#FightEveryCrisis – aber bitte solidarisch!

von Melissa Ihlow


Zitat der Autorin Melissa Ihlow: "Corona ist kein Gleichmacher. ..."

Solidarität [von lateinisch solidus „gediegen, echt, fest“] ist zu einem geflügelten Wort in der COVID19-Pandemiegeworden. Selten zuvor ist so zu solidarischem Verhalten aufgerufen worden, wie es insbesondere zu Beginn der Corona-Krise geschah. Ganze Werbekampagnen der Bundesregierung beruhen auf dem Konzept „Gemeinsam gegen Corona“. Zusammen können wir das Virus besiegen, gemeinsam wird gelingen, was lange Zeit oberste Priorität in der Virusbekämpfung eingeräumt wurde: #flattenthecurve. So gelagert zumindest war die Motivation vieler, der Movens, dieEinstellung im März letzten Jahres. Man müsse jetzt nur solidarisch sein, zuhause bleiben und seine Großeltern schützen.Dabei wurde Solidarität zu dem bedeutenden gesellschaftlichen Moment in der Krisenzeit. Solidarität als ethisch-moralische Haltung und soziale Notwendigkeit gewann – neu gedeutet in Form von körperlicher Distanzierung – wiederAuftrieb. Und blieb doch in der zugrundeliegenden Forderung und den Umsetzungsideen vage.

Solidarität als ethisch-moralische Haltung und soziale Notwendigkeit gewann [...] wieder Auftrieb. Und bliebdoch in der zugrundeliegenden Forderung und den Umsetzungsideen vage.

Was kann schon als gelebtes, solidarisches Handeln gelten und was ist hingegen lediglich theoretische Romantisierungdes Konzepts, ohne dass es für sonst eher privilegierte Individuen zu ungemütlich zu werden droht? Ob Klatschen vonden Balkonen der Großstädte gleich einen Zuwachs an Solidarität in der Bevölkerung bedeutet oder doch eher unterSymbolismus fällt – darüber lässt sich sicherlich streiten. Doch die Bedeutung dieser vergessen geschienenen moralischenGrundhaltung negiert dies keinesfalls. Solidarität hat seine Daseinsberechtigung, eine politische Bedeutung und ist inKrisenzeiten vielleicht eines der wenigen Phänomene, die vereinen, statt zu entzweien. Sie ermöglicht Gemeinschaft undGleichheit in der Unterschiedlichkeit anstatt gesellschaftlicher Polarisierung angesichts der immensen persönlichen undgesellschaftlichen Belastung. Mit Ankunft des Corona-Virus in Deutschland war nicht umsonst plötzlich die Rede voneiner starken „solidarischen Grundhaltung“ der Deutschen. [i]


Tatsächlich war zu Beginn eiachs an solidarischem Handeln auch empirisch festzustellen: Nachbarschaftsinitiativenblühten auf, Zettel mit Einkaufsangeboten für ältere Menschen schmückten die Flure sonst anonymer Hochhäuser,Gabenzäune wurden täglich neu bestückt et cetera. Ein Gefühl des Zusammenstehens, des Zusammenhaltes und desBewusstseins für die noch wesentlich misslichere Lage anderer Bevölkerungsgruppen dominierte die ersten Wochen desharten Lockdowns in Deutschland. Doch diese Regungen scheinen nach einem Jahr Pandemie deutlich abgeflacht zu sein.Liegt es an den kräftezehrenden Monaten im nicht-enden-wollenden Corona-Winter, der zunehmenden Enttäuschung undDesillusionierung in Politik und Politiker*innen oder auch daran, dass Solidarität allein uns nicht durch und aus der Krisezu tragen vermag? Ist die zweite Erkenntnis mittlerweile vorherrschend? Wenn auch persönliches Engagement,individuelle Solidarität und der Zusammenhalt mit anderen momentan nicht mehr den Raum wie zu Beginn der Pandemieeinnimmt, verliert Solidarität strukturell gedacht nicht an Bedeutung. An welchen Stellschrauben diesbezüglich zu Drehennoch immer sehr angebracht und notwendig ist, verdeutlichen diverse Punkte mit gesellschaftlicher Tragweite.


Jung für Alt und Alt für Jung?

