Was heißt hier eigentlich Transformation?


Von Daniela Gottschlich


„Unter Transformation verstehe ich intentionalen sozial-ökologischen Wandel als Antwort auf die spürbaren und sich verschärfenden gesellschaftlichen und ökologischen Krisen. Zum Ziel hat sie das gute Leben für alle Menschen, das durch verschiedene Strategien erreicht werden kann.“

Transformation als Antwort auf vielfältige Krisen

Das Nachdenken, Reden und Schreiben über Transformation hat in den letzten zehn Jahren auffallend zugenommen: Von einer ‚Großen Transformation‘, von ‚sozial-ökologischer Transformation‘, von ‚urbaner Transformation‘, von ‚Transformation in Richtung Nachhaltigkeit‘ ist die Rede. In jüngster Zeit nimmt vor allem die ‚digitale Transformation‘ immer mehr Raum ein – zusätzlich zu den verschiedenen Wenden, die angestrebt werden: Agrar- und Ernährungswende, Energiewende, Mobilitätswende, Wohnungswende. Spätestens seit 2011 das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltfragen (WGBU) „Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ erschien, ist der Transformationsbegriff auch aus dem deutschsprachigen Diskurs um nachhaltige Entwicklung nicht mehr wegzudenken. Angesichts von Klimakrise, Artensterben, Bodendegradation, kriegerischen Auseinandersetzungen, Hunger, Armut und sich verschärfenden Ungleichheiten innerhalb von und zwischen Gesellschaften hält eine Vielzahl wissenschaftlicher und politischer Akteure eine umfassende ‚Große Transformation‘ von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft für elementar, ja existenziell (vgl. UNEP 2012, IPCC 2014, Future Earth 2014, Schneidewind 2018, Göpel 2020).



Als Große Transformation(en) lassen sich Umbrüche bezeichnen, „bei denen sich das Prinzip der Naturaneignung und die Produktions- und Lebensweise grundlegend wandeln“ (Reißig 2016, S. 49). Das Konzept geht auf Karl Polanyi (1978) zurück, der den langen Übergang von vorkapitalistischen Agrargesellschaften zum Kapitalismus als great transformation bezeichnete. Polanyi kritisierte, dass die Durchsetzung der kapitalistischen Ökonomie sich als Entbettung aus der Gesellschaft vollzog und der industrielle und wirtschaftliche Fortschritt mit wachsender sozialer Ungleichheit verbunden war. Zwar gelang es, durch sozialstaatliche Einbettung und durch Regulierung der ungesteuerten Marktdynamiken die modernen Industriegesellschaften teilweise zu stabilisieren, doch die seit der Industrialisierung entstehenden gesellschaftlichen Entwicklungen haben zu schwerwiegenden sozial-ökologischen Krisen geführt. Entsprechend wird der Übergang von einer auf fossilen Ressourcen beruhenden kapitalistischen Gesellschaft zu einer gerechten, postfossilen Gesellschaft gefordert und in Analogie als zweite Große Transformation bezeichnet (z.B. WBGU 2011, Göpel & Remig 2014, Reißig 2016).


Obwohl die Gefahr, planetarische und sozial-ökonomische Leitplanken und damit den safe space for humanity zu überschreiten, als größer denn je in der Geschichte der Menschheit eingeschätzt wird (Rockström et al. 2009, Raworth 2012, Steffen et al. 2015), hat eine solche Große Transformation bzw. sozial-ökologische Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft bisher in noch keinem Land der Erde stattgefunden. Sie wird im Gegenteil vielerorts zunehmend zu einem politisch und gesellschaftlich umkämpften Projekt. Gleichwohl mehren sich auch Stimmen, dass es nicht eine Große Transformation, sondern viele kleine bräuchte, um die derzeitigen nicht-nachhaltigen Strukturen in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern (vgl. z.B. Biesecker & von Winterfeld 2013, Sommer & Welzer 2014, S. 15ff.). Solche kleinen Transformationen in Form von gelebten Alternativen, Aktionen und Projekten, vorangetrieben von Pionier*innen des sozial-ökologischen Wandels, sind vielerorts sichtbar, wie auch die nachfolgend genannten Beispiele verdeutlichen.


