Zukunftsbildung braucht Persönlichkeitsentwicklung

Studieren ist viel mehr als das Aneignen von Fachwissen und Titeln. Studieren ist immer auch Persönlichkeitsentwicklung – und die braucht eine stärkere Begleitung


Von Sebastian Möller


Für mich persönlich war das wichtigste und prägendste Ergebnis meines Studiums nicht das Erlernen von Fachwissen, sondern die Entwicklung meiner Persönlichkeit. Damit meine ich u.a. die Herausbildung einer souveränen und zugleich fragenden Haltung gegenüber der Welt und meinen Mitmenschen, die Freude an der kontroversen Debatte und am Erkennen vorher unbekannter Zusammenhänge, unzählige Begegnungen mit inspirierenden Menschen und die fundamentale Erkenntnis der Gewordenheit und damit der Gestaltbarkeit von Gesellschaft. Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wo und wie ich all dies gelernt und kennengelernt habe, aber meine universitäre und fachliche Sozialisation hatte daran einen ziemlich großen Anteil. Sie hat gerade mir als Arbeiterkind viele Türen zu neuen Welten geöffnet, von denen ich ohne ein Studium wohl gar nicht erfahren aber auf jeden Fall deutlich weniger verstanden hätte. Das Studium und meine Tätigkeit als Dozent, Forscher und Studiengangskoordinator haben mir aufgezeigt, wie wertvoll das Lernen ist und wie sinnstiftend es sein kann, zu dieser Entwicklung auch bei anderen beitragen zu dürfen.


Nicht-Rechthaben kann & sollte erlernt werden!


Mit Lernen meine ich dabei insb. das Erweitern und Revidieren eigener (Vor)Annahmen und Einschätzungen. Nicht das Recht-behalten und die Bestätigung eigener Vor-Urteile fördern die Entwicklung einer kritischen und konstruktiven Haltung, sondern – ganz im Gegenteil – die Bereitschaft zum Lernen und zur kontinuierlichen Erweiterung der eigenen Weltsicht und Persönlichkeit. Im Grunde sind doch immer genau die Seminar-, Abschluss- und Forschungsarbeiten am langweiligsten, die etwas zeigen statt herausfinden wollen, bei denen sich die erhobene Empirie den Lieblingstheorien der Autor:innen beugen muss und denen man nicht mal den Hauch eines eigenen Überraschungs- oder Lernmomentes anmerkt. So entsteht kaum neues Wissen und so findet auch wenig Persönlichkeitsentwicklung statt. Das gilt analog auch für (Seminar)Diskussionen, bei denen sich entweder alle einig sind, oder niemand die eigene Position ernsthaft infragestellt oder verschiebt oder zumindest die anderen besser nachvollziehen kann. Pluralität und Multiperspektivität sind ja vor allem deshalb so wichtig, weil sie der empirisch vorfindbaren Welt mit all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit besser gerecht werden, das Lernen ermöglichen und unsere Kreativität fördern. Aber sie verlangen uns eben auch ziemlich viel ab, z.B. die Bereitschaft sich vom Gegenteil dessen überzeugen zu lassen, was man ursprünglich zu wissen meinte. Das kann schmerzhaft aber auch ungeheuer bereichernd sein. Beim Lernen und der Persönlichkeitsentwicklung gibt es schließlich auch so etwas wie Wachstumsschmerzen. Wir sollten lernen genau diese Schmerzen nicht nur auszuhalten, sondern sogar zu suchen, denn persönliches Wachstum ist - anders als Wirtschaftswachstum – ohne Zweifel etwas sehr Erstrebenswertes! Dafür brauchen wir auch eine transformative Gesprächskultur mit echtem Zuhören und Lernen an Hochschulen und ganz allgemein in unserer Gesellschaft (Gerlach/Möller 2021).


Gemeinsam lernen & wachsen


Und hier kommt wieder die Persönlichkeitsentwicklung ins Spiel, um die es diesem Beitrag gehen soll. Im Studium findet sie im Grunde automatisch statt, denn die meisten Studierenden befinden sich biographisch in einer besonderen Entwicklungsphase und werden durch das Studium in vielfacherweise herausgefordert. Als Lehrende machen wir uns im Alltag oft gar nicht klar, was für eine prägende Lebensphase wir mitgestalten dürfen und welchen Einfluss unsere Tätigkeit, unsere Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen auf die Entwicklung von Studierenden haben können. Dabei reicht wohl in den meisten Fällen ein einfacher Blick zurück in die eigene Studienzeit, um die Bedeutung des Studiums für den eigenen Weg wieder zu vergegenwärtigen. Aber eigentlich braucht es diesen imaginierten Perspektivwechsel gar nicht, denn in nahezu allen Lernveranstaltungen an Hochschulen und Universitäten sind alle Teilnehmenden Lernende (also nicht nur die Studierenden, sondern auch die Lehrenden und ggf. die Seminargäste & Praxispartner:innen):


„Engaged pedagogy does not seek simply to empower students. Any classroom that employs a holistic model of learning will also be a place where teachers grow, and are empowered by the process. That empowerment cannot happen if we refuse to be vulnerable while encouraging students to take risks” (Hooks 1994: 21).

