#FightEveryCrisis - aber bitte solidarisch!



Solidarität [von lateinisch solidus „gediegen, echt, fest“] ist zu einem geflügelten Wort in der COVID19-Pandemie geworden. Selten zuvor ist so zu solidarischem Verhalten aufgerufen worden, wie es insbesondere zu Beginn der Corona-Krise geschah. Ganze Werbekampagnen der Bundesregierung beruhen auf dem Konzept „Gemeinsam gegen Corona“. Zusammen können wir das Virus besiegen, gemeinsam wird gelingen, was lange Zeit oberste Priorität in der Virusbekämpfung eingeräumt wurde: #flattenthecurve. So gelagert zumindest war die Motivation vieler, der Movens, die Einstellung im März letzten Jahres. Man müsse jetzt nur solidarisch sein, zuhause bleiben und seine Großeltern schützen. Dabei wurde Solidarität zu dem bedeutenden gesellschaftlichen Moment in der Krisenzeit. Solidarität als ethisch-moralische Haltung und soziale Notwendigkeit gewann – neu gedeutet in Form von körperlicher Distanzierung – wieder Auftrieb. Und blieb doch in der zugrundeliegenden Forderung und den Umsetzungsideen vage.

Solidarität als ethisch-moralische Haltung und soziale Notwendigkeit gewann [...] wieder Auftrieb. Und blieb doch in der zugrundeliegenden Forderung und den Umsetzungsideen vage.

Was kann schon als gelebtes, solidarisches Handeln gelten und was ist hingegen lediglich theoretische Romantisierung des Konzepts, ohne dass es für sonst eher privilegierte Individuen zu ungemütlich zu werden droht? Ob Klatschen von den Balkonen der Großstädte gleich einen Zuwachs an Solidarität in der Bevölkerung bedeutet oder doch eher unter Symbolismus fällt – darüber lässt sich sicherlich streiten. Doch die Bedeutung dieser vergessen geschienenen moralischen Grundhaltung negiert dies keinesfalls. Solidarität hat seine Daseinsberechtigung, eine politische Bedeutung und ist in Krisenzeiten vielleicht eines der wenigen Phänomene, die vereinen, statt zu entzweien. Sie ermöglicht Gemeinschaft und Gleichheit in der Unterschiedlichkeit anstatt gesellschaftlicher Polarisierung angesichts der immensen persönlichen und gesellschaftlichen Belastung. Mit Ankunft des Corona-Virus in Deutschland war nicht umsonst plötzlich die Rede von einer starken „solidarischen Grundhaltung“ der Deutschen. [i]

Tatsächlich war zu Beginn eiachs an solidarischem Handeln auch empirisch festzustellen: Nachbarschaftsinitiativen blühten auf, Zettel mit Einkaufsangeboten für ältere Menschen schmückten die Flure sonst anonymer Hochhäuser, Gabenzäune wurden täglich neu bestückt et cetera. Ein Gefühl des Zusammenstehens, des Zusammenhaltes und des Bewusstseins für die noch wesentlich misslichere Lage anderer Bevölkerungsgruppen dominierte die ersten Wochen des harten Lockdowns in Deutschland. Doch diese Regungen scheinen nach einem Jahr Pandemie deutlich abgeflacht zu sein. Liegt es an den kräftezehrenden Monaten im nicht-enden-wollenden Corona-Winter, der zunehmenden Enttäuschung und Desillusionierung in Politik und Politiker*innen oder auch daran, dass Solidarität allein uns nicht durch und aus der Krise zu tragen vermag? Ist die zweite Erkenntnis mittlerweile vorherrschend? Wenn auch persönliches Engagement, individuelle Solidarität und der Zusammenhalt mit anderen momentan nicht mehr den Raum wie zu Beginn der Pandemie einnimmt, verliert Solidarität strukturell gedacht nicht an Bedeutung. An welchen Stellschrauben diesbezüglich zu Drehen noch immer sehr angebracht und notwendig ist, verdeutlichen diverse Punkte mit gesellschaftlicher Tragweite.


Jung für Alt und Alt für Jung?

