Die Vielfalt des Wirtschaftens (2/2)

Ökonomische Dimensionen selbst imaginieren


Von Valentin Sagvosdkin


Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Bildliche Darstellungen „der Wirtschaft“ sind ungemein wirkmächtig. Sie enthalten Theorien und Normen, das heißt, Ideen darüber, was überhaupt Wirtschaft ist, wie sie funktioniert oder auch wie sie sein sollte oder könnte. Sie sind nicht „neutral“. Für eine Transformation der Wirtschaft brauchen wir neue Bilder. Bilder, die die Vielfalt des Wirtschaftens veranschaulichen und damit aufzeigen, was möglich ist.

Im ersten Teil der Reihe wurden fünf Bilder "der Wirtschaft" vorgestellt. Im zweiten Teil blicken wir auf unterschiedliche Dimensionen des Wirtschaftens. Im Zentrum steht die Frage: Warum wirtschaften wir?


Der Unternehmensberater Simon Sinek wurde erfolgreich, indem er das „Warum“ des Wirtschaftens ins Zentrum eines verblüffend simplen Modells rückte, das er „Golden Circle“ nennt (Sinek 2009). Das Video seines Kurzvortrags über den „Golden Circle“ wurde millionenfach geklickt, es ist eines der erfolgreichsten Ted-Talks aller Zeiten.


Drei Kreise, in der Mitte "Warum?", darum "Wie? und der äußerste Ring "Was?"
Abbildung 2: Der "Golden Circle" (Darstellung orientiert an Simon Sinek)

Seine These: Die meisten Menschen und Unternehmen wissen und kommunizieren was und wie sie etwas machen – sie reflektieren oder sprechen aber kaum über das Warum. Erfolgreiche Unternehmen wie Apple oder Bürgerrechtler wie Martin Luther King machen es laut Sinek genau umgekehrt: Sie stellen das Warum ins Zentrum und sprechen dann erst über das Wie und das Was. Oder betitelte Martin Luther King seine Rede etwa mit „I have a plan“? Wenn Unternehmen Geld verdienen, sei dies ein „Ergebnis“ (Was?), erfolgreiche Unternehmen hätten jedoch „Ziele“ (Warum?).

Nun ist es nicht neu, dass Unternehmen in Leitbildern wohlklingende „purposes“ formulieren. Wer würde sich hinstellen und rufen: „Kauft mein Produkt – ich will euer Geld!“ Für Werbung und PR mag es entscheidend sein, im Sinne von Sinek erst vom Warum und dann vom Wie und zuletzt vom Produkt, dem Was, zu sprechen.


Vor dem Hintergrund sozialer und ökologischer Krisen ist jedoch nicht der springende Punkt, welche „purposes“ kommuniziert, sondern welche Ziele und Werte ein Unternehmen tatsächlich verfolgt und welche umgesetzt werden. In seinem Vortrag wiederholt Sinek gebetsmühlenartig: „People don’t buy what you do, they buy why you do it.“ Damit wird deutlich, dass häufig eben doch ein monetäres Warum unter den glatten und modernen purpose-Narrativen stecken.

Unternehmen sind nicht per se progressiv, wenn sie Yoga- und Achtsamkeitskurse anbieten oder auf flache Hierarchie und Eigenverantwortung setzen. Solange etwa die institutionellen Eigentumsstrukturen dafür sorgen, dass die menschliche Arbeitskraft den (monetären) Zwecken einiger weniger zugeführt wird, sind solche fortschrittlichen Methoden nur geschickte Werkzeuge zur Optimierung von Mitarbeiter:innen. Das Warum sollte tatsächlich sozial und ökologisch handlungsleitend sein, entsprechend braucht es dann ein anderes institutionelles Wie.


"Sharing" ist doch ökologisch, oder?

Ein gutes Beispiel sind Unternehmen der Sharing-Economy (z.B. airbnb oder Uber) – mit kommerziellem Warum sind sie gerade nicht sozial-ökologisch nachhaltig. Statt dessen befördern sie Dumpinglöhne, nutzen unfaire Wettbewerbspraktiken und Steuerschlupflöcher und führen im Ergebnis nicht zu weniger, sondern zu mehr Konsum und Verbrauch an Ressourcen (Loske 2019: 65). Schuld daran ist auch der sogenannte Rebound-Effekt: Menschen teilen sich beispielweise zwar ein Auto, aber fahren dann umso öfter - obendrein mit besserem Gewissen. Oder sie geben das gesparte Geld einfach an anderer Stelle aus. Unterm Strich wird aber die Umwelt zu sehr belastet. Unternehmen mit kommerziellem Interesse befeuern zusätzlich hohen Konsum, indem sie für ihre Produkte und Dienstleistungen werben. Was also tun? Letztlich ist es eine gesellschaftspolitische und damit demokratische Frage, wie etwa Mobilität im 21. Jahrhundert aussehen soll: Günstiger öffentlicher Nahverkehr und gut ausgebaute Radwege, autofreie Bereiche in Innenstädten und vieles mehr sind Projekte, die von den Kommunen vor Ort vorangebracht werden können. Beteiligt sind hier viele Akteure: Von Bürger:innen, die Anliegen an Politiker:innen tragen, über private Firmen, die Radwege ausbauen bis hin zum öffentlichen Unternehmen, das die Straßenbahn betreibt.


Wirtschaft umfasst viele miteinander verwobene Dimensionen. Diese Vielfalt wird im Folgenden durch ein Framework veranschaulicht: Eine Drehscheibe mit neun Kreisen, die je nach Fragestellung oder Fokus anders gefüllt werden kann.