Mehrfachstrategien der sozial-ökologischen Transformation

Transformation in Richtung Nachhaltigkeit ist also ein vielschichtiger, komplexer, umkämpfter und langfristiger Prozess. Er bedarf vielfältiger Strategien und ist auf Bündnisse vieler verschiedener Akteur*innen angewiesen. In Anlehnung an frühere Ausführungen zu Mehrfachstrategien gegen neoliberale Globalisierung (Gottschlich 2004, S. 24ff.) sowie an die Systematisierung des I.L.A. Kollektivs (2019, S. 79) stelle ich im Folgenden drei Strategietypen für diesen Prozess vor.


Strategietyp 1: Sichtbarmachen, Kritisieren und Zurückdrängen von nicht-nachhaltigen Lebens- und Produktionsweisen

Dieser Strategietyp setzt auf der Mikroebene und dem veränderten und politisierten Alltagshandeln von Individuen an. Es geht dabei weniger um ein Ausnutzen der Konsument*innenmacht, um Druck auf Unternehmen auszuüben, damit diese soziale und ökologische Mindeststandards einhalten. Vielmehr geht es um kollektiven politischen Protest. Die Kritik an nicht-nachhaltigen Verhältnissen wird in die Öffentlichkeit getragen und sichtbar gemacht: Gegen die derzeitige Lähmung in der Klimapolitik und gegen den Verlust von Biodiversität gingen erneut in den letzten Monaten Hunderttausende von Jugendlichen u.a. im Rahmen von Fridays-for-Future-Aktionen rund um den Globus auf die Straße. Verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen organisieren Demonstrationen gegen Rassismus (z.B. Black Lives Matter!), gegen internationale Handelsabkommen oder gegen nicht-nachhaltige Agrarpolitik. Aktivist*innen besetzen Bäume, um zu verhindern, dass diese für den Braunkohleabbau weichen müssen wie im Hambacher Forst. Krankenhaus- und KiTa-Mitarbeiter*innen streiken und thematisieren die belastenden Arbeitsbedingungen in Care-Berufen (Winker 2015). Menschen sammeln Unterschriften dafür, dass privatisierte Wasserwerke und Stromnetze zurückgekauft und rekommunalisiert werden. Sie initiieren Volksbegehren für neue Naturschutzgesetze, um Artensterben zu stoppen und bedrohte Tier- und Pflanzenarbeiten besser zu schützen. Hinter diesem Strategietyp steht die Erkenntnis, dass jede Person auf die ein oder andere Weise mit nicht-nachhaltigen Lebens- & Produktionsweisen verstrickt und davon betroffen ist, dass das eigene (alltags)politische Handeln gemeinsam mit anderen jedoch Möglichkeiten der Veränderung bietet.



Strategietyp 2: Gegenmacht und Ausweiten von solidarischen, nachhaltigen Lebens- und Produktionsweisen

Mittlerweile gibt es zahlreiche Projekte und Formen alternativen Wirtschaftens überall in Deutschland in ganz unterschiedlichen Bereichen, in denen Nachhaltigkeit und solidarische Lebensweise keine Fernziele mehr sind, sondern gelebte Praxis: angefangen von Solidarischer Landwirtschaft, über Food-Coops, Umsonstläden, Verschenk-Webseiten wie Freecycle, Book-Crossing, Leihnetzwerke, Repair-Cafés und Fab Labs, alternative Wohnprojekte, Ökodörfer bis hin zu freier Software-Produktion und Energiegenossenschaften. „Halbinseln gegen den Strom“ nennt Frederike Habermann (2009) die Ansätze dieses Strategietyps für eine sozial-ökologische Transformation. Charakteristisch für diese Ansätze ist, dass es Experimentierräume sind, in denen Menschen gemeinsam ihren Alltag so organisieren, dass sie nicht oder deutlich weniger auf Kosten anderer leben (Baier et al. 2013). Sie machen real erfahrbar, dass beispielsweise eine andere Landwirt- bzw. Energiewirtschaft möglich ist, dass es Alternativen zur Tauschlogik und ein Leben jenseits des immer Höher, Schneller, Mehr gibt (Muraca 2014).


