Wirtschaft – Klima – Zukunft? Transformation gestalten!

Keylearnings aus unserem neuen Academy-Format für junge Menschen


Von Valentin Sagvosdkin


Die Mehrheit der jungen Menschen wollen einen grundlegenden Wandel - nicht nur die Engagierten von Fridays for Future und Co. Die meisten haben aber kaum ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. Stattdessen gehören Zukunfts- und Klimaängste für die Mehrheit junger Menschen zum Alltag. Zu diesen Befunden kommen aktuelle Studien (Sievert et al. 2018: 7; Marks et al. 2021; Schuster 2021). Eine Neue Ökonomische Bildung steht hier in der Verantwortung, junge Menschen zu befähigen, die Transformation nicht nur abstrakt einfordern zu müssen, sondern konkrete Lösungswege vorstellbar und Möglichkeiten verstehbar zu machen, um sie perspektivisch mitzugestalten. Wer aktiv ist, kann sich als selbstwirksam erleben und ist gleichzeitig resilienter gegenüber Ohmachtsgefühlen.


Im Zuge einer neuen Kooperation mit der Europäischen Akademie Berlin (EAB) haben wir eine Academy mit 21 jungen Menschen durchgeführt, um hier Impulse zu setzen. Einige Schlaglichter und Keylearnings.


Drei Teilnehmer:innen der Spring Academy sitzen im Kreis auf einer Wiese und unterhalten sich gut gelaunt miteinander. Im Hintergrund sind zwei weitere Menschen zu sehen, die sich unterhalten.

Was stärkt uns in Krisenzeiten? - Gemeinsam aktiv sein.

Neben dem gegenseitigen Kennenlernen bildeten die Krisen unserer Zeit den Ausgangspunkt unserer Academy. Krisen können belasten. Aber was stärkt uns? Der Austausch in kleinen Gruppen zeigte, dass viele durch bewussten Verzicht auf Medienkonsum, aber vor allem durch Engagement in gemeinsamen Initiativen gestärkt werden. Es geht also nicht nur um individuelle, sondern vor allem um gemeinschaftliche Bewältigungsstrategien (wie sie auch die Psychologists4Future thematisieren). Interessant war: Im gemeinsamen Austausch pendelte das Gespräch von der Frage der Stärkung immer wieder zurück in negative Erzählungen, was alles schlecht läuft. Hier war wichtig, dass die Moderation achtsam zurück zum Fokus führte, sodass das Gespräch nicht in eine Verfestigung von Ohnmachtsgefühlen kippte.


Europas Zukunft gestalten – widerständige Persönlichkeiten als Vorbilder

Am Abend war die Menschenrechtsexpertin Sarah Reinke mit einem Impulsvortrag zu Gast. Sie erzählte in unaufgeregter und dadurch umso beeindruckenderer Weise von Persönlichkeiten, die sich trotz widriger Umstände für eine bessere Welt einsetz(t)en. Beispielsweise von dem NS-Widerständler Adam von Trott, nach dem die Stiftung benannt ist, bei der Sarah Reinke die Geschäftsführung innehat.


Sarah Reinke sitzt an einem Tisch vor einem Laptop. Im Hintergrund ist ein Plakat der Europäischen Akademie Berlin (EAB) zu sehen, das in Rottönen gehalten ist.

Es handelte sich bei den Geschichten gerade nicht um Menschen, die typischerweise etwa in schulischen Bildungskontexten aufgegriffen werden. Stattdessen wurden überwiegend Beispiele von Frauen, Indigenen oder People of Color angeführt, die nicht (nur) als Opfer ihrer Umstände in Erscheinung treten, sondern sich selbst ermächtigen und für ihrer Rechte und die ihrer Community kämpfen. Es ist wichtig, die eigenen Privilegien zu nutzen, um die Stimme gegen Unrecht zu erheben, so Sarah Reinke. Hier sei es legitim, sich stellvertretend für andere Menschen einzusetzen, wenn diese durch Repressionen daran gehindert werden. Nach ihrer Motivation gefragt antwortete Sarah Reinke, dass sich ihr politisches Handeln oft aus einem „Trotzdem” speist – trotz der widrigen Umstände und trotz der geringen Erfolgsaussichten für das einzutreten, was man für richtig hält. Dabei können die Biografien widerständiger Persönlichkeiten inspirierend sein.


