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Gute Karten für geografische Gerechtigkeit

Das transformative Potenzial der Kritischen Kartographie



von Daniel Koch


Die Weltkarte im Atlas, das Navigationssystem im Auto oder Google Maps auf dem Smartphone: Karten sind allgegenwärtig. Sie begleiten uns durch den Alltag, helfen uns, uns zu verorten und zu orientieren. Was kann daran problematisch sein? Ein kurzes Plädoyer für das transformative Potenzial von Kritischer Kartographie und Counter Mapping, um neue Formen von Wissen, Zusammengehörigkeit und Organisation zu entwickeln.


Karten sind nicht neutral

Karten sollen die Erdoberfläche in kleinem Maßstab möglichst genau abbilden und Informationen über das dargestellte Objekt optimal vermitteln. Sie geben vor, neutral und objektiv zu sein – sind es aber nicht. Karten sind das Ergebnis von Machtverhältnissen und werden selbst zur Herstellung oder Festigung von Machtverhältnissen eingesetzt. Sie haben großen Einfluss auf unser Denken und Handeln, denn sie ordnen und kategorisieren unsere Welt, sie positionieren und grenzen ab. Damit prägen sie unsere Sicht auf die Wirklichkeit, produzieren und reproduzieren spezifische Weltbilder.


Das wohl prominenteste Beispiel ist die Mercator-Projektion, die seit dem 16. Jahrhundert die gängige Darstellung der Erde ist: Sie verzerrt die Größenverhältnisse so, dass Europa und die USA zu groß und Afrika zu klein erscheinen. Zudem stellt sie Europa als das Zentrum der Welt dar und manifestiert damit den imperialen Machtanspruch der Europäer:innen. Wer hinter einer Karte steht, warum etwas so und nicht anders dargestellt wird, was sichtbar ist und was nicht und welche Interessen dahinter stehen – diese Fragen sind entscheidend, werden aber selten reflektiert, ebenso wie die gesellschaftliche Wirkung von Kartographie.




Kritische Kartographie und Counter Mapping

Seit den 1980er Jahren regt sich Widerstand gegen das bis dahin (und noch immer) vorherrschende Paradigma der Karte als Abbild der Wirklichkeit. Mit der Kritischen Kartographie entsteht eine Forschungsrichtung, die Karten als Effekte gesellschaftlicher Strukturen oder noch weitergehend als Produzenten gesellschaftlicher Realitäten problematisiert. Kritische Kartographie fragt gezielt danach, wer mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck Karten produziert. Sie will dahinterliegende Ideologien aufdecken und Unsichtbares sichtbar machen. Karten entstehen immer in einem bestimmten historischen Kontext. Sie bilden ab, was in einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit als selbstverständlich und „normal” gilt. Dadurch werden diese Vorstellungen naturalisiert und verfestigt.


Kritische Kartographie geht jedoch über die bloße Kritik an Karten hinaus. Counter Mapping (auch Counter-Kartographie oder Collective Mapping) zielt darauf ab, die Macht von Karten in einem kollektiv-kreativen Schaffensprozess zu untersuchen, dominante Erzählungen über Orte und Territorien zu hinterfragen und marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen. Counter Mapping verbindet dabei Kunst, Wissenschaft und politischen Aktivismus und kann als spielerisches Werkzeug in unterschiedlichen Formen und Konstellationen umgesetzt werden – von Projektseminaren im Bildungskontext bis hin zu öffentlichen Workshops. Neben der gemeinsamen Analyse von Macht- und Herrschaftsstrukturen geht es immer auch darum, emanzipatorische Ansätze zu entwickeln, um die Verhältnisse zu verbessern oder umzukehren. Von der kritisch-reflexiven Auseinandersetzung zur kollaborativen Produktion eigener Karten, von der Dekonstruktion zur Aktion.


