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Katastrophenresilienz in Honduras und im Ahrtal


Von Noel Landaverde



Im Herbst 2022 hat Noel Landaverde von der Organisation “Comisión de Acción Social Menonita” (CASM) aus Honduras das Katastrophengebiet im Ahrtal besucht. Unser Autor Sebastian Möller war dabei und hat ein Interview geführt:



Wofür setzt sich CASM in Honduras ein und wie arbeitet ihr?


Wir sind eine christliche Organisation mit täuferischen Grundsätzen der Mennonitischen Kirche. Wir glauben an den Frieden und die Gewaltlosigkeit, wir glauben an den Dialog zur Lösung von Konflikten und wir versuchen, mit der Gemeinschaft ein Bewusstsein aufzubauen, um die Menschenrechte aller Personen zu schützen.


Wir setzen uns für die Entwicklung von Wirtschaftsmodellen ein, die die Rechte der Arbeiter:innen garantieren, die Umwelt schützen und die Weltanschauung der Menschen respektieren, unabhängig von ihrem Glauben, ihrer politischen Zugehörigkeit und ihrem Hintergrund. Wir stärken die Lebensgrundlagen der Menschen, damit sie ihre Unternehmen und ihre Landwirtschaft nachhaltig entwickeln können, mit Kulturen wie z. B. Kaffee, Kakao, Maniok, Urgetreide, Kardamom und anderen.


Wir fördern Dialoge zwischen den Gemeinschaften und der Regierung, um eine gute Zusammenarbeit und Regierungsführung zu erreichen. So soll die lokale Wirtschaft und die Achtung der Menschenrechte gestärkt werden.


Wir unterstützen Menschen und Gemeinschaften in Krisenzeiten oder bei Naturkatastrophen oder sozial-ökologischen Katastrophen. Während einer Katastrophe versuchen wir, menschliches Leid zu lindern, indem wir Lebensmittel, Wasser und Medikamente zur Verfügung stellen. Wir Koordinieren die Unterbringung in sicheren Unterkünften. Nach der humanitären Hilfe fördern wir die Rehabilitation der Menschen und der Gemeinschaft.


Wir setzen uns für die Umwelt ein, indem wir saubere Energie auf der Grundlage von Solarenergie fördern, und wir organisieren und vermitteln Kenntnisse über die Nutzung und Verwaltung dieser Energie. Unsere gesamte Arbeit ist darauf ausgerichtet, ein Umfeld zu schaffen, das auf dem Recht der Menschen auf ein Leben in Würde beruht.


Ihr setzt euch auch für eine bessere Katastrophenvorsorge und stärkere Resilienz gegen die Auswirkungen des Klimawandels ein. Was macht ihr in diesen Bereichen konkret?


Wir fördern das Risikomanagement auf lokaler Ebene und begleiten die Organisationen, die dem nationalen Risikomanagementsystem auf verschiedenen Ebenen angehören (COPECO, COE, CODEM, CODEL).


Wir fördern die Resilienz der landwirtschaftlichen Produktionssysteme und der verschiedenen Lebensgrundlagen gefährdeter Familien. Dies geschieht durch verschiedene Ansätze, wie z. B. die Förderung von Praktiken der klimafreundlichen Landwirtschaft, genossenschaftlichem Wirtschaften und der Selbstverwaltung.


Wir nehmen Einfluss auf die öffentliche Politik für ein wirksameres Management der Risikominderung und Anpassung an den Klimawandel.


Wir artikulieren unsere Bemühungen um Resilienz und sind international vernetzt.


Wie stark ist Honduras von Naturkatastrophen betroffen und welche Folgen hat das für die Menschen?


Aufgrund seiner geografischen Lage ist Honduras jährlich 10 bis 15 Wirbelstürmen aus der Karibik ausgesetzt, womit es eines der für schwere Regenfälle und Überschwemmungen anfälligste Land ist. Die größten Schäden werden jedes Jahr im Valle de Sula im departemento Cortes und im Bajo Aguán, departemento Colon registriert. Diese beiden Täler sind der wirtschaftliche Motor von Honduras, weshalb die Katastrophen die Wirtschaft von Familien und des Landes insgesamt schwächen. Nach dem Hurrikan Mitch im Jahr 1998 hat sich die Straßeninfrastruktur noch immer nicht erholt, die Anstrengungen von 50 Jahren sind nach Schätzungen der Regierung verloren gegangen. Mehr als 6000 Tote und Tausende von Vermissten erzählen die Geschichte dieses verhängnisvollen Hurrikans. Vor weniger als zwei Jahren zerstörten zwei Wirbelstürme ETA und IOTA erneut die wenige Infrastruktur, die wiederhergestellt worden war. Leider leben derzeit 70 % der Bevölkerung von Honduras in Armut.


Du warst am 22.09. zu Besuch im Ahrtal, das im letzten Jahr von einer schlimmen Hochwasserkatastrophe getroffen wurde. Was sind deine Eindrücke aus den Gesprächen, die dort geführt hast?


Uns begleitete Frau Tanja Nietgen mit ihren umfassenden Kenntnissen der Katastrophe und der anschließenden Wiederaufbaumaßnahmen. Tanja erzählte, dass die Ermittlungen über die menschlichen Ursachen, die zu der Katastrophe geführt haben, noch nicht abgeschlossen sind. Das ist wichtig, denn Naturkatastrophen gab es schon immer auf der Erde. Wir Mensch aber haben die Ökosysteme und die wirtschaftliche Dynamik verändert, wodurch eine zunehmende Vulnerabilität hergestellt wurde. Deshalb ist die Erforschung der Ursachen und das entsprechende Handeln von Bedeutung. Gleiches gilt für den Wiederaufbau.


Obwohl die Gefahren und Risiken in der Stadt Ahrtal bekannt sind, vor allem an den Ufern des Flusses, werden die geplanten Bauarbeiten weitergeführt, was unverantwortlich erscheint. Die Bevölkerung muss über das Risiko informiert sein, wenn sie weitermacht.

Es ist offensichtlich, dass die Katastrophe dort größer ist, wo es mehr exponierte Objekte gibt. Die Ahr ist groß, dementsprechend groß waren der materielle Verlust und das menschliche Leid. Je mehr Objekte der Bedrohung ausgesetzt sind, desto größer ist das Risiko einer Katastrophe. An der Ahr kennt man das Risiko bereits. Man wird sich entscheiden müssen, ob man eine stärkere Infrastruktur aufbauen oder den Fluss frei lassen will.


Auch gibt es beschädigte Schulen. Die Kinder lassen sich leicht wieder in den Alltag integrieren, aber es besteht die Notwendigkeit, sie über die Risiken aufzuklären.



Deutschland und Honduras sind unterschiedlich vom Klimawandel betroffen und unterscheiden sich auch in Bezug auf ihre Ressourcen im Umgang mit Naturkatastrophen. Was können wir aus deiner Sicht aber dennoch voneinander lernen und welche Gemeinsamkeiten gibt es?


Wir können lernen, dass der Schutz des Klimas die Verantwortung aller ist, denn die Folgen der Veränderungen betreffen uns alle. Allerdings verändert sich das Klima aufgrund der Verschmutzung durch die am stärksten industrialisierten Länder, und in diesem Sinne werden die Praktiken, die wir anwenden, zwischen Deutschland und Honduras unterschiedlich sein. Die reichen Länder müssen sich mehr um ihre Produktionsmodelle bemühen, Länder wie Honduras müssen sich auf die Pflege unserer Landschaften als Lebensweise konzentrieren.




Übersetzung von Luis Peters




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