Statt abstrakten Wissens: Begegnungen aktiv gestalten & kreativ aufbereiten

Der zweite Tag der Academy stand in diesem Sinne unter dem Motto "Konzepte und Menschen einer Wirtschaft von morgen kennenlernen". Hier ging es darum, nicht abstrakt etwas zu lernen, sondern in Exkursionen Persönlichkeiten zu begegnen und die Gespräche aktiv selbst zu gestalten. Dafür gab es vorher und nachher Graphik- und Plakatdesign- sowie Podcast-Werkstätten. Bei Ingo Stoll, Deutschlands erstem Audiographen, lernten die Teilnehmer:innen beispielweise, dass Podcasting viel mehr ist, als drauflos quatschen und aufzeichnen. Man kann Stimmungen einfangen auf dem Weg zu einem Gespräch, Töne, Geräusche, Atmosphäre! Ein Gesprächsfluss kann vorbereitet und gestaltet werden, auch wenn unklar ist, wohin man letztlich getragen wird. Audiographie wie Ingo Stoll sie nahebringt, ist insofern die Kunst, mit allem, was hörbar ist (Klänge, Töne, Sprache), Geschichten zu erzählen.


Drei Teilnehmer:innen der Spring Academy sitzen an einem Tisch vor ausgebreiteten Heften und Stiften. Eine Person hält einen Stift in der Hand. Die anderen zwei Teilnehmer:innen schauen nachdenklich aus. Auf dem Tisch stehen ein Mischpult, ein Mikrofonständer mit Mikrofon und Kopfhörer. Im Hintergrund stehen zwei Flipcharts.

Die Teilnehmer:innen schwärmten für die Exkursionen zunächst in alle Richtungen aus: Zum "Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS Potsdam)", zur Nothilfe- und Entwicklungsorganisation "Oxfam" und zum Demonstrationsbetrieb für Ökolandbau "Domäne Dahlem".


Beim IASS Potsdam tauschten sich die Jugendlichen mit Dr. Viola Gerlach und Christoph Becker aus. Dabei ging es unter anderem um die Rolle von Unternehmertum in der Transformation. Viola Gerlach machte etwa deutlich, dass es darum geht, zukunftsfähige Unternehmer:innen darin zu stärken, ökologische und gesellschaftliche Verantwortung mit finanziellem Erfolg in Einklang zu bringen. Das Unternehmerische und Lebensdienliche gekonnt zusammen zu bringen, das sei eine der Herausforderungen einer konstruktiv gestaltenden Ökonomie. Dass es auf dem Weg dorthin auch einen Kompetenzen Umgang mit Zielkonflikten und Komplexität braucht, ist ihr sehr bewusst. "Der Weg einer gelingenden Transformation braucht den Dialog auf Augenhöhe. Wir brauchen Lust am Gestalten, und das beinhaltet auch, sich gegenseitig zuzuhören, statt sich zu beschuldigen", so Gerlach. (Lies hier das Plädoyer für eine transformative Gesprächskultur von Viola Gerlach und Sebastian Möller).


Bei Oxfam trafen die Jugendlichen auf Alexander Schmale, der als Campaigner zu den Themen Unternehmensverantwortung und soziale Gerechtigkeit arbeitet. Im Gespräch kam das Thema "Korruption" auf und wurde heiß diskutiert. Denn: Korruption beschränkt sich nicht nur auf Institutionen in sogenannten Entwicklungsländern. Auch in Deutschland gibt es Korruption - sogar bei NGOs, die sich eigentlich für das Gute einsetzen. In der Graphikdesign-Werkstatt entstanden daraufhin die folgenden Plakate:



Bei der Domäne Dahlem schließlich interviewten die Jugendlichen die Agrarwissenschaftlerin Cathleen Holzhauer und diskutierten mit ihr aktuelle Fragen der Ernährungssicherheit und wie eine nachhaltige und zukunftsfähige Landwirtschaft aussehen könnte.


Ein Gemüseacker befindet sich vor einem Gewächshaus und zwei anderen Häusern. Der Himmel ist grau-blau. Auf dem Acker wachsen grüne Pflanzen in Reihen.

Für Cathleen Holzhauer gibt es zwar nicht den einen richtigen Weg, es müsse aber deutlich in Richtung biologische Landwirtschaft gehen, die mit Kreisläufen arbeite. Es sollten beispielweise nur so viele Tiere gehalten werden, wie deren Mist als Dünger verwendet wird. In Bezug auf unsere Ernährungssicherheit sieht die Agrarexpertin den hohen Fleischkonsum in Deutschland kritisch. Denn: Mit Getreide könnten entweder Schweine gefüttert oder Menschen ernährt werden. Mit derselben Menge Getreide kann man aber wesentlich mehr Menschen direkt ernähren als mit dem Schweinefleisch, für das dieses Getreide verfüttert wird, so Cathleen Holzhauer. Daher: Geringerer Fleischkonsum ist nicht nur für Klima, Gesundheit und Tierwohl gut, sondern erhöht auch unsere Ernährungssicherheit.


