch weiterentwickelt werden können.