Gender Lense Investing

Können die Finanzmärkte uns zu mehr Gleichstellung verhelfen?


Von Paula Stoppelkamp


„In Frauen zu investieren heißt, in den größten Zukunftsmarkt der Welt zu investieren und starke wirtschaftliche Potenziale freizusetzen.“ (KFW DEG)

Dieses Zitat findet sich auf der Webseite der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft, die sich als eine der größten Entwicklungs-finanziererinnen für private Unternehmen versteht. Mit ihrer Gender-Lense-Investing-Strategie will die DEG die Teilhabe von Frauen in Wirtschaft und Arbeitswelt, Wertschöpfungsketten und lokalen Gemeinden weiter ausbauen und stärken. Was aber steckt hinter dieser Strategie und wie ist sie zu bewerten? Lest selbst.



Was ist Gender Lense Investing?

Gender Lense Investing (GLI) ist eine Praktik der Privatwirtschaft und findet auf den Finanzmärkten Anwendung. Dabei ist GLI Teil des Impact Investings, im Zuge dessen Gelder nachhaltig und verantwortungsbewusst angelegt werden (vgl. Roberts, 2016, S. 70). Gender Lense Investing bedeutet übersetzt ‚Investieren aus einer Gleichstellungslinse heraus‘. Die Investor*innen tragen also eine Gleichstellungslinse und investieren ihr Geld in Unternehmen, die die Gleichstellung von Mann und Frau[1] fördern.

Dabei gibt es drei Kriterien (vgl. ebd.): Es wird in Unternehmen investiert, die...

  1. Frauen in Führungspositionen haben und Zugang zu Kapital ermöglichen

  2. auf Gleichstellung am Arbeitsplatz und in der gesamten Lieferkette achten

  3. Produkte und Dienstleistungen erschaffen, die das Leben von Frauen und Mädchen verbessern.

Diese Kriterien wurden vom Women Effect Investment team am Criterion Institute aufgestellt. Einige Investmentfonds, darunter der Pax Ellevate Global Women’s Index Fund, achten zusätzlich auf Einhaltung der Women’s Empowerment Principles (WEPs), um geeignete Unternehmen für ihr Portfolio zu identifizieren und Gleichstellung zu fördern. Die WEPs sind eine Initiative der United Nations Global Compact und UN Women und beinhalten sieben freiwillige Leitsätze, die Frauen am Arbeitsplatz, am Marktplatz und in der Community empowern sollen (vgl. ebd. S. 71f.).

Gender Lense Investing versucht mittels der drei oben genannten Kriterien, mehr Frauen in Führungspositionen zu besetzen, ihnen Zugang zu Kapital für Unternehmensgründungen zu ermöglichen und generell Gleichstellung voranzutreiben.

Viele GLI-Initiativen wollen Gleichstellung nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in anderen Lebensbereichen sowie weltweit fördern und erheben den Anspruch, einen systemischen Wandel zu bringen (vgl. ebd. S. 68).

Das Marktvolumen von Gender Lense Investing ist unbekannt, da es schwer messbar ist. Der Bereich des Impact Investings, zu dem GLI zählt, wächst jedoch. 2014 betrug das Investitionsvolumen 500 Milliarden Dollar (vgl. ebd. S. 70) und war im Jahr 2020 auf 715 Millarden Dollar angewachsen (vgl. Hand et al., 2020, S. 4).


[1] Die GLI-Initiativen adressieren ausschließlich die Gleichstellung von Männern und Frauen und beziehen das gesamte FLINTA*-Spektrum nicht mit ein. Daher wird im Folgenden von ‚Mann und Frau‘ in Bezug auf GLI-Initiativen gesprochen. FLINTA* steht für Frauen, Lesben, Inter-, Nicht-binäre-, Trans- und Agender-Personen als Sammelkategorie für Menschen, die strukturell vom Patriarchat betroffen sind.

Was ist die Legitimation von GLI? Braucht es mehr Gleichstellung im Finanzsektor?