Wissen multiperspektivisch vertiefen

Am dritten Tag standen neben der Post-Produktion der Werkstätten interaktive Workshops auf dem Plan. Ramona Schmidt, wissenschaftliche Mitarbeiterin unserer Hochschule, ging mit den Jugendlichen den Fragen nach: Was ist eigentlich Wirtschaft? Und wie kann sie sein? Denn obwohl "die Wirtschaft" alle betrifft und viele intuitiv erfassen, dass ökonomische Fragen zentral für eine nachhaltige Transformation sind, meinen viele junge Menschen, nichts über Wirtschaft sagen zu können. So schrieb eine Teilnehmerin vor Start der Academy: "’Die Wirtschaft’ erscheint mir bisher wie ein riesiges, komplexes Konstrukt, vor dem ich hilflos stehe. Doch das will ich ändern!" In dem Workshop zeigte sich dann: Alle haben zumindest ein Erfahrungswissen von Wirtschaft. Das kann als Ausgangspunkt genommen werden, um vielfältige Perspektiven kennenzulernen. Mit dem Ansatz der "Diverse Economies" wurde herausgearbeitet, welche Vorstellung von Wirtschaft gesellschaftlich dominant ist. Anhand eines Eisbergmodells wurde sodann kreativ erarbeitet, welche oftmals unsichtbaren (gemachten) Aspekte unter der Oberfläche schlummern.


Im sichtbaren Teil des Eisbergs stehen die Begriffe "wage labor", "commodity markets" und "capitalist enterprise". Unter der Wasseroberfläche ist ein sehr viel größerer Teil des Eisbergs, in dem sehr viele Wörter stehen. Ein paar Beispiele sind "language", "compost", "informal loans", "gathering", "soil nutrition", "barter", "free schools", "parenting", "gifts", "grow your own", "community gardens", "worker cooperatives" oder "DIY".

Im parallelen Workshop von Valentin Sagvosdkin ging es um wirtschafts- und klimapolitische Narrative. Ausgangspunkt hier war die Idee, dass Erzählungen und Theorien prägen, wie wir die Welt sehen, was uns als "selbstverständlich", möglich oder unmöglich erscheint. Theorien beschreiben meist nicht nur etwas, sondern enthalten auch Schlussfolgerungen darüber, was sein soll oder zumindest sein könnte. So geht die neoliberale Erzählung etwa davon aus, dass der Staat Steuern braucht, um seine Ausgaben zu finanzieren. Im Sinne einer "schwäbischen Hausfrau" solle der Staat möglichst keine Schulden machen (Stichwort: Schuldenbremse einhalten!), sondern eher Rahmenbedingungen setzen und "den Markt" machen lassen. Vertreter:innen der Modern Monetary Theory (MMT) gehen dagegen verkürzt gesagt davon aus, dass der Staat Geld "aus dem Nichts" schöpft und viel mehr finanzieren könnte, wenn nur der politische Wille da wäre. Die Ausgaben des Staates werden als Einnahmen von Unternehmen betrachtet, die damit wirtschaften. Die Schuldenbremse wird daher eher als "Investitionsbremse" gesehen, die verhindert, dass wichtige Ausgaben gemacht werden, um den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft voranzubringen.


Fünf Teilnehmer:innen der Spring Academy sitzen in einem Stuhlkreis und schauen auf ein DinA-4-Blatt, das eine Person in den Händen hält.

Neben einem Grundverständnis dieser Debatten, ging es darum, anhand von kurzen Texten, Podcasts und Videos exemplarisch weitere politökonomische Narrative kennenzulernen und zu diskutieren, wie beispielweise die "Care-Ökonomie", die "Mission Economy", "Degrowth" und die “Donut-Ökonomie”. (Höre hier den Studies4Future-Podcast zur Donut-Ökonomie.)



Visionen und nächste Schritte

Der letzte Tag stand schließlich unter dem Stern der Zukunft: Neben einem theaterpädagogischen Aktivismus-Workshop ging es vor allem darum, einen Raum für einen Austausch über Visionen und nächste biographische Schritte zu ermöglichen. Junge Menschen haben heute eine unüberblickbare Anzahl an Möglichkeiten. Das kann einerseits als Freiheit gesehen werden, gleichzeitig aber auch Entscheidungsdruck auslösen. Unser Ziel war es daher, einen Reflexionsraum über die nächsten Schritte der Teilnehmer:innen zu ermöglichen. Dabei sollte es gerade nicht darum gehen, ihnen mit Appellen an ihr Engagement die Bürde der „Weltrettung“ aufzuladen. Vielmehr ging es darum, sich den vielen inneren und äußeren Stimmen bewusst zu werden und darin zu ertasten, was die nächsten Schritte im Hier und Jetzt sein könnten. Die Haltung dieser Biographiearbeit – wie auch ein Stück weit der gesamten Academy – lässt sich prägnant mit einem Zitat von Galileo Galilei beschreiben: „Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“


Die 13 Teilnehmer:innen sowie Ramona Schmidt und Valentin Sagvosdkin stehen in drei Reihen zusammen, strecken ihre Hände in die Luft und lächeln fröhlich.

 

Literatur
Hintergrund