Die Zeichnung ins Verhältnis zum Körper ihrer Autorin setzen

Künstlerische Forschung zu Bildlichkeit und Imagination in der Ökonomie im Kontext der Ausstellung IMAGE OFF TRADE ON


Von Theresa Schnell


Mehrstufige Vergrößerung von Alban W. Phillips Monetary National Income Analogue Computer (MONIAC) u. a. auf der Tür unserer Küche. Wie fühlt es sich an mit einer Maschine, die den Staatshaushalt abbildet, zu leben, zu kochen und den Abwasch zu machen?


Alban W. Phillips, sein MONIAC und ich


Als Künstlerin begegneten mir die mechanistischen Metaphern der Neoklassiker:innen (es waren fast ausschließlich Männer) in ihren modellhaften Verbildlichungen. Irving Fisher entleiht aus der Physik das Prinzip der kommunizierenden Gefäße, um Grenznutzen und Gleichgewichtspreis – die körperlosen Abstraktionen im Herzen der neoklassischen Wirtschaftstheorie – wieder greifbar, d. h. physisch erlebbar zu machen. Alban W. Phillips belegt Wasser mit der Bedeutung „Geld“ als er in den 1940er Jahren den sogenannten MONIAC (Monetary National Income Analogue Computer) entwickelt. Der MONIAC ist ein System aus Röhren, Bassins und Schleusen durch welche Flüssigkeit gepumpt wird. Die Maschine diente dazu, Studierenden der Volkswirtschaftslehre aber auch der interessierten Öffentlichkeit Fiskal- und Geldpolitik zu erklären. Nachbauten stehen bis heute unter anderem an der Havard Business School, in der Zentralbank von Guatemala, in der Ford Motor Company und an der TU Clausthal. Auf youtube finden sich Videos, die die laufende Maschine zeigen. Alban W. Phillips setzt Wasser mit Geld und physikalische Gesetzte mit denen der Ökonomie gleich. Er stellt also eine Analogie zwischen zwei völlig unabhängige Systeme her.


Das Anliegen hinter dem MONIAC, nämlich die Annäherung der Wirtschaftswissenschaften an die mathematisch fundierten Naturwissenschaften, sehe ich kritisch. Ebenso ein technisches Verständnis von „Ökonomie“, welches handelnde Subjekte kaum abbilden kann. Und dennoch kenne ich das Herstellen paradoxer Analogien ­– und eine solche ist der MONIAC – aus meiner künstlerischen Praxis. Auch hier entwickle ich modellhafte Darstellungen und synthetisiere ausgewählte Materialen. Dabei geht es allerdings nicht um die Vereindeutlichung eines bestimmten theoretischen Ansatzes. Eine künstlerisch verstandene Zeichnung oder ein Modell wollen weniger erläutern als Fragen stellen. Materialien und ihre sinnlichen wie symbolhaften Gehalte werden selbst Thema. Sie sind gewissermaßen „Sprungbretter“ für weitere Assoziationen, Verbindungen und unplanbare (innere) Bilder.


Ich werde mich als Künstlerin mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln dem MONIAC nähern und das Modell bzw. seine Darstellungen untersuchen. These ist, dass sich auch in dieser vermeintlich instrumentell gedachten Analogie Ansatzpunkte („Sprungbretter“) für eigenständige Assoziationen und Fragen finden. Mein Ausgangsmaterial sind eine Zeichnung und zwei Fotografien, Fundstücke der Internetrecherche.



