Auf dem Weg zu lebendigen Dörfern

Eine empirische Untersuchung zu den Gestaltungspotentialen von Bewohner:innen in ländlichen Räumen Ostbrandenburgs


Von Ramona Schmidt


Auf dem Bild sind einige Menschen zu sehen, die gesellig in Grüppchen zusammenstehen oder sitzen. Es gibt einen Verkaufsstand für Getränke und einen für frisches Gemüse. Einige Menschen auf dem Foto lächeln. Im hinteren Teil des Fotos sind Kinder zu sehen.

Wenn von ländlichen Räumen die Rede ist, sehen Viele vor ihrem inneren Auge Landlust-Cover, Trachten und marode Bushaltestellen. In meiner Masterarbeit bin ich durch den Landkreis Oder-Spree (LOS) in Brandenburg gefahren und habe dort all das gesehen. Bei LOS handelt es sich um eine ländliche Region mit einer stark unterdurchschnittlichen sozio-ökonomischen Lage[1]. Hier multiplizieren sich die eingangs formulierten Stereotype mit denen von Armut, Ostdeutschland, AfD-Wähler:innen und Dorf. Im Kontext der Arbeit habe ich mit engagierten Menschen geredet, die versuchen, ihre Region über ihren Gartenzaun hinaus positiv zu beeinflussen. Ihre Vielschichtigkeit, ihr Engagement und ihre Kreativität lassen die Vorurteile zu dem werden, was sie tatsächlich sind: Müde und eindimensionale Zeichnungen einer Region, die vorschnell und vielerorts unzutreffend sind. Und dennoch ist ihr Bestehen aufschlussreich, weniger in Bezug auf die dort lebenden Menschen, sondern mehr bezüglich der Geschichte und der Dynamik von Machtverhältnissen in einer Region.


Forschungsvorbereitungen

Bevor ich mich auf den Weg in den Landkreis machte, las ich mich in den historischen, institutionellen und sozio-ökonomischen Kontext der Region ein. Dies tat ich, um so angemessen und verständig wie möglich in die Interviews zu gehen und platte Vorurteile nicht unbewusst zu reproduzieren. Ich schaute, wie sich Vorurteile von ländlichen Räumen zur Zeit der Industrialisierung und Modernisierung etablierten und bis heute nachwirkend das Bild einer rückständigen und traditionsgebundenen Bevölkerung zeichnen, bei gleichzeitiger Romantisierung der Naturräume und Kulturlandschaften. Ich verschaffte mir einen Überblick über die unterschiedlichen Etappen ländlicher Räume in der DDR, von den Enteignungsprozessen der Nachkriegszeit über die anschließende Kollektivierungsphase bis zur Nachwendezeit. Letztere beschreibt ein Kapitel, dass mit einem Bruch begann und eine frakturierte Gesellschaft zurückließ[2]. Die neuen Bundesländer hatten mit sozialer Abwertung, Arbeitslosigkeit und Gemeindegebietsreformen zu kämpfen, wodurch für die Bewohner:innen mehrfach identitätsstiftende Bezüge wegbrachen - Staatsangehörigkeit, Beruf und das konkrete Dorf bzw. die konkrete Gemeinde durch das Zusammenführen von Gemeinden und das Umschreiben von Landkreisen. In den Erzählungen meiner Gesprächspartner:innen waren insbesondere negative Bezugnahmen auf die Gemeindegebietsreformen immer wieder ein Thema, die wohl mit der Wende im Rücken auf einem denkbar schlechten Nährboden stattfanden. So formulierte eine Interviewpartnerin:


„Und die politische Kommune ist hier Steinhöfel und die wurden vor eineinhalb Jahren zusammengelegt mit Beeskow und das ist zusammen das Amt Oder-Vorland und das ist jetzt eine riesige Kommune aus super vielen Dörfern und das ist so, halt auch nicht so einfach. Weil das so unterschiedliche Interessen sind in jedem Dorf, mit so unterschiedlichen Problemen und dass das jetzt ein politischer Körper ist, das finde ich schon problematisch.“

Zu sehen ist ein weißer Plattenbau an einem sonnigen Tag in Golzow.