Gerade junge Menschen, die sich nicht als Teil einer Risikogruppe begreifen, wurden dazu bewegt, aus Solidarität mitstärker Betroffenen, vorwiegend der Generation der über 60-Jährigen, zuhause zu bleiben und sich rücksichtsvoll zuverhalten. Schnell wurde diese Form gelebter intergenerationeller Solidarität zum Selbstläufer – junge Menschenbegriffen ihre Hauptaufgabe in der Pandemie darin, ältere Menschen und andere Risikopatient*innen möglichst keinerGefahr durch Infektionen auszusetzen. Infolgedessen reduzierten viele in den Generationen X, Y und Z ihreSozialkontakte auf ein absolutes Minimum, unabhängig von politisch geregelten Haushalts- und Kontaktpersonenzahlen.Schließlich war dies die einmalige Chance, sich „heldenhaft“ zu verhalten oder zumindest zu fühlen, ohne dafür das Hausverlassen zu müssen – so wurde in den Sozialen Medien teils gescherzt. Das Wohl aller und die Vermeidung einerÜberlastung des Gesundheitssystems diente als Motivation und moralischer Kompass für individuelles Verhalten.Tatsächlich war ein breites Verständnis in der Gesellschaft dafür vorhanden, seine eigenen Bedürfnisse wie Sozialkontaktezurückzustecken für ein „großes Ganzes“, welches das Pandemiegeschehen positiv beeinflussen sollte. Es dominierte dasGefühl, dass „alle in einem Boot sitzen“ – über Generationen, Schichtzugehörigkeiten und andere Distinktionsmerkmalehinweg.

Es dominierte das Gefühl, dass "alle in einem Boot sitzen" - über Generationen, Schichtzugehörigkeit undandere Distinktionsmerkmale hinweg.

Solidarität in diesem Sinne bedeutete auch, sich gegenseitig nicht „in Versuchung zu führen“, also auf persönlicheEinladungen mit Hinweis auf Risikogruppen zu verzichten oder sich gegenseitig zum Abstandhalten zu ermahnen. DieGroßeltern wurden auch auf ihren Wunsch hin nicht mehr umarmt und nur über den Gartenzaun oder telefonisch gegrüßt.Fremdschutz trat oftmals an die Stelle von Selbstschutz. Solidarität ist jedoch keine Einbahnstraße, sollte sie zumindestnach dem Prinzip der Wechselseitigkeit (do ut des) nicht sein. [ii] So fordern junge Aktivist*innen und generell die jungeGeneration umgekehrt Solidarität der Alten bei der Menschheitskrise Klimawandel. In der Tat wird das 1,5- Grad- Zielohne Zutun der in Deutschland zahlenmäßig dominanten Babyboomer-Generation nicht erreichbar sein. Das bedeutet,dass sowohl bei der Corona – als auch bei der Klimakrise Generationen-Solidarität vonnöten ist, um gemeinsam einenWeg aus der Krise zu finden beziehungsweise das schlimmste Szenario wie das Übertreten der Schwelle „Kipp-Punkte imKlimasystem“ zu verhindern. Dass die Fridays-for-future-Generation an dieser Stelle vehement solidarisches Handeln inForm von Verzicht und Umdenken der älteren Generationen einfordert, ist nur verständlich angesichts der ausschließlichgemeinsam zu bewältigenden Monsteraufgabe. Alt sollte bei diesem komplexen Problem ebenso für Jung einstehen – weiles um die Rechte zukünftiger Generationen, um die lebenswerte Existenz ihrer Kinder, Enkel und Großenkel geht.


Das Thema Klimakrise ist jedoch nicht das Einzige, woran sich intergenerationelle Solidarität festmachen lässt. Mit demBeginn der Impfkampagne in Deutschland wurden auch die Rufe derjenigen immer lauter, die bereits GeimpftenPrivilegien einräumen oder in anderen Worten „Grundrechtseinschränkungen aufheben“ wollen. Die Hoffnung aufNormalität, auf ein Ankurbeln der Wirtschaft und auf nicht zuletzt politisch zufriedenere Bürger*innen stellt unsereGesellschaft vor enorme soziale und moralisch-ethische Herausforderungen. War bisher glücklicherweise der Kanon des„Zusammenstehens“ und der „Gemeinsamkeit“ in Zeiten der Krise vorherrschend, dürfte dieser Vorstoß (insbesondere ausden Reihen von FDP-Politiker*innen und Anhänger*innen [iii]) enormes gesellschaftliches Sprengpotenzial besitzen.Schließlich ist eine Priorisierung von Menschen mit größerem Risiko eines schweren Corona-Verlaufs oder mit Kontaktzu solchen Personen richtig, um die Schwächsten und solche mit höherem Infektionsrisiko vorrangig zu schützen. Wennselektive Öffnungen für Geimpfte jedoch heißen, dass die jüngere Generation bis zum Impfangebot weiterhin allein imstillen Kämmerlein sitzen und ausharren muss, [iv] während sich für den Rest der Bevölkerung allmählich wieder einGefühl der Normalität einstellt, kann dies als elementare Ungerechtigkeit gedeutet werden. Junge Menschen verlierenaktuell mit die prägendste Zeit ihres Lebens an das Virus, um dann noch mit ihren Sorgen, Ängsten und ihrer Isolationweitgehend alleine dazustehen.

Junge Menschen verlieren aktuell mit die prägendste Zeit ihres Lebens an das Virus, um dann noch mit ihrenSorgen, Ängsten und ihrer Isolation alleine dazustehen.