Ein Beispiel: Das Kollektiv orangotango

Weltweit gibt es zahlreiche Counter-Mapping-Kollektive wie Iconoclasistas (Argentinien), Bureau d’Etudes (Frankreich), Counter-Cartographies Collective (USA) oder orangotango (Deutschland). Das Kollektiv orangotango vereint seit 2008 Menschen aus ganz unterschiedlichen Richtungen (kritische Geograph:innen, Aktivist:innen und Interessierte), um sich gemeinsam Fragen von Raum, Macht und Widerstand zu widmen. Zum anderen sieht es sich in der Tradition aktivistischer Forschung und verbindet theoretische Reflexion mit konkreter Aktion. Mit ihrem „geographischen Aktivismus” wollen sie Aktivist:innen und Prozesse unterstützen, Missstände sichtbar machen und durch das Aufzeigen von Alternativen zum gesellschaftlichen Wandel beitragen. Dabei leistet orangotango einerseits emanzipatorische Bildungsarbeit und setzt andererseits unterschiedliche Formen von politischen und künstlerischen Interventionen um. So organisieren sie Workshops und Exkursionen, führen gemeinsame Kartierungen durch und verantworten verschiedene Publikationen, wie den 2018 erschienenen Sammelband This Is Not An Atlas mit über 40 kritischen Kartographien aus aller Welt. All diese Projekte zeigen, wie durch Counter Mapping neues Wissen und Gestaltungspotential entsteht.


Counter-Kartographie Who Owns the Land der Iconoclasistas aus dem Sammelband This Is Not An Atlas

Counter-Kartographie ¿A quiénpertenece la tierra? / Who Owns the Land? der Iconoclasistas aus dem Sammelband This Is Not An Atlas


Neue Formen von Wissen, Zusammengehörigkeit und Organisation

Beim Counter Mapping können Teilnehmer:innen ihre Erfahrungen, ihr Alltagswissen und ihre Emotionen mit einbringen. Durch die gemeinsame Arbeit, die viele unterschiedliche Perspektiven und Positionen zusammenführt, kann ein anderes Wissen über die Orte der Beobachtung entstehen. Blinde Flecken können im wahrsten Sinne des Wortes „auf die Landkarte” gebracht werden. Counter Mapping eröffnet damit Wege, Macht-, Kontroll- und Verantwortungsstrukturen zu erkennen, drängende Probleme aufzuzeigen und Verbindungen zu verwandten Themen herzustellen. Es geht nicht nur darum, alternative Karten zu entwerfen, sondern die Kartographie selbst zu verändern und sie als eine Form von (neuen) Commons, als Gemeingut zu begreifen. Auf diese Weise können neue Formen der Repräsentation von Realität entwickelt werden, die im besten Fall die Realität selbst verändern.


Der Prozess des Counter Mapping schafft dabei Formen der Zusammengehörigkeit: Er hilft (marginalisierten) Menschen, andere Betroffene zu finden, gibt ihnen die Möglichkeit, im gemeinsamen Dialog ihre Wut, ihren Schmerz und ihre Ohnmacht zu kanalisieren. Der kritische Blick auf das gewählte Territorium (oder Thema), die verschiedenen Meinungen und Gedanken, der produktive Austausch von Wissen und der Prozess der Kartographierung bilden die Grundlage, um in Aktion zu treten. Zu dekonstruieren, wie das System funktioniert, ist nur der erste Schritt, um zu verstehen, wo angesetzt werden muss und mit welchen taktischen Maßnahmen am besten Gegendruck aufgebaut werden kann.


Das Projekt „Aufwertung, Verdrängung und Widerstand in Kreuzberg 36” des Kollektivs orangotango zeigt sehr anschaulich, wie Counter Mapping durch die Schaffung von gemeinsamem Wissen eine Grundlage für Widerstand bieten kann, um erfolgreich gegen problematische Verhältnisse anzugehen. Seit den 90er Jahren sehen sich die Bewohner:innen Kreuzbergs mit Prozessen des Neubaus und der Sanierung von Luxuswohnungen, der Touristifizierung des Stadtteils sowie der Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums konfrontiert. Die Folgen sind explodierende Mieten, Kündigungen und Zwangsräumungen, die letztlich zur Verdrängung der ansässigen Bevölkerung führen. All diese Aspekte, aber auch die Orte im Kiez, an denen Blockaden, Demonstrationen, Haus- und Platzbesetzungen etc. stattfinden, wurden durch das Counter Mapping in mehreren Workshops mit Betroffenen sichtbar gemacht. Auch wenn der Kampf gegen die Gentrifizierung weitergeht, hat ihre Arbeit durchaus Früchte getragen. So konnten Menschen aus dem Kiez zu Versammlungen und Protestaktionen zusammengebracht, solidarische Nachbarschaften aufgebaut und der Verdrängung des Kleingewerbes erfolgreich entgegengewirkt werden.