Ökonomische Dimensionen im Bild einer Drehscheibe

Zahlreiche sich umschließende Kreise. In der Mitte das "Warum" in Form von Zielen und Werten.
Abbildung 2: Dimensionen des Wirtschaftens im Bild einer Drehscheibe (eigene Darstellung)

(1) Im äußersten Kreis können die Bereiche des Wirtschaftens eingetragen werden (Was?). Es geht schlicht darum, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten von Menschen ausgeübt werden. Ob sie dafür bezahlt werden oder nicht gehört nicht hierher.

(2) Im nächsten Kreis können Orte des Wirtschaftens in den Blick genommen werden (Wo?). Wo findet die wirtschaftliche Tätigkeit statt? Auf lokaler, regionaler, nationaler oder internationaler Ebene?

(3) Im dritten Kreis können Akteure und Institutionengesammelt werden (Wer?). „Die Politik“, „der Markt“ oder „der Staat“ sind keine konkreten Akteure. Das sind eher "Container-Begriffe", die sich vielleicht für politische Kampfrhetorik eignen, wie etwa "wir brauchen mehr Markt!" oder "mehr Staat!". Stattdessen können z.B. öffentliche oder private Unternehmungen, (Zentral-)Banken, staatliche Institutionen und Behörden, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Gewerkschaften etc. als Akteure genannt werden.


(4) Für das Wie des Wirtschaftens werden sechs Unterkategorien vorgeschlagen:


Kooperations- und Kommunikationsformen:

Wie ist im Kern die Zusammenarbeit organisiert? Wie und durch wen werden Entscheidungen getroffen? Wie findet Führung statt? Wie werden Menschen zur Arbeit motiviert? Gibt es einen Betriebsrat, Tarifvertrag, und Streikrecht?

Um solche Fragen zu beantworten, kann auf Ansätze aus der Organisationsentwicklung zurückgegriffen werden. Frederic Laloux (2015: 36) beispielsweise unterscheidet zwischen fünf Organisationstypen: Tribal impulsiv, traditionell konformistisch, modern leistungsorientiert, postmodern pluralistisch und integral evolutionär. Andere Unterscheidungen wären etwa basisdemokratisch, holokratisch, soziokratisch und ähnliche.


Allokationsformen

Wie wird die Verteilung von Produkten organisiert? Über globale oder regionale Lieferketten bis ins Geschäft? In der Nachbarschaft? Werden Güter per Lieferdienst gebracht?


Produktionsformen

Wie wird etwas produziert bzw. hergestellt? Gibt es verschiedene Produktionsschritte? Ist die Produktion handgefertigt oder maschinell gefertigte Massenproduktion?


Finanzierungs- und Tauschformen

Wie wird die Unternehmung oder das Projekt finanziert bzw. umgesetzt? Hier kann nun die Frage gestellt werden, ob Geld im Spiel ist (z.B. über Einnahmen, Kredite, Darlehen oder Crowdfunding) oder ob Gegenstände oder Tätigkeiten getauscht oder verschenkt werden.


Eigentums- und Rechtsformen

Der Kreis aus Abbildung 2 mit Schwerpunkt auf die Solidarische Landwirtschaft
Abbildung 3: Mit den W-Fragen konkrete Dimensionen einer wirtschaftlichen Unternehmung in den Blick nehmen - beispielsweise eine Solidarische Landwirtschaft (eigene Darstellung)

Wie ist die Eigentums- und Rechtsform der Unternehmung oder des Projekts organisiert? Drück sich in darin bereits eine Gemeinnützigkeit aus? Im Zuge der zunehmenden Bedeutung von Nachhaltigkeit und Gemeinwohl-Orientierung gibt es inzwischen eine Vielzahl nachhaltiger Unternehmensmodelle (Schulz 2022). Konzepte wie das Verantwortungseigentum, das unter anderem eine Vermögensbindung an das Unternehmen vorsieht und Gewinnmaximierung als Selbstzweck ausschließt, wurden von Unternehmer:innen entwickelt, haben aber bisher noch nicht denselben rechtlichen Status wie etwa eine gGmbH. Die Eigentums- und Rechtsform ist in besonderem Maße ausschlaggebend dafür, wie konsequent nachhaltig sich eine Unternehmung ausrichten kann.


(5) Im Kern geht es um das Warum - den tatsächlichen Sinn und Zweck, die tatsächlich gelebten Werte und Ziele einer Unternehmung. Welche Worte dafür gefunden werden, ob ein Unternehmen Freiheit und Innovation oder Nachhaltgeit und Solidarität als eigene Werte betrachtet ist eher zweitranging. Denn während die einen als innovativ ansehen, was sich gut verkauft und Geld einbringt, verstehen die anderen ein Produkt als innovativ, das die Umwelt schont. Während für die einen die Entwicklung von Elektroautos den Wert der Freiheit materialisiert, arbeiten andere an der Freiheit, dank ausgebauter Infrastruktur nicht auf motorisierten Individualverkehr angewiesen sein zu müssen. Das heißt nicht, dass Werte beliebig und damit unwichtig sind. Nur: Egal mit welchen abstrakten Werten Projekte und Vorhaben gelabelt werden: Es kommt darauf an, das wir angesichts ökologischer Vielfachkrisen und sozialer Verwerfung in der Gesellschaft unser Wirtschaften tatsächlich zukunftsfähig realisieren. Andere Möglichkeiten als die vorherrschenden zu kennen, sich die Vielfalt des Wirtschaftens zu imaginieren, mag dabei hilfreich sein.



 
Valentin Sagvosdkin
Literatur