Gerade junge Menschen, die sich nicht als Teil einer Risikogruppe begreifen, wurden dazu bewegt, aus Solidarität mit stärker Betroffenen, vorwiegend der Generation der über 60-Jährigen, zuhause zu bleiben und sich rücksichtsvoll zu verhalten. Schnell wurde diese Form gelebter intergenerationeller Solidarität zum Selbstläufer – junge Menschen begriffen ihre Hauptaufgabe in der Pandemie darin, ältere Menschen und andere Risikopatient*innen möglichst keiner Gefahr durch Infektionen auszusetzen. Infolgedessen reduzierten viele in den Generationen X, Y und Z ihre Sozialkontakte auf ein absolutes Minimum, unabhängig von politisch geregelten Haushalts- und Kontaktpersonenzahlen. Schließlich war dies die einmalige Chance, sich „heldenhaft“ zu verhalten oder zumindest zu fühlen, ohne dafür das Haus verlassen zu müssen – so wurde in den Sozialen Medien teils gescherzt. Das Wohl aller und die Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitssystems diente als Motivation und moralischer Kompass für individuelles Verhalten. Tatsächlich war ein breites Verständnis in der Gesellschaft dafür vorhanden, seine eigenen Bedürfnisse wie Sozialkontakte zurückzustecken für ein „großes Ganzes“, welches das Pandemiegeschehen positiv beeinflussen sollte. Es dominierte das Gefühl, dass „alle in einem Boot sitzen“ – über Generationen, Schichtzugehörigkeiten und andere Distinktionsmerkmale hinweg.

Es dominierte das Gefühl, dass "alle in einem Boot sitzen" - über Generationen, Schichtzugehörigkeit und andere Distinktionsmerkmale hinweg.

Solidarität in diesem Sinne bedeutete auch, sich gegenseitig nicht „in Versuchung zu führen“, also auf persönliche Einladungen mit Hinweis auf Risikogruppen zu verzichten oder sich gegenseitig zum Abstandhalten zu ermahnen. Die Großeltern wurden auch auf ihren Wunsch hin nicht mehr umarmt und nur über den Gartenzaun oder telefonisch gegrüßt. Fremdschutz trat oftmals an die Stelle von Selbstschutz. Solidarität ist jedoch keine Einbahnstraße, sollte sie zumindest nach dem Prinzip der Wechselseitigkeit (do ut des) nicht sein. [ii] So fordern junge Aktivist*innen und generell die junge Generation umgekehrt Solidarität der Alten bei der Menschheitskrise Klimawandel. In der Tat wird das 1,5- Grad- Ziel ohne Zutun der in Deutschland zahlenmäßig dominanten Babyboomer-Generation nicht erreichbar sein. Das bedeutet, dass sowohl bei der Corona – als auch bei der Klimakrise Generationen-Solidarität vonnöten ist, um gemeinsam einen Weg aus der Krise zu finden beziehungsweise das schlimmste Szenario wie das Übertreten der Schwelle „Kipp-Punkte im Klimasystem“ zu verhindern. Dass die Fridays-for-future-Generation an dieser Stelle vehement solidarisches Handeln in Form von Verzicht und Umdenken der älteren Generationen einfordert, ist nur verständlich angesichts der ausschließlich gemeinsam zu bewältigenden Monsteraufgabe. Alt sollte bei diesem komplexen Problem ebenso für Jung einstehen – weil es um die Rechte zukünftiger Generationen, um die lebenswerte Existenz ihrer Kinder, Enkel und Großenkel geht.

Das Thema Klimakrise ist jedoch nicht das Einzige, woran sich intergenerationelle Solidarität festmachen lässt. Mit dem Beginn der Impfkampagne in Deutschland wurden auch die Rufe derjenigen immer lauter, die bereits Geimpften Privilegien einräumen oder in anderen Worten „Grundrechtseinschränkungen aufheben“ wollen. Die Hoffnung auf Normalität, auf ein Ankurbeln der Wirtschaft und auf nicht zuletzt politisch zufriedenere Bürger*innen stellt unsere Gesellschaft vor enorme soziale und moralisch-ethische Herausforderungen. War bisher glücklicherweise der Kanon des „Zusammenstehens“ und der „Gemeinsamkeit“ in Zeiten der Krise vorherrschend, dürfte dieser Vorstoß (insbesondere aus den Reihen von FDP-Politiker*innen und Anhänger*innen [iii]) enormes gesellschaftliches Sprengpotenzial besitzen. Schließlich ist eine Priorisierung von Menschen mit größerem Risiko eines schweren Corona-Verlaufs oder mit Kontakt zu solchen Personen richtig, um die Schwächsten und solche mit höherem Infektionsrisiko vorrangig zu schützen. Wenn selektive Öffnungen für Geimpfte jedoch heißen, dass die jüngere Generation bis zum Impfangebot weiterhin allein im stillen Kämmerlein sitzen und ausharren muss, [iv] während sich für den Rest der Bevölkerung allmählich wieder ein Gefühl der Normalität einstellt, kann dies als elementare Ungerechtigkeit gedeutet werden. Junge Menschen verlieren aktuell mit die prägendste Zeit ihres Lebens an das Virus, um dann noch mit ihren Sorgen, Ängsten und ihrer Isolation weitgehend alleine dazustehen.