Counter-Mapping-Projekt „Aufwertung, Verdrängung und Widerstand in Kreuzberg 36” des Kollektivs orangotango


Das Potential für Veränderung

Das Kollektiv orangotango und sein Kreuzberger Projekt zeigen exemplarisch, welche Kraft die Kritische Kartographie entfalten kann und wie Veränderungen auf verschiedenen Ebenen möglich werden. Auf der individuellen Ebene ermöglichen Prozesse des Counter Mapping es Menschen, das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden, allein einem unsichtbaren Gegner gegenüberzustehen. Was kann schon ein einzelner Haushalt ausrichten, wenn Eigentümer:innen wechseln, wenn die Miete sich aufgrund von Modernisierung erhöht, wenn die Kündigung kommt und die Zwangsräumung droht? In Workshops oder anderen Formaten erfahren Betroffene Wertschätzung, können sich einbringen und gegenseitig unterstützen. Gleichzeitig werden die Menschen befähigt, ihre persönlichen Geographien und Raumwahrnehmungen zu reflektieren und zu visualisieren. Dadurch entstehen auf kollektiver Ebene Netzwerke des Zusammenhalts und der Solidarität, in denen die Bedingungen für den Aufbau von Gegenmacht gedeihen können: geteiltes Wissen, gemeinsame Narrative, emanzipatorische Ansätze, gebündelte Aktionen. All dies kann schließlich auf der gesellschaftlichen Ebene Veränderungen zum Besseren bewirken.


Der Kampf um Gerechtigkeit ist immer auch mit Kämpfen um territoriale/räumliche Selbstbestimmung verbunden. Er beginnt damit, den Wirklichkeitsanspruch von Karten zu überkommen und die Tatsache anzuerkennen, dass Karten immer kontextabhängig und damit kontingent sind. Aber auch wenn es die objektiv wahre, richtige oder perfekte Karte nicht geben kann, so gibt es doch gute und weniger gute Karten. Solche, die Ungerechtigkeiten ausblenden, normalisieren, verfestigen; und solche, die marginalisierten Gruppen eine gemeinsame Grundlage geben, ihre Rechte zu erstreiten. Die Kritische Kartographie und die Methode des Counter Mapping leisten dazu einen wichtigen Beitrag: Gute Karten für geographische Gerechtigkeit.

 

Daniel Koch

Daniel studiert im 7. Semester den Bachelor „Ökonomie – Nachhaltigkeit – Transformation“ an der HfGG und interessiert sich insbesondere für Degrowth, Geldtheorie und transformatives Unternehmertum.


Hintergrund


1 Comment


Danke für den spannenden Beitrag zum Counter Mapping! Ich war schon immer ein großer Fan von Karten, habe mich selbst aber nie als Autor oder Mitgestalter von Karten gesehen. Das kann sich aber ändern! In unserem transdiziplinären Projekt zur kommunalen Klimaanpassung in Lüneburg haben wir letztens im Seminar auch mit Karten bzw. Luftbildern gearbeitet, um blau-grüne Maßnahmen zu planen. Dabei entstand die Idee, mit Hilfe von Karten Alltagswissen der Einwohner*innen und besonders von vulnerablen Gruppen z.B. zum Umgang mit Hitze sicht- und nutzbar zu machen. Das funktioniert möglicherweise besser, wenn wir die Betroffenen selsbt Karten zeichnen lassen (z.B. von Orten, die bei Hitze aufgesucht oder eher vermieden werden).


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