Die kurze Antwort lautet: „Ja“. Frauen haben erschwerten Zugang zu Kapital: Sie bekommen schlechtere Konditionen bei Krediten und müssen deshalb höhere Zinsen und Gebühren zahlen.

Sie kommen auch schwerer an Startkapital für Unternehmensgründungen: 40% aller Unternehmen in den USA werden von Frauen gegründet, aber nur 6% dieser frauengeführten Unternehmen erhalten Investitionen von Risikokapital-Fonds (vgl. Roberts, 2016, S. 68). 85% aller Investitionen durch Risikokapital-Fonds zwischen 2011 und 2013 in den USA ging an Teams, die ausschließlich aus Männern bestanden (vgl. VanderBrug/Quinlan, 2017, S. 78).

Frauen sind sowohl als Investorinnen als auch als Entscheidungsträgerinnen in der Finanzwelt unterrepräsentiert, der Frauenanteil in Finanzunternehmen ist gering. Eine Studie aus dem Jahr 2014 unter 15 großen Banken in den USA, UK und Europa ergab, dass der Frauenanteil im Vorstand bei 25,7% und bei den Führungskräften bei nur 22,3% lag (vgl. Roberts, 2016, S. 69).

Wie sind die Kriterien zu bewerten? Und wie wirksam sind GLI-Initiativen?

Die GLI-Kriterien sind freiwillig und schwer messbar. Deshalb fokussieren sich viele Investment Fonds auf das Kriterium des Frauenanteils in Führungspositionen. Das hat zur Folge, dass auch Waffenlieferanten wie Lockheed Martin als ‚gender-friendly‘ betitelt werden. Das ist vor dem Hintergrund, dass gewalttätige Konflikte oft geschlechtsspezifische Gewalt beinhalten, kritisch zu bewerten (vgl. Roberts, 2016, S. 73).

Außerdem ist zu kritisieren, dass ein Frauenanteil von 30% in Führungspositionen nicht ausreicht, um Gleichstellung im ganzen Unternehmen, in anderen Lebensbereichen oder weltweit zu fördern. Der Fokus auf den Frauenanteil in Führungspositionen verstärkt möglicherweise sogar Ungleichheiten, da dadurch vor allem wohlhabende weiße Frauen ‚empowered‘ werden und andere Diskriminierungsformen ausgeblendet werden.

Auf ähnliche Art sind die Investor*innen, die durch ihr verantwortungsbewusstes Investieren vermeintlich empowered werden, meist wohlhabende Männer und Frauen, da das Minimum-Investment des Pax Ellevate Global Women’s Index Funds zum Beispiel 250,000 Dollar beträgt (vgl. ebd. S. 72f.).

Der Aussage, dass der GLI-Trend das Befinden von Frauen weltweit verbessern würde, ist entgegenzuhalten, dass viele Fonds in Unternehmen mit Sitz in den USA und Europa investieren und kaum in Unternehmen mit Sitz im globalen Süden. Zum Beispiel besteht das Portfolio des Pax Funds zu 52,5% aus Unternehmen, die ansässig in den USA sind (vgl. ebd. S. 73).


Der Anspruch von Gender Lense Investing-Initiativen, einen systemischen Wandel voranzutreiben und Gleichstellung in der gesamten Lieferkette, in anderen Lebensbereichen sowie weltweit zu fördern, scheint bisher unerfüllt.

Deswegen werden abschließend drei Diskurse rund um GLI diskutiert, um zu klären, ob GLI seinem Anspruch auf einen systemischen Wandel im Sinne der Gleichstellung gerecht wird.

Drei Diskurse rund um Gender Lense Investing

1. Der erste Diskurs rund um GLI beschreibt Gleichstellung als „smart economics“ (World Bank, zitiert nach Roberts, 2016, S. 74). Es sei ganz im Sinne des Finanzsektors, sich Gleichstellung als Ziel zu setzen, da er daran verdienen würde. Die globale Kaufkraft von Frauen beträgt mehr als 15 Billionen Dollar (vgl. VanderBrug/Quinlan, 2017, S. 20), weshalb das ungenutzte ökonomische Potenzial von Frauen als Mitarbeiterinnen und Konsumentinnen in den Markt integriert werden solle. Des Weiteren bedient sich der Diskurs des „Diversity Prediction Theorems“, das besagt, dass diversere Gruppen vielfältigere und bessere Resultate produzieren, was zu mehr Profit für das Unternehmen führe (vgl. Roberts, 2016, S. 76). Der Diskurs betont außerdem ‚die hohen Kosten von Diskriminierung‘ - allerdings nicht die Kosten der diskriminierten Personen, sondern der Unternehmen, die nicht smart agieren.