Junge Menschen verlieren aktuell mit die prägendste Zeit ihres Lebens an das Virus, um dann noch mit ihren Sorgen, Ängsten und ihrer Isolation alleine dazustehen.

Dies dürfte für nicht wenige Grund genug sein, auf die Barrikaden zu gehen oder aber sich selbst an keine coronabezogenen Regeln mehr halten zu wollen. Gesellschaftliche Spaltung par excellence. Nicht zuletzt arbeiten überwiegend jüngere Menschen wie zum Beispiel Student*innen im Dienstleistungsgewerbe, in der Gastronomie und im Einzelhandel: während diese Berufsgruppen noch kein Angebot erhalten, sich impfen zu lassen, wären sie dem Virus durch erhöhte Kontaktzahlen schutzlos ausgeliefert. Mehr Freiheiten und Öffnungen für bereits Geimpfte würde für den Großteil dieser Menschen also ein hohes Infektionsrisiko und zugleich wenig Hoffnung auf gesellschaftliche Rücksichtnahme, also im weiteren Sinne Solidarität, implizieren. Solidarisch wäre es, auch die hoffentlich letzten Monate in der Pandemie gemeinsam zu bestreiten, anstatt Unmut zu schüren und Generationen womöglich gegeneinander aufzubringen. Zudem würden einseitige Öffnungsschritte gegebenenfalls mit noch mehr Mutationen einhergehen, gegen die wiederum möglicherweise aktuelle Impfstoffe keine Wirkung mehr zeigen würden.


Niemanden zurücklassen

Dass Solidarität über Staatsgrenzen und Ozeane hinweg gelten kann, zeigen Organisationen wie die Seebrücke, welche sich für die Rettung von im Mittelmeer gestrandete Flüchtender und für die Evakuierung überfüllter Lager von Geflüchteten in Griechenland und anderen Ländern Europas wie Bosnien-Herzegowina einsetzt. Gerade Menschen auf der Flucht waren und sind dem Coronavirus in gravierender Weise ausgesetzt: oft ohnehin geschwächt, traumatisiert und in dürftigen Notzelten untergekommen ohne zureichende Hygienemaßnahmen und mit Tausenden von Menschen auf engstem Raum. Die im März 2020 ins Leben gerufene Kampagne #leavenoonebehind erlangte große Unterstützung und Zuspruch angesichts der sich auf dem Mittelmeer und in Lagern auf Lesbos ankündigenden menschenrechtlichen und gesundheitlichen Katastrophe. Als „Sichere Häfen“ haben sich inzwischen bundes- und europaweit fast 170 Städte bereit erklärt, mehr Geflüchtete aufzunehmen als ihnen zugeteilt würden – ein beispielloser Akt grenzenloser Solidarität.[v] Doch was die Gemeinden ins Rollen gebracht hatten, setzte sich nicht auf der großen politischen Bühne durch. Europa setzt nach wie vor auf Abschottung und Ausgrenzung statt auf Inklusion und Offenheit.

Doch was die Gemeinden ins Rollen gebracht hatten, setzte sich nicht auf der großen politischen Bühne durch. Europa setzt nach wie vor auf Abschottung und Ausgrenzung statt auf Inklusion und Offenheit.