Mit Projekten dieses Strategietyps werden nicht nur neue materielle Infrastrukturen aufgebaut, sondern auch mentale Infrastrukturen verändert. Für die Transformation wird beides gebraucht: „Neue Denk- und Handlungshorizonte entstehen nur im Zusammenspiel von veränderten materiell-ökonomischem Alltag und sich verändernden Identitäten, denn eine Veränderung von Strukturen und die Veränderung von Menschen bedingen und ermöglichen sich erst gegenseitig. Die Welt formt uns, und wir formen die Welt“ (Habermann 2009, S. 11).


Strategietyp 3: Absichern von solidarischen und nachhaltigen Lebens- und Produktionsweisen

Allianzen und kollektives Handeln sind für die Absicherung ebenso wichtig wie das Etablieren von festen Praktiken – wie etwa der „Tag des Guten Lebens“ in Köln. Der Tag des Guten Lebens findet seit 2013 einmal jährlich statt und wird von einem lokalen Netzwerk von fast 130 Organisationen, Kultureinrichtungen, Schulen, Initiativen und Unternehmen sowie von vielen engagierten Bürger*innen getragen: der Agora Köln (2014). Transformation ist genau auf solche Formen der Relokalisierung angewiesen. Die räumliche Nähe, darauf verweist Brocchi (2019, S. 250) als Mitinitiator des Projektes, ermöglicht „eine Sinnlichkeit bei Beziehungen und Erfahrungen, dadurch eine höhere emotionale Identifikation mit der eigenen Stadt oder mit dem eigenen Stadtteil“. Sie „erleichtert die soziale Interaktion – und dadurch das kollektive Handeln, zum Beispiel die Bildung von Kooperationsringen und Bürgerinitiativen“ (ebd.).


Damit solidarische, alternative Transformationsprojekte nicht nur in Nischen verbleiben, sondern sich ausbreiten können, ist es wichtig, das Erreichte institutionell abzusichern bzw. die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Institutionen zu verändern (I.L.A. Kollektiv 2019, S. 82). Aus kritisch-emanzipatorischer Perspektive braucht es für den sozial-ökologischen Wandel Instrumente zur Umverteilung von Geld, Arbeit, Zeit und Macht: Diskutiert werden Vorschläge wie eine sozial-ökologische Steuerreform, ein Bedingungsloses Grundeinkommen, eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, um Menschen dauerhaft in die Lage zu versetzen, Teil der Veränderung zu sein und die sozial-ökologische Transformation in ihrem Alltag voranzutreiben.


Die hier beschriebenen Mehrfachstrategien lassen Räume für gemeinsames Nachdenken, Streiten und Ausprobieren entstehen, in denen wir uns darüber verständigen können, welche Tätigkeiten, welche physisch-materiellen und mentalen Infrastrukturen eine nachhaltige Gesellschaft braucht. Denn sozial-ökologische Transformation kann nicht (allein) ‚von oben‘ verordnet werden, sie braucht Ideen für gesellschaftliche Veränderungen, die unbedingt auch ‚von unten‘ kommen (müssen). Besonders wichtig sind dafür die Herstellung und Wiederaneignung von Räumen der Selbstbestimmung und Selbstorganisation, in denen alternative Arbeits- und Lebenskonzepte ohne Ausbeutungsstrukturen ausprobiert werden können, in denen von- und miteinander gelernt werden kann.



Dieser Text ist eine stark gekürzte und leicht geänderte Version des folgenden Buchkapitels: Gottschlich, Daniela (2022): Transformation. In: Fabian Kessel & Christian Reutlinger (Hrsg.): Elementare Einführung Sozialraum. Wiesbaden: Springer VS, S. 679-691.


 

Literatur