Die ausführliche Recherche bedeute für mich auch die Anerkennung dessen, dass ich für die Forschungsergebnisse verantwortlich bin. Dies weniger einem wissenschaftlichen Publikum gegenüber als mehr noch gegenüber den Menschen, denen ich in Brandenburg begegnete. Hierin spiegelt sich eine Haltung, die ich aus der Auseinandersetzung mit Action Research als der von mir gewählten Forschungsansatz gewann. Die Haltung zeigt sich in der Zielstellung, praktisches Wissen zu generieren. Sie zeigt sich auch in der Vorstellung von einem Miteinander, welches die interdependente Existenz in einer Welt anerkennt und danach strebt, Machthierarchien und Zwang zu überwinden. Die Haltung von Action Research zeigt sich schlussendlich in einem Zugang zu Wissen, welcher dieses als kontingentes und transformierbares Resultat von kollektiven

Aushandlungsprozessen versteht. Wissen ist dann von dem situativen Kontext abhängig und Forschung hat sich daran zu messen, ob sie in der Lage ist, praktisch und emanzipatorisch wirksam zu sein.


Ausgerüstet mit dem Vorwissen zur Region und Action Research als Kompass besuchte ich zwei Konferenzen im Landkreis und fuhr mit einem kleinen blauen Auto über Landstraßen zu meinen Interviewpartner:innen. Auf dem Beifahrersitz lag eine Minolta X700, mit ihr habe ich die Reisezeit in Ausschnitten dokumentarisch festgehalten und meine Gesprächspartner:innen, wo möglich, porträtiert. Für mich befinden sich wissenschaftliche Forschung und Fotografie in einem ähnlichen Spannungsfeld. Beide können als objektive Methoden zur Erfassung von Wirklichkeit verstanden werden. Beide sind meiner Erfahrung nach aber unvermeidlich von der schreibenden oder der Auslöser-drückenden Person beeinflusst, sowie von dem spezifischen Kontext, in dem sie entstehen. Erst mit einem Bewusstsein für den jeweiligen Kontext und dem Kennenlernen der dahinterstehenden Person entfalten sie ihre Aussagekraft.


Foto eines kleinen blauen Autos, das die Autorin Ramona Schmidt von einem Freund für ihre Reise durch Brandenburg geliehen hatte.

Ergebnisse

Was konnte ich nun aber aus meiner Auseinandersetzung mit der Region und den Menschen in Bezug auf die Forschungsfrage herausarbeiten?

Aus den Interviews und meiner Teilnahme an den zwei Veranstaltungen im Landkreis, leitete ich drei Themenkomplexe ab: das Verständnis ländlicher Räume, Erfahrungen mit regionalem Engagement und die Konzeptionen von Wirtschaft. Entlang der drei Kategorien werde ich versuchen, das komplexe Bild weiter nachzuzeichnen, das sich mir während meines Aufenthaltes zeigte.


Das Verständnis ländlicher Räume

„Man ist so aufeinander angewiesen, oder nicht angewiesen, aber aufeinander geworfen. Man muss gucken, dass man miteinander klar kommt. Und wenn man es schafft, ist es eine schöne sorgende Gemeinschaft, die füreinander da ist. Und das ist sehr reizvoll.“ (Interview_HJ, S. 1: 1312)

Was den ländlichen Raum und damit zum Großteil die Wohnorte meiner Gesprächspartner:innen ihrer Einschätzung nach auszeichnet, ist eine besondere soziale Dynamik, die ich in Anlehnung an die Formulierung einer Interviewpartnerin als aufeinander geworfen-sein beschrieben habe. Bedeutsam für diese Dynamik scheint die lockere Siedlungsstruktur zu sein, welche wenige Menschen auf größerer Fläche beherbergt. So ermöglicht sie eine Übersichtlichkeit sozialer Beziehungen und Institutionen. Die Menschen begegnen sich häufiger, man lernt sich kennen und Angelegenheiten können oft direkt, weniger abstrakt und weniger bürokratisch geregelt werden. Diese Bekanntschaften sind meist zufällig, was sich in der Formulierung des aufeinander geworfen-sein zeigt und an eine Schicksalsgemeinschaft erinnert. Für die Menschen vor Ort erleichtern die übersichtlichen Strukturen ihr Engagement und erweitert somit ihr Gestaltungspotential. In meinen Gesprächen deutet sich aber auch an, dass diese besondere soziale Dynamik gefährdet ist. Das aufeinander geworfen-sein scheint von regelmäßigen und niedrigschwelligen Treffen abzuhängen, die durch Institutionen der Daseinsvorsorge, wie Einkaufsläden, Schulen und Ärzt:innen, ermöglicht werden. Die sind aber in der Vergangenheit in ländlichen Räumen selten geworden. Ob Vereine und offene Orte, in die einige meiner Gesprächspartner:innen ihr Engagement investieren, diese Aufgabe übernehmen können, bleibt eine offene Frage, zumal die Begegnungen hier einen weniger zufälligen Charakter haben.