Dabei zeigt sich, dass dem Staatenverbund zwei moralische Leitsätze abhanden gekommen zu sein scheinen: Solidarität, also der Zusammenhalt mit Gleichgestellten sowie Barmherzigkeit, die Mildtätigkeit gegenüber Notleidenden. Von der Solidarität in der Flüchtlingskrise 2015 ist auf Bundesebene ebenso wenig zu vernehmen: das Handeln der EU und ihrer Staaten an den Außengrenzen wird mitgetragen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Impfstoff. Statt international zu kooperieren und neben den Existenzen und Leben von Menschen im globalen Süden und in Krisengebieten mit anhaltender humanitärer Not (Jemen, Syrien, Burundi …) auch die steigende globale Gefahr für Coronavirus-Mutationen mitzudenken, wird in Europa Impfstoff gebunkert, über Exportstopps beraten und auf das Recht der Stärkeren (beziehungsweise der Reicheren im Rahmen des kapitalistischen Systems) gepocht. Es scheint der Leitspruch zu gelten: Europe first! Die Corona-Pandemie hat wie zu erwarten die humanitäre Lage für Millionen Menschen weltweit drastisch verschlechtert – die Vereinten Nationen gehen von einem Zuwachs von 40% der Hilfsbedürftigen aus. [vi] Was könnte den kriegs- und krisengebeutelten Regionen der Welt helfen? Die Auflösung des Patentrechtes für Impfstoffe wird beispielsweise von Medico gefordert [vii], um auch die unterprivilegierten und ärmsten Teile der Weltbevölkerung durchimpfen zu können. Dass solidarisches Handeln über Ländergrenzen nicht unbedingt altruistisch sein muss, sondern auch mit Vorteilen für das Land selbst verbunden ist, bestätigt Gesine Schwan mit ihrer Feststellung, dass „authentische freiwillige Solidarität zwar nicht aus Berechnung geschieht, aber in der Regel durchaus im Einklang mit den wohlverstandenen (langfristigen) eigenen Interessen steht“. [viii] Dies wird auch am Beispiel Serbien oder an der Aufnahme von Patient*innen anderer Staaten ersichtlich. Welche Intention auch dahinterstehen mag: Europa muss sich endlich global seiner auch historisch bedingten Verantwortung stellen und solidarisch Handeln – nicht nur in Bezug auf Hilfszahlungen, sondern auch durch eine politisch geleitete Aufhebung des Patentrechtes für in Europa entwickelte, lebenserhaltende pharmazeutische Produkte wie Vakzine. Bisher zählt dieser Anspruch jedoch wohl zu den idealistischen Wunschgedanken, dessen Umsetzung in weiter Ferne liegt.


Ungleichheiten mitdenken

Corona ist kein Gleichmacher. Die Wahrnehmung der Pandemie entscheidet sich fundamental danach, ob man im Homeoffice isoliert seinem gut entlohnten Mittelstands-Job nachgeht, als Pflegekraft auf COVID-Stationen am Erschöpfungslimit schabt oder als Amazon-Lieferfahrer*in die gestiegenen digitalen Konsumwünsche vorwiegend der ersten Gruppe erfüllen muss. Solidarität jedoch geht von der Hilfsbereitschaft, Kooperation und dem Zusammenhalt Gleichgestellter, nicht per se Gleicher aus, sodass Schichtunterschiede beim individuellen Verpflichtungsgefühl zu praktischer Solidarität weniger ins Gewicht fallen sollten. Wie lässt sich diese Solidarität über Berufsgruppen und Schichten hinweg in die Tat umsetzen? Zunächst einmal sollte über die Monate der Pandemie ein stärkeres Bewusstsein für prekäre Beschäftigung und alltägliche Ungerechtigkeiten gewachsen sein, welches in einer stetigen Selbstreflexion des eigenen Handelns, einer Abkehr vom imperialen Lebensstil sowie der Konsumpräferenzen münden kann. Vielleicht erscheint es richtiger, den kleinen Bastelladen, um die Ecke mit dem Kauf eines Gutscheins zu unterstützen oder Ware per Click-and-Collect abzuholen statt aus Bequemlichkeit Amazon noch mächtiger und die Arbeit seiner Mitarbeiter*innen noch stressiger und ergo riskanter werden zu lassen. Beifallklatschen vom Balkon für Pflegekräfte und Kassierer*innen mag per Intention eine nette Geste sein, könnte aber auch als Hohn gedeutet werden, insofern keine politischen Implikationen und Wahlentscheidungen und konkreter Veränderungswille daraus abgeleitet wird.

Beifallklatschen vom Balkon für Pflegekräfte und Kassierer*innen mag per Intention eine nette Geste sein, könnte aber auch als Hohn gedeutet werden, insofern keine politischen Implikationen und Wahlentscheidungen und konkreter Veränderungswille daraus abgeleitet wird.

