Media Guide: Container



Von Sebastian Möller


Wir sehen sie ziemlich oft im Alltag, entweder auf Güterzügen und LKWs oder irgendwo rumstehen, machen uns aber wohl selten Gedanken über ihre fundamentale Bedeutung und ihren nahezu revolutionären Charakter für die Weltwirtschaft. In diesem Media Guide geht es um den Container, eine standardisierte Metallbox, die in der Logistik unverzichtbar ist und in der die meisten Dinge, die wir haben oder benutzen, irgendwann in irgendeiner Form oder Vorstufe schon mal transportiert wurden. Vielleicht halten wir die Existenz der Container für eine bedeutungslose Selbstverständlichkeit, aber was ist im Kapitalismus schon selbstverständlich?!


Die Erfindung und Verbreitung des Containers hat die Logistikbranche, Handelsschifffahrt und Hafenwirtschaft auf den Kopf gestellt, die Internationalisierung und Fragmentierung von Lieferketten ermöglicht, traditionelle Berufe verdrängt und neue geschaffen. Man kann hier wohl wahrlich von schöpferischer Zerstörung im Sinne Schumpeters sprechen. Durch die anhaltende Lieferkettenkrise, pandemiebedingte Hafensperrungen und den kürzlichen Streik von Hafenarbeiter:innen ist die Containerschifffahrt mittlerweile in aller Munde. Im Folgenden stelle ich euch einigen Medien vor, die in meiner Beschäftigung mit diesem Phänomen hilfreich waren.



Ein Stapel Container vor blauem Himmel



Buch: Eine Kiste erobert die Welt (Preuß 2007)


Das Buch des Wirtschaftsjournalisten Olaf Preuß gibt einen guten und leicht zugänglichen Einblick in die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte des Containers. Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise in die Geschichte und Gegenwart einer zentralen logistischen Infrastruktur der Globalisierung. Dabei lernen wir immer wieder Menschen kennen, die irgendwas mit dem Container zu tun haben (allerdings ausschließlich Männer, was für diese Branche aber auch recht bezeichnend ist). Interessant ist besonders die Rekonstruktion der historischen Entwicklung des Containers von der ersten Idee des US-amerikanischen Spediteurs Malcolm McLean hin zu seiner Durchsetzung als globaler Standard.


Diese Geschichte weist viele für disruptive Innovationen typische Elemente auf: Kostenreduktion und economies of scale als wichtige Triebkraft, das heftige Misstrauen der traditionellen Incumbents gegenüber dem Newcomer, der mit vielen Konventionen bricht, staatliche bzw. militärische Verwendbarkeit als Hilfe zum Durchbruch (in diesem Fall: Materialtransport für den Vietnamkrieg) und schließlich unvorhersehbarer Wandel (etwa in den Häfen) und exponentielles Wachstum nach der Standardisierung (auch in Bezug auf die Schiffsgrößen). Das Buch ist allerdings nicht wirklich eine pluralökonomische oder wirtschaftssoziologische Interpretation dieses Siegeszuges, sondern eher eine journalistische Reportage. Wer es lieber etwas akademischer mag, kann z.B. bei Cudahy (2006) oder Levinson (2006) reinlesen.



Blog: Der Hafenblog


Die nächste Quelle zu Containern, die ich euch vorstellen möchte, habe ich zusammen mit dem Forschungsseminar „Schlüssel zur Welt – Die Bremischen Häfen in der Globalen Politischen Ökonomie“ im Sommersemester 2020 (ja genau, das erste Pandemie-Semester!) an der Universität Bremen erstellt. Wegen der ad-hoc Digitalisierung aller Lernveranstaltungen musste auch dieses eigentlich vor allem für draußen geplante Seminar vor Bildschirmen stattfinden. Ich entschied mich damals für einen Seminarblog als zentrale Plattform und so wurde der Hafenblog geboren, auf dem Studis und ich unsere Lernergebnisse gepostet und diskutiert haben. Im Hafenseminar ging es auch um den Container, aber nicht nur. Wir haben uns z.B. mit der Rolle von Häfen im Kolonialismus, mit Migration, Hafenarbeit und den Wechselwirkungen von Stadt und Hafen beschäftigt. Nicht nur in Bremen hat der Container durch das massive Schiffswachstum dazu beigetragen, dass sich der Hafen aus der Stadt zurückzog und näher ans Meer rückte. Auf dem Blog findet ihr u.a. eine umfangreiche Liste mit Quellen für Forschungsdaten und weiterführender Literatur rund um Häfen.