Bilder aktiv, d. h. fragend betrachten


Zeichnung des MONIAC (ca. 1950), unbekannte:r Autor:in
BILD 1: Zeichnung des MONIAC (ca. 1950), unbekannte:r Autor:in; Quelle: London School of Economics, James Meade Archive, File 16/3

Die technisch anmutende Zeichnung einer Maschine, die mit Hilfe einer Pumpe Flüssigkeit durch ein System von Rohren und Becken leitet. Die Maschine steht laut Titel als „hydraulische Analogie“ für den Staatshaushalt. Einzelne Elemente sind mit unterschiedlichen Begriffen der US-amerikanischen Volkswirtschaft beschriftet. Die Flüssigkeit, wahrscheinlich Wasser, steht für Geld„flüsse“, „-ströme“ oder „-strudel“. Ihre Qualitäten (Fließdichte, Strömung, etc.) werden welche durch unterschiedlich dichte und gekräuselte Linien symbolisiert werden. Schleusen sowie die veränderbaren Größen der Bassins stehen für geld- oder fiskalpolitische Maßnahmen (Geldschöpfung, Staatsausgaben, Steuersenkung, etc.).


Das System scheint in sich geschlossen und beinhaltet auch die Übersetzung der Wasserströme in grafische Diagramme, wie ich sie aus Ökonomielehrbüchern und den Nachrichten kenne. Beim genaueren Hinsehen fallen mir an vielen Stellen entgegen der vermeintlich technischen und schematischen Darstellungsweise Elemente auf, die mein sinnliches Wahrnehmen, Fühlen und Erinnern anregen


Es gibt beispielsweise Wassertropfen, die fast wie in einer Comiczeichnung in alle Richtungen spritzen. Oder mit welligen Strichen dargestellte Wasserwirbel, denen sich die sie bezeichnenden Buchstaben „beugen“. Oder zwei dünne, sich kräuselnden Linien am linken unteren Rand der Maschine, die zart gelockt verschwinden. Durch sie kommt der elektrische Strom zur Pumpe, die die Wasserströme antreibt. Während alle anderen Elemente der Maschine entgegen ihrer eigentlichen Beschaffenheit mit Begriffen aus der Volkswirtschaft bezeichnet sind, steht über der Pumpe schlicht "Pump". Sie findet ihr volkswirtschaftliches Äquivalent nicht. Unten rechts, durch eine unregelmäßige Linie, die mich an eine Abbruchkante erinnert, separiert, befindet sich die Darstellung einzelner Elemente der Maschine(Zu- und Ablaufbehälter, mittels einer Kurbel in ihrer Größe veränderbare Becken, Schleusen, Federn etc.). Sie werden in ihrer technischen nicht jedoch in ihrer ökonomischen Funktionsweise erklärt.


Die physikalischen und technischen Gesetzmäßigkeiten, welche Antrieb und Manipulation der Maschine ermöglichen sind mir damit klar. Die Instanz, welche die Maschine antreibt und bedient bleibt jedoch namenlos.



Alban W. Phillips präsentiert den MONIAC an der London School of Economics, (ca. 1949)
BILD 2: Alban W. Phillips präsentiert den MONIAC an der London School of Economics, (ca. 1949), unbekannte:r Fotograph:in; Quelle: London School of Economics


Die Schwarzweißfotografie des Ökonomen und Elektroingenieurs Alban W. Phillips mit seiner Erfindung. Die Maschine ist in etwa so groß wie er und auf einer weißen Platte aufgebracht: halbtransparente Gefäße mit einer dunklen Flüssigkeit, dazwischen Schläuche und Messlatten. Phillips richtet seinen Blick auf die Maschine, wirkt wie ihr Schöpfer und Betrachter zugleich. Er trägt einen Anzug, der ihm etwas zu groß ist. Seine rechte Hand verschwindet hinter dem Körper und ist nicht zu sehen. Die Linke hält lässig und untätig eine Zigarette. Phillips berührt die Maschine nicht. Sie läuft für sich und automatisch.