Ebenso verhält es sich mit dem oberflächlichen Bekennen zu Solidarität und Wertschätzung für Erzieher*innen in Kindertagesstätten und Kindergärten. Die Notbereitschaft ist für Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen gedacht, nicht primär um die Produktivität von Mitarbeiter*innen im Homeoffice hoch- und das Stresslevel dieser möglichst niedrig zu halten. Entsprechend wäre eine Entlastung unserer Fürsorge-Systeme eher erreichbar, wenn bei der Abwägung des Für und Wider spezifischer Optionen die Care-Seite der Medaille mitgedacht würde.


Fazit: Auf Solidarität fokussieren

Sicherlich ist Solidarität etwas, das speziell in Krisenzeiten neugeboren, bestärkt und gesellschaftlich priorisiert werden kann. Doch letztlich sind die Menschen inzwischen erschöpft und diese mentale, körperliche und isolationsbedingte Erschöpfung macht nicht Halt vor dem individuellen Verhalten, das man vor einem Jahr noch angepriesen hatte und von dem man so sehr gehofft hatte, es würde auch über die Corona-Krise hinaus andauern. Doch mit der Rückbesinnung auf die vergangenen und noch kommenden Pandemie-Monate liegt vielleicht eine Einsicht nahe: Ohne Solidarität ist das alles nichts oder noch viel härter. Zusammenhalt und Kooperation erleichtern das Leben im Inneren jeder Gruppe angesichts der reellen Gefahr von Außen. Vielleicht müsste für globale Solidarität die Gruppe Gleichgestellter neu definiert werden, da schließlich die gesamte Weltbevölkerung [ix] als solche von der Pandemie bedroht ist. Auch eine Hinterfragung der eigenen Einflüsse auf weltweite Entwicklungen ist geboten, wie Prof. Dr. Markus Wissen in einer der Sitzungen der Ringvorlesung deutlich machte: weg von einer imperialen hin zur solidarischen Lebensweise. Damit durch die derzeitige Vielfach-Krise [x] nicht einige Privilegierte noch „gleicher“[xi] werden als andere, sollte das Solidaritätskonzept und insbesondere soziale Solidarität über Staatsgrenzen, das Generationengefälle und Schichtunterschiede hinweg gelebt werden. Von der Politik schließlich wäre zu erwarten, dass sie Ungerechtigkeiten und Unsolidaritäten nicht befeuert, sondern ausbremst. Sollten dies derzeitige politische Entscheidungsträger*innen auch im Hinblick auf das Superwahljahr 2021 offensichtlich wenig berücksichtigen, kann Solidarität auch in politischer Neuausrichtung bestehen: von einer Generation für die nächste und von einer privilegierten Position aus für Menschen mit weniger Privilegien.




Melissa Ihlow studiert im Master Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und beschäftigt sich im Rahmen einer studentischen Mitarbeit unter anderem mit den Themen alternative Ökonomien, Postwachstum und den Gelingensbedingungen der sozial-ökologischen Transformation


Im Rahmen der Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“ hat es die Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung externen Studierenden ermöglicht, Prüfungen in Essayform abzulegen. Eine Auswahl der besten Arbeiten veröffentlichen wir hier nach Absprache und einem Redaktionsprozess mit den Autor:innen.


Selbstreflexion des Schreibprozesses und der digitalen Ringvorlesung

Als ich mich im September 2020 für die digitale Ringvorlesung der Cusanus-Hochschule für Gesellschaftsgestaltung angemeldet hatte, war meine Erwartung ein interessantes, leicht zugängliches Studienangebot erleben zu können, das sich von den Inhalten meines eigentlichen Studiums vor allem im Praxisbezug und in der Aktualität sehr unterscheidet. Dieser Anspruch ist definitiv erfüllt worden – die Ringvorlesung war trotz des digitalen Formats enorm abwechslungsreich und interaktiv gestaltet. Zum Ende des vorletzten Semesters meiner Studienlaufbahn möchte ich festhalten, dass die Vorlesung mir einige neue Perspektiven und Lehren vermittelt hat. Besonders der aktuelle Bezug, die Einbeziehung der vielfachen Krisen, denen unsere Gesellschaft und die globalisierte Welt gegenübersteht und die zu bewältigen sind, hat diese Vorlesung für mich so lehrreich und spannend gemacht.

