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Commitment ist geil!

Meine Erfahrungen und ein Fazit aus einem Jahr Master-Arbeit


von Mario Diener


Die Master-Arbeit: Die Endgegnerin der studentischen Laufbahn, der Bowser aller Abschlussarbeiten.

In diesem Blogbeitrag möchte ich meine Erfahrungen und Erkenntnisse teilen, die ich während des letzten Jahres gesammelt habe – in der Hoffnung, dass sie vielleicht für einige von euch hilfreich sind.


Ziel einer Master-Arbeit ist gemäß Prüfungsleitfaden, «eine in der Regel selbstentwickelte Forschungsfrage mit wissenschaftlichen Methoden selbstständig [zu] bearbeiten und in einer wissenschaftlichen Arbeit angemessen dar[zu]stellen». Das klingt nach ziemlich viel «selbst» in einem Satz und es ist deshalb nicht verwunderlich, dass ich während des gesamten Prozesses immer wieder auf mich selbst zurückgeworfen und mit mir selbst konfrontiert wurde. Von diesem Prozess möchte ich euch erzählen.


Ich erinnere mich gut an den Tag, als ich den Entschluss fasste, mich im Rahmen meiner Master-Arbeit mit sogenannten «Gemeinsamen Ökonomien» zu beschäftigen. Eine Studienkollegin erzählte mir in einem Café in der Nähe des alten Studi-Hauses in Mülheim von ihr bekannten Gruppen, die ihr gesamtes Einkommen miteinander teilen und sich aus der gemeinsamen Kasse nehmen, was sie zum Leben brauchen – teilweise sogar, ohne zusammen zu wohnen. Das Konzept faszinierte mich sofort, weil es sich einerseits um eine konkrete Praxis handelte und andererseits zahlreiche Themen ansprach, mit denen ich mich während meines Studiums bereits theoretisch beschäftigte. So machte ich mir schon lange Gedanken über Geld und seine Rolle in unserer Gesellschaft. Ich wusste zwar noch nicht genau wie, aber das Konzept schien vielen sicher geglaubten Wahrheiten rund um das Thema Geld auf grundlegende Art und Weise zu widersprechen.


Forschen

Um mich dem Forschungsgegenstand anzunähern und mich in das qualitative Forschungsparadigma einzuarbeiten, entschied ich, zuerst eine Hausarbeit über einen Teilaspekt von Gemeinsamen Ökonomien zu schreiben. Die Aufteilung einer Forschungsarbeit auf zwei Module stellte für mich eine gute Möglichkeit dar, um eine Art «Testlauf» durchzuführen. Außerdem hatte ich so mehr Zeit, um herauszufinden, welche Aspekte des Forschungsgegenstands mich wirklich interessieren. Dabei half mir das von der Hochschule angebotene Master-Kolloquium, meine Gedanken und Ideen zu ordnen und eine erste Fragestellung zu entwickeln. Auch war es schön zu wissen, dass sich andere in derselben Situation befanden und ich nicht auf mich allein gestellt war.


Der gesamte Forschungsprozess war für mich ein stetiger Lernprozess. Erstens forderte mich die Forschungsmethode heraus, da ich zuvor noch nie mit der qualitativen Interviewanalyse gearbeitet hatte. Wie gewinnt man zum Beispiel passende Praxisakteur:innen für Interviews? Ich erinnere mich, dass ich einer Person einen siebenseitigen Brief geschrieben hatte, um mein aufrichtiges Interesse an der Thematik zu beweisen. Woran ich nicht gedacht hatte, war die abschreckende Wirkung, die ein solch langer Brief auslösen kann. Der Interviewtermin kam zwar zustande, aber erst musste ich die Person überzeugen, dass der Zeitaufwand für sie wirklich nicht mehr als eine Stunde betragen würde. Auch die Interviewführung stellte mich vor ungeahnte Herausforderungen. Wie genau halte ich mich an den Interviewleitfaden? Wie tief soll ich bei interessanten Aspekten nachhaken? Was mich dann besonders faszinierte, war zu realisieren, wie wenig ich in den Gesprächen tatsächlich auf Anhieb verstand. Erst beim mehrmaligen Durchlesen des transkribierten Textes erschloss sich mir die Bedeutung einzelner Aussagen. Ich erlebte den Wert von iterativer Forschung quasi am eigenen Leibe. (Iterative Forschung meint dabei den Prozess der kontinuierlichen Wiederholung von Forschungsschritten, um neue Erkenntnisse zu gewinnen oder bestehende Ergebnisse zu überprüfen und zu verbessern.) Beim Codieren des Interviewmaterials musste ich dann die Erfahrung machen, dass es möglich ist, einzelne Textstellen stundenlang von der einen in die andere Kategorie zu schieben. Mittlerweile weiß ich, dass viele Zusammenhänge erst beim Schreiben ersichtlich werden und dass ein «Kategoriensystem» nie ganz abgeschlossen ist.