Fotorgafie von drei Personen. Von links nach rechts: Bill Phillips, Mrs. Phyllis Langley, Walter Newlyn (1949)
BILD 3: v.l.n.r: Bill Phillips, Mrs. Phyllis Langley and Walter Newlyn (1949); Quelle: Bollard, Alan (Hrsg.): A Few Hares to Chase: The Life and Economics of Bill Phillips. Auckland University Press, Auckland/New Zealand (2006)


Die zweite Schwarzweißfotografie finde ich im Text The Origins of the Machine in a Personal Context von Walter Newlyn. Newlyn war Unterstützer von Alban W. Phillips und Koproduzent des MONIAC. Den Prototypen baute Phillips – so die Erzählung Newlyns – mit der Unterstützung eines Freundes in ihren Semesterferien in dessen Garage in Croydon. Die Vermutung liegt nahe, dass die Fotographie auf der Terrasse des zur Garage gehörenden Hauses aufgenommen wurde. Laut Bildunterschrift zeigt das Bild Newlyn zusammen mit Phillips und einer Frau Namens Phyllis Langley ("whose husband helped Bill construct the computer"). Die Gruppe hatte gerade die erste Demonstration des MONIAC erlebt. Das Bild wirkt privat, wie einem Familienalbum entnommen. Mrs. Phyllis Langley hält – fast stellvertretend für eine Auszeichnung oder den im Bild nicht sichtbaren MONIAC – eine kleine schwarze Katze in den Händen.


Nach dem Ansehen und Beschreiben der Bilder möchte ich den sinnlichen Elementen der Zeichnung nachgehen. Mich interessiert außerdem das, was in den beiden Fotographien nicht sichtbar ist: nämlich die Art und Weise wie Phillips und seine Unterstützer:innen die Maschine zusammenschraubten, ihre Aufregung, als sie sie das erste Mal anschalteten und ihren Eifer bei Suche nach noch besseren technischen Lösungen. Außerdem regt der häusliche Kontext, in dem der MONIAC seinen Ursprung hat, meine Fantasie an.



Zeichnend untersuchen und verdichten


Ich suche nach einem Untergrund, der erstens das Größenverhältnis des MONIAC zum menschlichen Körper berücksichtigt und zweitens einen festen Platz in meinem Alltag hat. Die Wahl fällt auf unsere Küchentüre – vielfach täglich genutzt, vom Esstisch aus zu sehen und in etwa so hoch wie mein Körper.


Wir rastern die Zeichnung in 16x21 kleine Quadrate und analog dazu auch die Küchentüre in 336 Kästen. Entsprechend des Rasters übertrage ich die Zeichnung Stück für Stück auf die Tür. Ich folge dabei nicht dem Verständnis der mechanischen Zusammenhänge oder den langen Linien, sondern den Inhalten der einzelnen Kästen. Ein Kasten enthält die detaillierte Darstellung von einzelnen technischen Elementen – ganz oder in Teilen. Ich folge den Linien, die Wasserstrudel, Tropfen, Fließrichtung, Bassins, Rohre und deren Namen formen. Die Größe der Zeichnung auf der Küchentüre verlangt, dass ich mich beim Zeichnen an sie anpasse, in die Knie gehe, mich strecke (Bild 4, 5 und 6). Die Übertragung geschieht nicht mit einem Mal, sondern in vielen kleinen Zeitfenstern meines Alltags. Manchmal zeichne ich einen halben Tag, manchmal nur eine Stunde.

Dazwischen leben wir im Angesicht einer sich langsam vervollständigenden Maschine, die für den US-amerikanischen Staatshaushalt stehen soll. Ich wasche das Geschirr, während hinter meinem Rücken durch Linien symbolisierte Wasser- bzw. Geldstrudel durch Rohre plätschern, rauschen, gurgeln.