Weil ich die Vielzahl der bei der Vorlesung angesprochenen Themen so bedeutsam und relevant fand, fiel es mir relativ schwer mich auf ein Thema für das Essay festzulegen. Ich schwankte zwischen sozialwissenschaftlichen Perspektiven meines Hauptstudiums, in dem ich mich momentan viel mit Solidarität, Gemeinschaft und Geselligkeit in der Pandemie befasse sowie den Thematiken meines studentischen Nebenjobs, bei dem Postwachstumsökonomie, Bedingungsloses Grundeinkommen oder die Abkehr von der imperialen Lebensweise im Fokus stehen könnten. Meine Entscheidung für eine Analyse von Solidarität und seiner aktuellen Relevanz rührt letztlich auch von einer persönlichen Betroffenheit. Mir sind sozialdemokratische Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Zusammenhalt und eben Solidarität außerordentlich wichtig. Entsprechend versuche ich auch, mein eigenes Verhalten danach auszurichten. Wieso also nicht ein Essay verfassen, in das ich meine eigenen Standpunkte implizit einfließen lassen kann? Das zumindest war der Hintergedanke bei der Wahl des Themas. Aktuelle politische Beschlüsse und damit verbundene, angeregte gesellschaftliche Debatten bestätigen die Relevanz interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem Konzept und den Bedarf einer Wiederbelebung solidarischer Praktiken noch zusätzlich – auch für Post-Corona-Zeiten.


Fußnoten

[i] Diem, Viola; Tönnesmann, Jens; (2020): Zusammenhalt in der Corona-Krise. Solidarität ist ansteckend. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/2020/37/zusammenhalt-corona-krise-solidaritaet, zuletzt geprüft am 31.03.2021.

[ii] Friedrich-Ebert-Stiftung (2021): Neue Interviewreihe: Solidarität in Zeiten der Krise. Ein Interview mit Prof. Dr. Stephan Lessenich. Online verfügbar: https://www.fes.de/akademie-management-und-politik/veroeffentlichungen/mup-interviews/solidaritaet-in-zeiten-der-krise, zuletzt geprüft am 30.03.2021


[iii] Rötzer, Florian (2021): Explosionspotenzial: Privilegien für Geimpfte. In: Telepolis/Heise.de. Online verfügbar unter: https://www.heise.de/tp/features/Explosionspotenzial-Privilegien-fuer-Geimpfte-5046762.html, zuletzt geprüft am 31.03.2021

[iv] Oder alternativ in geringfügiger Beschäftigung einem hohen Expositionsrisiko ausgesetzt sind, siehe Arbeit in der Gastronomie oder in Supermärkten.


[v] Seebrücke (2021): Bündnis „Städte Sichere Häfen“ Mehr Informationen unter: https://seebruecke.org/sichere-haefen/buendnis-staedte-sichere-haefen/, zuletzt geprüft am 30.03.2021


[vi] Stadler, Hilde (31.01.2021): Von den Medien vergessen. 10 humanitäre Katastrophen. In: BR-Nachrichten. Online verfügbar unter: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/von-den-medien-vergessen-zehn-humanitaere-katastrophen,SNeJFwc, zuletzt geprüft am 30.03.2021


[vii] Jung, Anne (2021): Patente töten. Die Pandemie ist vorbei, wenn sie für alle vorbei ist. Online verfügbar: https://www.medico.de/blog/die-pandemie-ist-vorbei-wenn-sie-fuer-alle-vorbei-ist-18066, zuletzt geprüft am 30.03.2021


[viii] Friedrich-Ebert-Stiftung (2021): Neue Interviewreihe: Solidarität in Zeiten der Krise. Ein Interview mit Prof. Dr. Gesine Schwan. Online verfügbar: https://www.fes.de/akademie-management-und-politik/veroeffentlichungen/mup-interviews/teil-2-solidaritaet-in-zeiten-der-krise, zuletzt geprüft am 30.03.2021


[ix] Ein paar wenige weitestgehend isoliert lebende Inselgruppen sowie Staaten, die die Pandemie als „besiegt“ annehmen, sind davon vielleicht ausgenommen.


[x] Hiermit ist die Gleichzeitigkeit der Klimakrise, Biodiversitätskrise, der Corona-Krise sowie andauernder sozialer Krisen gemeint.


[xi] Abgeleitet vom Zitat „Alle Tiere sind gleich. Aber einige Tiere sind gleicher als andere“ aus der Farm der Tiere von George Orwell.