Fokus

Die vielfältigen Themen und Fragen, die mit Gemeinsamen Ökonomien verknüpft sind, machte die Auseinandersetzung zwar sehr spannend, führte aber auch dazu, dass ich mich phasenweise in einzelnen Aspekten verlor. Es geht um Beziehungen, Kapitalismus, Alltagspraktiken, Umgang mit Geld, das Verhältnis zwischen Lohn- und Care-Arbeit, persönliche Motive und Erwartungen, Selbstbestimmung, Konsum, Gerechtigkeit, politische Ambitionen und so weiter und so fort. Teilweise fiel es mir schwer, mich auf bestimmte Aspekte zu konzentrieren, da das alles miteinander zusammenhängt.


Eine Hand, die auf einer Magnetwand zwei von vielen Zetteln einkreist

Genauso schwierig war das Streichen mancher Aspekte. Am liebsten hätte ich alles in meine Arbeit einbezogen, was mir interessant erschien. Ein wichtiger Grund für meinen fehlenden Fokus war, dass ich lange Zeit nicht wusste, mit welcher «theoretischen Brille» ich den Forschungsgegenstand betrachten sollte. Die dünne Forschungsliteratur zu Gemeinsamen Ökonomien und meine überschaubare Erfahrung in qualitativen Forschungsmethoden führten dazu, dass ich mich zu lange auf einer «allgemeinen Ebene» mit dem Phänomen beschäftigte. Im Nachhinein hätte ich in dieser Frage wohl früher Unterstützung einfordern sollen. Die theoretische Umrahmung ermöglichte mir dann, meine Daten und Ergebnisse besser zu strukturieren und einzuordnen. Gleichzeitig musste ich aber feststellen, dass viele Aspekte rund um Gemeinsame Ökonomien, mit denen ich mich zuvor beschäftigt hatte, aus diesem Blickwinkel keinen Platz mehr in der Arbeit finden würden.

In dieser Situation half mir der versöhnliche Hinweis meines Zweitbetreuers, dass nicht alle offenen Fragen im Rahmen der Master-Arbeit beantwortet werden müssen. Wenn sie wirklich wichtig sind, werden sie mich über das Studium hinaus begleiten. Dieser Gedanke half mir auch dabei, die Master-Arbeit nicht zu einem Lebensprojekt hochzustilisieren.


Feedback

Was mich während des gesamten Forschungsprozesses immer wieder bestärkt hat, waren die spannenden Gespräche, die ich mit meinem Umfeld über das Konzept von EGs führte. Kaum eine Person hat nicht nachgefragt, wenn ich erzählte, woran ich gerade arbeite. Viele zeigten sich fasziniert von der Thematik und ich erhielt dank der unterschiedlichen Reaktionen und Rückfragen immer wieder neue Denkanstöße für meine Arbeit. Diese positive Resonanz bestärkte mich in meinem Vorhaben und zeigte mir die Relevanz der aufgeworfenen Fragen. Dennoch fiel es mir immer wieder schwer, selbstständig und kontinuierlich an der Master-Arbeit zu arbeiten. Ich setzte mich unter Druck, weil ich es gut machen wollte, blockierte mich aber immer wieder selbst und prokrastinierte wie ein Weltmeister.