Diese Art von Feminismus im Sinne eines ‚Business case‘ wird von Adrienne Roberts als „Transnational Business Feminism“ (Roberts, 2016, S. 74) bezeichnet und reflektiert einen neoliberalen „common sense“ (ebd. S. 69), den die World Bank und andere neoliberale Institutionen vorgeben und die GLI-Initiativen reproduzieren. So erklärt zum Beispiel der Geschäftsführer von Barclays’ Women in Leadership ETN: „[We] are moving into this exchange-traded way of investing in diversity” (Bloomberg News, zitiert nach Roberts, 2016, S. 75).

Dieser erste Diskurs rund um ‚smart economics‘ steht konträr zu feministischen Ansätzen, die betonen, dass Gleichstellung auch außerhalb der Markt- und Profitlogik von Unternehmen wichtig ist. Er lässt das eigentliche Problem außer Acht, nämlich, dass die Arbeit von Männern und Frauen im Kapitalismus unterschiedlich monetär wertgeschätzt wird und Frauen mehr unbezahlte Care-Arbeit leisten. Die historisch konstituierten Machtunterschiede zwischen Mann und Frau werden ignoriert. Es ist zusätzlich zu kritisieren, dass der neu von Frauen erwirtschaftete Profit ihnen selbst kaum zugutekommt, da sie häufig auf den unteren Stufen der Karriereleiter stehen (vgl. Roberts, 2016, S. 75f.).

2. Im zweiten Diskurs sollen die ‚femininen Charakteristiken von Frauen‘ genutzt werden, um Risiken zu reduzieren. Diese seien dem weiblichen Geschlecht inhärent. Frauen seien weniger risikofreudig und bedachter, würden ganzheitlicher denken, besser beobachten und gingen beim Investieren methodischer vor als Männer (vgl. Roberts, 2016, S. 76). Deshalb sollen Finanzunternehmen Frauen anstellen, um mittels dieser vorteilhaften Charaktereigenschaften Risiken bei der Kapitalanlage zu mindern und mehr Profite zu erwirtschaften.

Dieser Diskurs verstärkt unreflektiert bestehende Genderstereotypen und -normen: es wird außer Acht gelassen, dass Frauen sich gewisse Charaktereigenschaften angeeignet haben, da sich im Kapitalismus eine Geschlechtertrennung bezüglich Arbeit herausgebildet hat: Frauen machen historisch gesehen die meiste Haus- und Care-Arbeit und verwenden mehr Zeit auf die Kinder-Erziehung als Männer (vgl. ebd. S. 77). Die historische Herausbildung des ‚richtigen femininen Verhaltens‘ mit Fähigkeiten und Eigenschaften wie vorausschauendem Denken, sorgfältigem Planen und Fürsorglichkeit wird in diesem Diskurs verkannt.

Außerdem wird angenommen, dass eine Homogenität in Bezug auf Klasse, Race, Ethnie und Sexualität existiert – Unterschiede werden ausgeblendet. Auch für Männer werden bestimmte Eigenschaften angenommen, wie Impulsivität, Risikobereitschaft und kurzfristiges Denken.

Die Zuschreibung dieser ‚femininen Eigenschaften‘ ist so wirkmächtig, dass viele Frauen sich diese extra aneignen, um in der Finanzwelt Fuß fassen zu können (vgl. ebd.).

3. Der dritte Diskurs bezeichnet den neoliberalen Finanzkapitalismus als die einzige und beste Möglichkeit, Gleichstellung zu erreichen (vgl. Roberts, 2016, S. 79). Es gäbe keine Alternative zum finanzbasierten Kapitalismus und Märkte stellen die einzige und beste Möglichkeit dar, Ungleichheiten aufzulösen.