Erfahrungen mit regionalem Engagement

In Bezug auf das Verständnis meiner Gesprächspartner:innen von ihrem Engagement hat sich gezeigt, dass, auch wenn sich die Menschen für Kulturveranstaltungen, materielle Veränderungen im Ort oder offene Orte einsetzten, doch meistens soziale Anliegen die treibende Kraft des Gestaltens sind. Eine besondere Rolle nehmen hier Werte für die Motivation meiner Gesprächspartner:innen ein. In der Analyse deuteten sich zwei Werteorientierungen an: gesellschaftspolitisch aktiv zu sein oder Gemeinschaftlichkeit erhalten zu wollen. Sie scheinen die eigene Tätigkeit in einen größeren sinnstiftenden Kontext einzubetten. Die Analyse deutet an, dass ‚Zugezogene‘, die aus einem studentisch-urbanen Milieu kommen, gesellschaftspolitisch aktiv sein wollen und hierfür ‚Vernetzung‘ als Strategie wählen. Im Gegensatz dazu sprechen ‚Alteingesessene‘ davon, die Gemeinschaft erhalten zu wollen und referieren hierfür auf den Modus bzw. die Haltung ‚einander mitzunehmen‘. Diese Unterscheidung ist das einzige Spannungsverhältnis zwischen Menschen, die schon lange im Dorf leben und Menschen, die weniger Lange im Dorf leben, das mir in meiner Arbeit begegnet ist.


Konzeptionen von Wirtschaft

Als ebenfalls aufschlussreich erwies sich die Auseinandersetzung mit den ökonomischen Konzepten, die implizit oder explizit im Gesagten meiner Gesprächspartner:innen sichtbar wurden. Sie scheinen in besonderer Weise das Verständnis der eigenen Gestaltungsfähigkeit im ländlichen Raum zu prägen. Mit Wirtschaft — einem an sich immateriellen, wenig expliziten und gleichzeitig extrem prominenten Konzept —verknüpfen meine Gesprächspartner:innen vor allem Geld und Unternehmen. Sie bezogen sich somit weitestgehend auf ihre lebensweltlichen Erfahrungen mit dem Konzept, anstatt abstraktere Konzepte zu bemühen. In Bezug auf die Frage, wie die Konzeption von Wirtschaft mit Gestaltungsoptionen im Verhältnis steht, ermöglichen ‚Geld‘ und ‚Unternehmen‘ aussagekräftige Interpretationen: Wenn meine Gesprächspartner:innen über Geld sprachen, so war meistens von Notwendigkeiten und von Mangel die Rede. Sie selbst verfügen nicht über größere Geldmengen und mit den Gemeindegebietsreformen sind Menschen mit Einfluss auf die Mittelverteilung nur noch selten im eigenen Dorf anzutreffen, sodass Geld bzw. Geldmangel an ein Gefühl der Machtlosigkeit gekoppelt zu sein scheint. Menschen, die sich kapitalismuskritisch positionieren, äußerten sich außerdem zu einem Spannungsfeld, alternative Strukturen schaffen zu wollen und dennoch unter ökonomischem Druck zu stehen. Diese widerstrebenden Ansprüche verlangten ihnen zum Teil Handlungen ab, denen sie eigentlich nicht nachgehen wollen. Bei Personen, die in der Verwaltung des Landkreises arbeiten, deutete sich ein Fokus auf die Rolle von Unternehmen für Gestaltungsmöglichkeiten in ländlichen Räumen. Gleichzeitig fanden sich in der Vielstimmigkeit der Gespräche Ansätze zu alternativen Wirtschaftskonzeptionen: zu Eigenversorgung, zu Wirtschaft als Organisationsprinzip unserer geteilten Existenz oder zu Geschenkökonomien.


