S.O.S. das Meer kotzt.

Digitaler Protest gegen Einwegplastik.


von Jennifer Timrott


Vor ein paar Jahren bin ich bei einem Gang am Strand über eine leere Flasche Sonnencreme gestolpert, die mich für einen Moment aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Plastikmüll am Strand ist leider nichts Besonderes mehr. An der Küste gehört es zu den alltäglichen Erfahrungen, dass einem die Folgen des Einwegkonsums im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße fallen. Etliche Plastikverpackungen aus allen möglichen Ländern habe ich im Verlauf der Jahre aufgehoben und in Müllsäcken weggetragen. Aber diese Flasche war besonders. Sie hat eine Erinnerung ausgelöst - und zwar eine ganz alte. Es war eine hellgrüne Flasche der Marke „Zeozon“. Lichtschutzfaktor 4. Das erinnerte mich sofort an die Familienurlaube meiner Kindheit: Zelten an der Elbe. Mit dem VW-Käfer der Eltern und später mit einem umgebauten kleinen T2-Postbulli. Damals hatten wir die „Zeozon“-Creme dabeigehabt. An ihren intensiven Geruch konnte ich mich sofort erinnern. Aber diese Sonnencreme hatte ich schon ewig nicht mehr in den Geschäften gesehen. Im Internet habe ich eine Website gefunden, die Verpackungen verschiedener Markenprodukte zeitlich zuordnet. Mein Strandfund stammte aus dem Jahr 1975, dem Jahr, in dem ich eingeschult wurde. Seitdem habe ich 13 Schuljahre hinter mich gebracht, eine Berufsausbildung, ein Bachelor- und ein Masterstudium abgeschlossen, viele Jahre in verschiedenen Berufen gearbeitet, ein Unternehmen gestartet, einen Verein gegründet und bin elfmal umgezogen. In all diesen Jahren ist die leere Sonnenmilchflasche auch unterwegs gewesen. Man sieht es ihr nicht an. Bis auf einen Riss in der Vorderseite sieht sie aus wie neu. In meinem Körper haben die Jahre mehr Spuren hinterlassen. Ich habe seither noch viele alte Verpackungen gefunden, ich achte jetzt auf Zeichen und Hinweise. Manche unserer Fundstücke sind älter als ich: eine Putzmittelflasche von 1965 – da kannten sich meine Eltern noch nicht.





Jahrzehnte alter Plastikmüll, das trifft bei mir einen Nerv. Wenn ich das Bestehenbleiben des Plastikabfalls ins Verhältnis zu meiner eigenen Lebenszeit setze, wird mir unmittelbar körperlich deutlich, welcher Wahnsinn im Einweg-Umgang mit Plastik liegt. Tagtäglich werden für die sehr kurzfristige Nutzung riesige Mengen Einwegverpackungen produziert, die in der Natur nicht abgebaut werden können und das Vielfache unserer Lebensspanne überdauern, bis sie sich in Mikropartikel zersetzen. Wir wissen um das Problem - trotzdem steigt die Kunststoffproduktion beständig. Der lineare Prozess des Verpackens, Verbrauchens und Wegwerfens hat viele Konsummuster, Lebens- und Wirtschaftsweisen erst möglich gemacht. Deshalb erscheint uns dieses Prinzip heute so alternativlos und selbstverständlich, dass das Mehrwegprinzip dagegen wahlweise als altbacken oder utopisch dargestellt wird. Obwohl es mal gut funktioniert hat.


Die Plastikkrise ist im Winter 2013 in mein Leben geschwappt. Mit einer heftigen Sturmflut. Ich habe auf Hallig Hooge gelebt. Sogenannte Landunter, bei denen das Halligland von der Nordsee geflutet wird, sind dort in der Zeit der Winterstürme normal. Doch der Orkan Xaver brachte sehr hohe Wasserstände und drei Überflutungen in Folge. Als sich das Wasser wieder beruhigt hatte, bin ich zur Halligkante gelaufen. Geradewegs in eine riesige Menge Plastikmüll. Nach dem Sturm war das aufgeweichte Land bunt wie eine Sommerwiese: Verpackungen in allen Farben und Formen, Putzmittelflaschen, Spielzeuge, Chipstüten, Getränkeflaschen. Es sah aus, als hätte das Meer gekotzt.





Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass es niemals reichen wird, dieses Problem auf der individuellen Ebene zu behandeln. Ich hatte schon häufiger versucht, Plastikverpackungen zu vermeiden, aber so vereinzelt hatte ich mich als macht- und wirkungslos erlebt. Das muss man erstmal schaffen, aus einem Supermarkt herauszukommen, ohne eine Plastikverpackung mitgenommen zu haben. Viele Entscheidungen sind schon lange gefallen, bevor wir als Kundinnen und Kunden unsere Wahl treffen können. In Büchern, Blogs und Social Media liegt der Fokus beim Thema Plastikvermeidung oft darauf, was jede und jeder Einzelne tun kann. Wir bei „Küste gegen Plastik“ finden es wichtig, auch sehr genau zu gucken, was die Industrie tun kann. Es ist ein systemisches Problem, deshalb muss auch die Lösung systemisch sein, und nicht ausschließlich individuell. Also haben wir Unternehmen geschrieben. Wir haben geschildert, welche Auswirkungen der Einwegflut tagtäglich erleben, und gebeten, die Verpackungen zu überdenken. Die Antwort war häufig: Die Kund:innen verlangen es so, also machen wir es. Als Reaktion darauf ist unsere ReplacePlastic-Kampagne entstanden. Im Zentrum steht eine Smartphone-App, mit der Kundinnen und Kunden den Barcode an einem Produkt scannen und so den Unternehmen mitteilen, dass sie mit Plastikverpackungen nicht einverstanden sind und sich Alternativen in den Läden wünschen. Täglich gehen bei uns mehrere Hundert Produktscans ein, vor der Corona-Pandemie waren es täglich oft um die 2000. Fast zwei Millionen Plastikverpackungen wurden gescannt. Das Argument, Unternehmen reagierten mit den Verpackungen primär auf Kundenwunsch, ist damit aus unserer Sicht nicht mehr zu halten. Feedback über die ReplacePlastic-App bringt auf vielen Ebenen etwas in Bewegung. Es ermöglicht uns, auf die Unternehmen zuzugehen. Manche reagieren etwas beleidigt, aber viele geben auch zu erkennen, dass sie wissen, dass es Zeit ist, etwas zu verändern. Aus größeren Konzernen hören wir öfter, dass sich in den Nachhaltigkeitsabteilungen Menschen über dieses Kundenfeedback freuen. Es stärkt ihre interne Position und liefert Argumente, um Änderungsprozesse anzustoßen.Von einigen Unternehmen wissen wir, dass die Impulse über die App zu Verpackungsumstellungen geführt haben, auch wenn das eher selten direkt gesagt wird. Wenn es Veränderungen gibt, übt das wiederum einen Sog auf andere Unternehmen aus. Jede Alternative, die an den Start geht und sichtbar wird, bedeutet ja, dass die Plastikverpackung nicht alternativlos ist.





Wir möchten erreichen, dass wir im Supermarkt die Wahl haben. Wir wünschen uns vor allem Mehrwegverpackungen und Unverpackt-Einheiten in ganz normalen Supermärkten. Nachhaltig verpackte Produkte müssen aus dem Nischenkonsum herauskommen und dort verfügbar sein, wo die große Menge der Leute den Einkauf erledigt. Und sie müssen auch verfügbar sein für Menschen, die nicht so genau wissen, wie sie mit dem Geld, das ihnen zur Verfügung steht, über den Monat kommen sollen. Das ist wichtig, wenn wir wirklich einen systemischen Wandel erreichen wollen. Solange Plastikvermeidung nur ein Thema für Menschen ist, die über entsprechende finanzielle oder zeitliche Ressourcen verfügen, werden alternative Ansätze eher Beiwerk bleiben und keine breite Bewegung erzeugen. Am wichtigsten für einen echten Wandel in der Plastikfrage scheint mir zu sein, den linearen Einweggedanken in Frage zu stellen, auch wenn er sich als scheinbare Normalität oder vermeintlicher Sachzwang des modernen Lebens so sehr im Alltag etabliert hat. Natur funktioniert in Kreisläufen und wie haben uns eine Zeitlang eingebildet, aus diesem Prinzip ausscheren zu können und hemmungslos entnehmen und wegwerfen zu können. Mit Folgen, die wir nicht mehr übersehen können. Es gibt bereits sehr viele Menschen, die damit nicht mehr einverstanden sind. Wenn wir gemeinsam sichtbar werden, können wir auch Dinge bewegen, die jetzt noch festgefahren erscheinen.

 


Hintergrund

Dieser Artikel erschien im Juli 22 als Erstveröffentlichung im Oxi-Magazin.

Die App ReplacePlastik ist in allen Appstores kostenlos herunterzuladen. https://www.kueste-gegen-plastik.de/unterstuetzen#app