Auch diese These ist als ‚neoliberaler common sense‘ zu verstehen. Der Feminismus selbst wird neoliberalisiert, zum Beispiel wenn Feminismus in eine Linie mit wirtschaftlicher Liberalisierung gebracht wird (vgl. ebd. S. 78). Roberts kritisiert: „Aspects of feminism become incorporated into neoliberal ideology and governance, which adapts in ways that allow it to incorporate some aspects of feminism, while rejecting some of the more critical feminist perspectives on capitalism” (Roberts, 2016, S. 78).

Abschließend lässt sich sagen, dass die drei Diskurse rund um GLI sich innerhalb des ‚Transnational Business Feminism‘ bewegen und die Ausweitung des Kapitalismus als vereinbar mit progressivem sozialem Wandel sehen: Das ökonomische Potential von Frauen als Mitarbeiterinnen und Konsumentinnen soll ausgeschöpft, ihre femininen Charakteristiken zur Risikominderung genutzt und Feminismus für die neoliberale Agenda umgedeutet werden.

Diese Sichtweisen stehen jedoch im Kontrast zu kritischen feministischen Theorien, die betonen, dass der neoliberale Kapitalismus überhaupt erst Geschlechter-Ungleichheiten und Unterdrückung erzeugt und reproduziert. Kritische Feminist*innen arbeiten mit sozialistischen, marxistischen, poststrukturalistischen und postkolonialen Traditionen und wollen den Kapitalismus anfechten, anstatt ihn auszuweiten.

Wenn GLI-Initiativen lediglich im neoliberalen Paradigma verbleiben, können sie Gleichstellung nur sehr limitiert vorantreiben, weshalb GLI seinem Anspruch auf einen systemischen Wandel im Sinne der Gleichstellung nicht gerecht wird.


Fazit und Bewertung des GLI-Ansatzes

Der Ansatz von Gender Lense Investing versucht auf den Wegen der Finanzwelt mehr Gleichstellung zu erreichen. Das ist generell zu befürworten.

GLI-Initiativen und -kriterien sind allerdings freiwillig und orientieren sich oft an der Anzahl von Frauen in Führungspositionen als Kriterium, um ‚frauenfreundliche‘ und damit förderungswürdige Unternehmen zu identifizieren. Aufgrund der Reduktion auf ein einziges Kriterium kann nicht sichergestellt werden, dass innerhalb der ganzen Lieferkette Gleichstellung praktiziert wird oder faire Löhne gezahlt werden. Zudem profitieren vor allem wohlhabende, weiße Frauen im globalen Norden von den GLI-Initiativen. Der Anspruch, Gleichstellung in der gesamten Lieferkette, in anderen Lebensbereichen sowie weltweit zu fördern, bleibt somit unerfüllt.

Der Diskurs rund um Gender Lense Investing bestätigt eine westliche Version eines liberalen Feminismus, den ‚Transnational Business Feminism‘, der im Gegensatz zu kritischen feministischen Theorien Kapitalismus ausweiten möchte, anstatt ihn zu begrenzen. Im Zuge dessen wird Feminismus neoliberalisiert, indem einige Aspekte der feministischen Theorie übernommen, andere abgelehnt bzw. umgedeutet werden. Im neoliberalen Paradigma kann Gleichstellung nur sehr begrenzt vorangetrieben werden.

Nicht zuletzt limitieren sich die GLI-Initiativen selbst, indem sie mit der Binärität von Mann und Frau arbeiten, anstatt die Vielfalt der Gender miteinzubeziehen.

Der GLI-Ansatz muss intersektionaler werden und weitere Diskriminierungsformen wie Rassismus und Klassismus miteinbeziehen, um seinem selbst gewählten Anspruch einer gesellschaftlichen Transformation gerecht zu werden.

Wie steht ihr zu Gender Lense Investing? Habt ihr Fragen oder Anmerkungen? Schreibt’s in die Kommentare!

 

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