BILD 4: Ich als Zeichnerin des MONIAC (Digitale Fotographie, 2021), Fotograph: Mario Süßbrich


BILD 5: Ich als Zeichnerin des MONIAC 2/3 (Analoge Fotographie, 2021), Fotograph: Mario Süßbrich


BILD 6: Ich als Zeichnerin des MONIAC 3/3 (Analoge Fotographie, 2021), Fotograph: Mario Süßbrich


 

Bei der Vergrößerung auf der Küchentüre fallen mir Elemente auf, bei denen die Lücke zwischen abgebildetem Gegenstand, dessen graphischer Umsetzung (Darstellungsweise, Linienführung, etc.) und der mittels Beschriftung festgesetzten Bedeutung besonders sichtbar wird: Die zart gelockten Linien, welche zur unsichtbaren und namenlosen Antriebskraft führen. Der zwischen zwei dicken Strichen eingeklemmte Schriftzug „domestic expenditure“ (Inlandsausgaben), auf den ein Wasserfall prasselt und der selbst durch horizontale Linien, welche den Füllstand des Beckens symbolisieren, durchkreuzt wird.

Einige dieser Elemente wähle ich aus und vergrößere sie – ebenfalls mittels Rasterung – weiter. Die Maßstäbe variieren leicht, ich achte mehr auf die Komposition, die der Ausschnitt auf dem Blatt ergibt. Die auf dem Scan der Originalzeichnung dünnen, schwarzen Linien werden zu – je nach Maßstab unterschiedlich breiten – Flächen, die ich mit dem Bleistift schraffierend fülle. Die Umrisslinien der Gefäße und Tropfen, die welligen Formen, welche Wasser darstellen, sowie Pfeile und Buchstaben überlagern sich, fließen ineinander und verstärken sich gegenseitig.



BILD 7: “Surplus Balances, Pump, Domestic Expenditure” (2021), Bleistiftzeichnung, je ca. 30 x 40 cm, Ausstellungsansicht


BILD 8: “Domestic Expenditure” (2021), Bleistiftzeichnung, ca.30 x 40 cm



Detail und Umraum


Die Suche nach dem, was ich eingangs als „Sprungbretter“ für eigene Assoziationen und Bilder beschrieben habe, bedeute für mich im Fall des MONIAC einen extremen Zoom-in vorzunehmen. Die schrittweise Vergrößerung führte dazu, dass Bedeutungszusammenhänge „freigestellt“ und darin sichtbarer wurden. Außerdem fügte ich der Zeichnung bei ihrer Übertragung Informationen hinzu (Strichstärke, Transparenz der schraffierten Flächen, etc.). Teil der Suche war es Umraum (die Küchentür) und sozialen wie ökonomischen Kontext (unseren Familienalltag) sichtbar zu machen. Weiter beschäftigt mich die Frage, inwiefern es möglich wäre, vom Detail und von den (eigenen) Bedingungen ausgehend, Modelle ökonomischen Handelns bzw. „der Wirtschaft“ zu entwickeln. Und welche Rolle künstlerische Produktionsweisen dabei spielen können.


Diese und andere Fragen bearbeite ich seit 2019 gemeinsam mit den Künstler:innen Sophie Lindner und Martin Wiesinger. Die vorgestellte Arbeit ist in diesem Kontext entstanden und war im Rahmen Rahmen dieser Forschung fand von November bis Dezember 2021 die Ausstellungs- und Gesprächsplattform IMAGE OFF TRADE IN statt. Aktuell werten wir die dort gesammelten Gespräche und Erfahrungen aus. Wir arbeiten zudem an Materialien für das Einüben von Bildkompetenzen im Kontext ökonomischer Lehre.


 
Theresa Schnell

Theresa Schnell ist Beraterin für Kultureinrichtungen (https://www.metrum.de/) und freiberufliche Künstlerin. Das künstlerische Werk ist für sie untrennbar von dem institutionelle Kontext in dem Kunst geschieht. Als Studentin der Cusanus Hochschule forscht sie zu Ökonomien, welche einen prozessorientiertes, emanzipatorisches Entstehen von Kunst ermöglichen. In Theresas künstlerischen Arbeit spielen kulturhistorische Fragestellungen eine wichtige Rolle – zuletzt bei der Auseinandersetzung mit Bild und Imagination in der ökonomischen Theorie und Lehre.


Weitere Infos unter:

https://www.imageofftradeon.de/

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