In dieser Hinsicht lernen und entwickeln wir uns gemeinsam mit unseren Studierenden, wenn auch nicht notwendigerweise im Gleichklang. Diese Gemeinsamkeit braucht einem sicheren Raum, in dem sich alle auf Augenhöhe als Persönlichkeiten zeigen und begegnen können, auch und gerade in ihren Verletzlichkeiten. Genau dann findet meiner Erfahrung nach echte transformative Entwicklung statt. Das zuzulassen ist nicht immer einfach und vielleicht auch nicht in allen Situationen angemessen, aber wir brauch in jedem Fall mehr von diesen wahrhaften Begegnungen im Lernalltag. Und wir brauchen Formen transformativen Lernens, die neues Denken, neues Sein und neues Handeln gleichermaßen befördern (Graupe/Bäuerle 2022).


Die Krisen unserer Zeit brauchen starke Persönlichkeiten!


Wir wissen es eigentlich schon längst: Angesichts der steigenden Verfügbarkeit von Wissen einerseits und der Krisenhaftigkeit unserer Welt andererseits, die nach Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit bei fundamentaler Unsicherheit verlangt, verliert die Aneignung von Fachwissen gegenüber der Herausbildung und Einübung von Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen deutlich an Bedeutung. Ob diese Erkenntnis aber schon überall angekommen, mag durchaus bezweifelt werden. So spielen kognitive Lernziele bei der Erstellung von Modulbeschreibungen und Seminarplänen oft immer noch die Hauptrolle. Dabei gibt es so viel mehr lernen: Kommunikation und Kooperation (Sozialkompetenzen), das Erheben und Interpretieren von Daten und ganz praktisches Handwerkszeug für Institutions- und Gesellschaftsgestaltung (Methodenkompetenzen) und reflektierte wissenschaftliche und professionelle Rollenverständnisse (Selbstkompetenzen).


Ein zukunfts- und gegenwartsfähiges Studium fokussiert genau diese Kompetenzen und befähigt zur reflektierten Handlungsfähigkeit und Verantwortungsübernahme in einer volatilen, unsicheren, komplexen und ambivalenten (VUCA) Welt (Möller 2022). Dazu gehören aus meiner Sicht auch die Entwicklung von Neugier und Dialogfähigkeit, die Stärkung von Kreativität und Gestaltungsmut, die Fähigkeit zu sinnstiftender Kooperation und Ko-Kreation, Selbstwirksamkeit, kritisches und systemisches Denken, das Einüben des produktiven Umgangs mit Emotionen und Ambivalenzen, Achtsamkeit und Empathie, Diversitätskompetenzen sowie die Reflexion und Weiterentwicklung eigener Werte und der eigenen Haltung. Einiger diese Fähigkeiten werden im didaktischen Diskurs als sog. future skills bezeichnet. Dazu gehören z.B. auch „Transformabilität“ (Göpel 2021) und Zukunftskunst (Schneidewind 2019). Beides braucht die Fähigkeit sowohl positive Zukunftsbilder zu entwerfen, statt angesichts existentieller Krisen zu resignieren als auch konkrete Schritte in diese Richtung zu identifizieren und mutig gemeinsam mit anderen zu gehen. Dabei kommt es nicht nur darauf das Neue zu imaginieren und zu gestalten (Innovation), sondern auch darauf, nicht-nachhaltige Praktiken und Routinen im Hier und Jetzt zu irritieren, erschüttern und im besten Falle hinter uns zu lassen (Exnovation).


In seinen Empfehlungen für eine zukunftsfähige Ausgestaltung von Studium und Lehre vom Mai 2022 legt auch der Wissenschaftsrat einen besonderen Schwerpunkt auf Kompetenz- und Persönlichkeitsentwicklung. Hier wird z.B. angeregt, im Studium mehr Reflexionsphasen einzubauen, mehr selbstständige bzw. kooperative Wissensaneignung zu ermöglichen (und dafür den Anteil reiner Stoffvermittlung zu reduzieren), die Kooperationsfähigkeit in heterogenen Teams und Verantwortungsübernahme zu fördern sowie Ambiguitätstoleranz und Innovationsfähigkeit einzuüben.