Startseite des Hafenblogs



Interaktive Karte: Marine Traffic Live Map


Zu den auf dem Hafenblog verlinkten Quellen gehört auch der Schiffstracker, eine Echtzeit-Karte des weltweiten Schiffsverkehrs. Hier wird auf einen Blick deutlich, warum Globalisierung oft als deathofdistance oder Kompression von Raum und Zeit beschrieben wird. In den Weltmeeren tummeln sich Container- und andere Frachtschiffe und bilden dabei quasi ein schwimmendes Lager für die globalisierte just in time Produktion. Das hat weitreichende ökologische und soziale Konsequenzen, die in der Regel nicht in den bis zum Ausbruch der Pandemie stabil niedrigen Frachtraten eingepreist sind (externe Kosten eben).Spätestens seit der Havarie der Ever Given im Suezkanal und den Schiffstaus vor Shanghai wissen wir auch, dass dieses Produktions- und Handelsregime auch ökonomisch nicht nachhaltig oder zuverlässig ist.



Blogbeitrag: Abandoned at Sea


Laleh Khalili zeigt in ihrem eindrücklichen Beitrag für den Verso Blog, welche skandalösen Arbeitsbedingungen auf hoher See herrschen, insbesondere im ersten Jahr der Pandemie. Viele Schiffscrews stecken wochen- oder gar monatelang auf hoher See fest. Dass es sich dabei nicht wirklich um einen Ausnahmezustand, sondern um strukturell erzeugte Ausbeutung handelt, haben schon Heide Gerstenberger und Ulrich Welke (2004) mit ihren Studien über die Arbeit auf Handelsschiffen gezeigt. Die gängige Praxis der Ausflaggung ermöglicht es den Reedereien,irgendein ihnen genehmes Arbeitsrecht zu wählen. Auch in den Häfen ist die Lage oft nicht viel besser, auch wenn die Arbeiter:innen hier wenigstens nicht in die brenzlichen Lagen kommen, die LalehKahili beschreibt. Die Container haben hier aber insgesamt zu einem Exodus menschlicher Arbeitskraft aus den Häfen geführt, denn das Löschen und Beladen von Containerschiffen braucht nicht nur andere Berufe, sondern auch viel weniger Menschen als die vorher übliche Verladung. Auch daher kommt die Kostenreduktion, die dem Container zum Durchbruch verhalf. (Deshalb wundert es kaum, dass er in den USA zunächst gegen heftigen gewerkschaftlichen Widerstand durchgesetzt werden musste).



Podcast: Reportage zu Schiffwracks


Zu den ökologischen Folgen der Containerisierung gehört neben dem steigenden Schiffsverkehr und dem ökologischen Fußabdruck von immer neuen Hafeninfrastrukturen und Flussvertiefungen auch die Entsorgung ausgedienter Containerschiffe,vor allem an den Küsten Indiens. Wie üblich bleibt der Müll, den der Lebensstil im globalen Norden verursacht, nicht bei uns, sondern wird andernorts im wahrsten Wortsinn abgeladen. Im BR Podcast gibt es dazu eine sehr aufschlussreiche Folge mit dem Titel „Die letzte Reise der "Westerhamm" - Schrottschiffe in Indien“. Reinhören lohnt sich, macht aber nicht wirklich glücklich.



Habt ihr weitere Tipps? Hinterlasst doch gerne einen Kommentar!

 


Literatur

Cudahy, Brian J. (2006): Box Boats. How container ships changed the world. New York: Fordham University Press.


Gerstenberger, Heide/Welke, Ulrich (2004): Arbeit auf See. Zur Ökonomie und Ethnologie der Globalisierung. Münster: Westfälisches Dampfboot.


Khalili, Laleh (2020): Abandoned at Sea: Sailors and COVID-19. Verso Blog. Online: https://www.versobooks.com/blogs/4692-abandoned-at-sea-sailors-and-covid-19 (zuletzt abgerufen am 08.08.2022).


Levinson, Marc (2006): The Box. How shipping container made the world smaller and the world economy bigger. Princeton: Princeton University Press.


Preuß, Olaf (2007): Eine Kiste erobert die Welt. Der Siegeszug einer einfachen Erfindung. Hamburg: Murmann.

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Sebastian Möller