Wie schaffe ich es, mich zu den Dingen zu motivieren, die ich eigentlich tun will? Auch diese Frage wird mich über die Master-Arbeit hinaus beschäftigen. Mir hat es geholfen, mir selbst einen verbindlichen Abgabetermin zu setzen. Unter Zeitdruck scheine ich einfach besser zu funktionieren. Allerdings hat mir der Schreibprozess und die Studienzeit während der COVID-Pandemie klar gemacht, dass mir das selbstständige Arbeiten im stillen Kämmerlein nicht entspricht und mich auf lange Sicht unglücklich macht. Für die Zukunft weiß ich, dass ich wieder mehr mit Menschen zusammenarbeiten möchte. Ich bin überzeugt, dass diese Arbeitsweise eher meinem Charakter entspricht und ich dort meine Stärken besser ausspielen kann.


Was bleibt

Das wichtigste Ergebnis meiner Master-Arbeit war übrigens, dass das Teilen von Geld in einer Gruppe das Potenzial hat, eine neuartige Beziehungsform hervorzubringen, die sich von den dominanten Kategorien wie Familie oder Freund:innenschaft unterscheidet und diese (teilweise) ersetzen kann.

Da Geld in unserer Gesellschaft reine Privatsache ist, beweist das Teilen von Geld die Ernsthaftigkeit, mit der Beziehungen in Einkommensgemeinschaften eingegangen werden. Auf diesem Fundament können wiederum verbindliche und vertrauensvolle Beziehungen wachsen.

Mir persönlich zeigt diese Erkenntnis, dass wirkliches Commitment zu Veränderungen in unserem Leben und Umfeld führt. In Gemeinsamen Ökonomien drückt sich das Commitment in einer Zusammenarbeit auf finanzieller Ebene aus. Es gibt aber viele weitere Möglichkeiten und Wege, sich zu Menschen, Werten und Ideen zu bekennen. In diesen Entscheidungen liegt meiner Meinung nach eine ungeheure Kraft, die Dinge in unserer Welt zu gestalten und zu verändern.

Mein persönliches Fazit aus dem Forschungsprozess lautet also: Commitment ist geil! Das gilt auch für die Master-Arbeit – gerade, weil nicht alle aufgeworfenen Fragen während des Forschungsprozesses beantwortet werden müssen.


Key-Learnings

  • Eine Vorstudie im Rahmen eines anderen Moduls kann hilfreich sein, um sich dem Forschungsgegenstand anzunähern.

  • Organisiere dich mit anderen Menschen, die ebenfalls eine Abschlussarbeit schreiben!

  • Hol dir ungeniert Unterstützung von deinen Betreuer:innen, wenn du alleine nicht weiterkommst!

  • Lass dir Zeit bei der qualitativen Inhaltsanalyse. Oft erschließt sich der Sinn erst nach mehrmaligem Durchlesen der Texte. Ein Kategoriensystem ist nie ganz fertig.

  • Die Master-Arbeit muss nicht alle deine Fragen beantworten.

  • Sprich mit möglichst vielen Leuten aus deinem Umfeld über deine Forschungsidee, um neue Inputs und Denkanstöße zu erhalten!


Illustration von Anne-Ly Redlich

 

Zur Reihe "Abschlussarbeiten"

In dieser Reihe veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Beiträge der Absolvent:innen der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. Sie berichten an dieser Stelle über die Erkenntnisse und Erfahrungen beim Forschen für ihre Abschlussarbeiten.


1 Comment


Guest
May 09, 2023

Sehr, sehr ‚bildreich‘ eindrucksvoll und einleuchtend.

Was mich leider weiter - alltäglich während des Studiumd sehr belastet - ist, wie die Mittel, mit der wir diese sozioökonomische, und höchst krisendiverse Weltlage geschaffen haben, nicht ausreichend, nicht adäquat ausreichend sein können.

Deren Gesetzmäßigkeiten nach nicht sein können, insbesondere im Verhältnis zur Dynamik-Geschwindigkeit.

Die gefragte eher adäquae, immer noch unverstandene Methodik mit einer Didaktikgeschwindigkeit - auch außerhalb der Hochschulen - braucht sehr dringend eine zusätzliche, zu erschließende Ebene, mit der den akuten an Tempo zulegenden Dynamiken individuell und kollektiv beizukommen in der Lage ist. Das kann ich bei uns nicht erkennen.


Ich kann diese so schön dargestellte Erfahrung - danke - aus meiner Perspektive sehr wahrscheinlich nicht weiter mitgehen.…

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