Beispiele für Persönlichkeitsentwicklung im Seminar


Es gibt hier also scheinbar einen gewissen Konsens über die gestiegene Bedeutung von Persönlichkeitsentwicklung. Wie kann aber nun die bewusste bzw. begleitete Persönlichkeitsentwicklung im Seminar ganz konkret aussehen? In meinen Seminaren gibt es z.B. regelmäßige Anlässe zur Selbst- und Rollenreflexion. Ich bitte Studierende darüber nachzudenken, was die fachlichen Seminarinhalte mit ihrer aktuellen und v.a. ihrer heute antizipierten zukünftigen Rolle als Wissenschaftler:in und/oder Gesellschaftsgestalter:in zu tun haben. Dazu mache ich oft zunächst stille Einzelarbeitsphasen, in denen wir zunächst individuell dazu Notizen, Mind Maps, Zeichnungen o.ä. anfertigen und leiten dann einen Austausch dazu an. Dafür ist es sehr hilfreich, mit den Wissenschaftler:innen und Gesellschaftsgestalter:innen von heute ins Gespräch zu kommen, und zwar nicht nur aus fachlichen Gründen, sondern um in der Interaktion explizit oder implizit über die eigene Rolle zu reflektieren. Deshalb gibt es in meinen Seminaren regelmäßig Gäste aus den verschiedensten Bereichen.


Eine ähnliche Methode betrifft die Lernreflexion in der Studierende zu verschiedenen Zeitpunkten gebeten werden, ihren Lernfortschritt schriftlich zu beschrieben: Wie hat sich meine Perspektive auf das Problem/Thema verändert/erweitert? Was habe ich anfangs gedacht und was denke ich jetzt? Welche neuen Fragen sind hinzugekommen? Was brauche ich, um sie zu beantworten? Für die ausführlichere und kreative Reflexion von Lernprozessen eignen sich auch Portfolios hervorragend, in denen Studierenden verschiedene Materialien dokumentieren und verbindend diskutieren, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Auseinandersetzung mit einer bestimmten Frage entstanden sind. Ich bin immer wieder begeistert, was alles entstehen kann, wenn wir die feste Form des wissenschaftlichen Textes verlassen und anderes zulassen. Probiert es mal aus! Ihr werdet begeistert sein!


Eine Methode, die mich kürzlich sehr berührt hat, war die Idee eines Jahrgangs in seinem letzten gemeinsamen Seminar das Briefeschreiben anzuregen. Für alle Studierenden (auch die zwischendurch ausgeschiedenen oder aus gesundheitlichen Gründen nicht angereisten), für die Lehrende und für den Studiengangskoordinator wurden im Seminarraum Briefumschläge aufgehängt, in die alle im Laufe des Blockseminars kleine Zettelchen stecken konnten. Auf diese Weise gab es die Möglichkeit, sich Dinge zu sagen und mit auf den Weg zu geben. Die Pflege von tragfähigen Beziehungen, das Kultivieren von Dankbarkeit und aufrichtigem Feedback und das Ausrücken von Emotionen gehören eben auch zur Persönlichkeitsentwicklung und zu den future skills. Schließlich ist das Kennenlernen inspirierender Menschen und das transformative Austragen von Konflikten ein zentraler Bestandteil von studieren. Eine hilfreiche Adaption dieser Briefmethode kann auch das Schreiben von Briefen an das zukünftige und vergangene Ich sein.




Herzliche Einladung zur Diskussion!


Welche Assoziationen, Ideen und Erfahrungen habt ihr zum Thema Persönlichkeitsentwicklung in Studium und Hochschullehre? Kennt ihr spannende Literatur dazu? Welche konkreten Formaten habt ihr schonmal ausprobiert? Welche könnt ihr empfehlen und welche eher nicht? Was wünscht ihr euch von Persönlichkeitsentwicklung im Seminar? Was sind generell die Potentiale und vielleicht auch die Grenzen von Persönlichkeitsentwicklung im Studium? Welche Strukturen fördern oder behindern Persönlichkeitsentwicklung an Hochschulen? Ich würde mich wirklich wahnsinnig freuen von euch und mit euch zu lernen und gemeinsam über die Fragen ins Gespräch zu kommen! Also hinterlasst doch gerne den ein oder anderen Kommentar! Danke!

 

Literatur