Ich beendete meine Arbeit mit acht Thesen zu der Region, die ich mit mehr Zeit gerne mit Menschen aus dem Landkreis Oder-Spree diskutiert hätte. In einer geteilten Auseinandersetzung hätten wir versuchen können, die Thesen zu kritisieren, weiterzuentwickeln und praktisch werden zu lassen, um den Freiraum im ländlichen Raum zu pflegen, sodass sich ein stabiler Gestaltungsraum für die Bewohner:innen entwickeln kann.


Abschließend möchte ich hier eine These und ihren Kontext einbinden, die die bisherige Darstellung der Region und meiner Ergebnisse um eine weitere Dimension ergänzt:

  • In den nahräumlichen Beziehungen zu anderen Menschen, aber auch zu Tieren, Pflanzen und Ökosystemen können Bewohner:innen ländlicher Räume die Wirkungen ihrer Handlungen nachvollziehen. In diesem Beziehungsgeflecht haben sie Verantwortung und sind wirkmächtig. Nach Aussage einer Gesprächspartnerin lässt sich dieses ‚Zusammenhängen von allem auf alles projizieren‘. So wie die frühe Landsoziologie das Dorf als Untersuchungsgebiet wählte, um gesellschaftliche Wandlungsprozesse in einem begrenzten Gebiet zu untersuchen, so können rurale Gebiete heute Orte sein, an denen Bewohner:innen in einem überschaubaren Kontext die Vielzahl interdependenter Beziehungen wahrnehmen und einen Umgang mit diesen erproben können. Sie können als Übungsfelder für eine Community im Sinne einer „[…] raw, ethical exposures of coexistence in our myriad relations of sustenance.“[3] sein.


Daraus leite ich die These ab:

  • Das Untersuchungsgebiet benötigt weniger Pioniere ländlicher Räume, sondern kann sich stattdessen selbstbewusst als Pionierraum verstehen. Er bietet eine Übersichtlichkeit, die es seinen Bewohner:innen erlaubt, sich als wirksames Subjekt in einem vielfältigen Beziehungsgeflecht wahrzunehmen.


Fazit

Mittlerweile ist es rund ein Jahr her, dass ich meine Masterarbeit abgegeben habe. Die Zeit in Brandenburg und die Gespräche haben noch Nachhall. Ich konnte meine Masterarbeit nutzen, um ein Verständnis von Forschung und Wissenschaft herauszuarbeiten, das mit meiner Weltsicht und meinen Werten harmoniert. Ich konnte in Austausch mit Menschen kommen, die aktuell aktiv sind. Ein solcher Austausch ist für mich immer wieder ein Grund, Bestehendes weniger absolut und somit veränderbar zu lesen, da in den Gesprächen die Uneindeutigkeiten, Widerständigkeiten und Widersprüchlichkeiten unserer Zeit sichtbar wurden und sich neue Möglichkeiten andeuteten. Spannend war für mich auch zu sehen, wie sehr soziale Dynamiken auf materielle Bedingungen zurück gehen, was sich insbesondere in dem Modus des „aufeinander geworfen-sein“ zeigte, der von lokalen Strukturen der Daseinsvorsorge getragen wird und mit deren Wegbrechen in Gefahr gerät. Nicht zuletzt empfand ich die Auseinandersetzung mit einer Region als aufschlussreich, die vor rund 30 Jahren eine radikale gesellschaftliche Transformation durchlebt hat. Was sich aus diesem Prozess für notwendige sozial-ökologische Transformationsbewegungen heute lernen ließe, ist eine Frage, die es in zukünftigen Forschungsarbeiten zu beantworten gilt.



[1] THÜNEN-INSTITUT für Ländliche Räume (2020): Der Landatlas: Zur Einführung. Unter: https://www.landatlas.de (abgerufen am 5.2.21).

[2] MAU, Steffen (2020): Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp.Steffen Mau.

[3] GIBSON-GRAHAM, J. K/ CAMERON, Jenny/ DOMBROSKI, Kelly/ HEALY, Stephen/ MILLER, Ethan & the Community Economies Collective. (2018): Cultivating Community Economies. An Essay for the Next System Project.


 

Zur Reihe “Abschlussarbeiten”