Dies dürfte für nicht wenige Grund genug sein, auf die Barrikaden zu gehen oder aber sich selbst an keinecoronabezogenen Regeln mehr halten zu wollen. Gesellschaftliche Spaltung par excellence. Nicht zuletzt arbeitenüberwiegend jüngere Menschen wie zum Beispiel Student*innen im Dienstleistungsgewerbe, in der Gastronomie und imEinzelhandel: während diese Berufsgruppen noch kein Angebot erhalten, sich impfen zu lassen, wären sie dem Virusdurch erhöhte Kontaktzahlen schutzlos ausgeliefert. Mehr Freiheiten und Öffnungen für bereits Geimpfte würde für denGroßteil dieser Menschen also ein hohes Infektionsrisiko und zugleich wenig Hoffnung auf gesellschaftlicheRücksichtnahme, also im weiteren Sinne Solidarität, implizieren. Solidarisch wäre es, auch die hoffentlich letzten Monatein der Pandemie gemeinsam zu bestreiten, anstatt Unmut zu schüren und Generationen womöglich gegeneinanderaufzubringen. Zudem würden einseitige Öffnungsschritte gegebenenfalls mit noch mehr Mutationen einhergehen, gegendie wiederum möglicherweise aktuelle Impfstoffe keine Wirkung mehr zeigen würden.


Niemanden zurücklassen

Dass Solidarität über Staatsgrenzen und Ozeane hinweg gelten kann, zeigen Organisationen wie die Seebrücke, welchesich für die Rettung von im Mittelmeer gestrandete Flüchtender und für die Evakuierung überfüllter Lager vonGeflüchteten in Griechenland und anderen Ländern Europas wie Bosnien-Herzegowina einsetzt. Gerade Menschen aufder Flucht waren und sind dem Coronavirus in gravierender Weise ausgesetzt: oft ohnehin geschwächt, traumatisiert undin dürftigen Notzelten untergekommen ohne zureichende Hygienemaßnahmen und mit Tausenden von Menschen aufengstem Raum. Die im März 2020 ins Leben gerufene Kampagne #leavenoonebehind erlangte große Unterstützung undZuspruch angesichts der sich auf dem Mittelmeer und in Lagern auf Lesbos ankündigenden menschenrechtlichen undgesundheitlichen Katastrophe. Als „Sichere Häfen“ haben sich inzwischen bundes- und europaweit fast 170 Städte bereiterklärt, mehr Geflüchtete aufzunehmen als ihnen zugeteilt würden – ein beispielloser Akt grenzenloser Solidarität.[v]Doch was die Gemeinden ins Rollen gebracht hatten, setzte sich nicht auf der großen politischen Bühne durch. Europasetzt nach wie vor auf Abschottung und Ausgrenzung statt auf Inklusion und Offenheit.

Doch was die Gemeinden ins Rollen gebracht hatten, setzte sich nicht auf der großen politischen Bühnedurch. Europa setzt nach wie vor auf Abschottung und Ausgrenzung statt auf Inklusion und Offenheit.

Dabei zeigt sich, dass dem Staatenverbund zwei moralische Leitsätze abhanden gekommen zu sein scheinen: Solidarität,also der Zusammenhalt mit Gleichgestellten sowie Barmherzigkeit, die Mildtätigkeit gegenüber Notleidenden. Von derSolidarität in der Flüchtlingskrise 2015 ist auf Bundesebene ebenso wenig zu vernehmen: das Handeln der EU und ihrerStaaten an den Außengrenzen wird mitgetragen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Impfstoff. Statt international zu kooperieren und neben den Existenzen und Lebenvon Menschen im globalen Süden und in Krisengebieten mit anhaltender humanitärer Not (Jemen, Syrien, Burundi …)auch die steigende globale Gefahr für Coronavirus-Mutationen mitzudenken, wird in Europa Impfstoff gebunkert, überExportstopps beraten und auf das Recht der Stärkeren (beziehungsweise der Reicheren im Rahmen des kapitalistischenSystems) gepocht. Es scheint der Leitspruch zu gelten: Europe first! Die Corona-Pandemie hat wie zu erwarten diehumanitäre Lage für Millionen Menschen weltweit drastisch verschlechtert – die Vereinten Nationen gehen von einemZuwachs von 40% der Hilfsbedürftigen aus. [vi] Was könnte den kriegs- und krisengebeutelten Regionen der Welt helfen?Die Auflösung des Patentrechtes für Impfstoffe wird beispielsweise von Medico gefordert [vii], um auch dieunterprivilegierten und ärmsten Teile der Weltbevölkerung durchimpfen zu können. Dass solidarisches Handeln überLändergrenzen nicht unbedingt altruistisch sein muss, sondern auch mit Vorteilen für das Land selbst verbunden ist,bestätigt Gesine Schwan mit ihrer Feststellung, dass „authentische freiwillige Solidarität zwar nicht aus Berechnunggeschieht, aber in der Regel durchaus im Einklang mit den wohlverstandenen (langfristigen) eigenen Interessen steht“.[viii] Dies wird auch am Beispiel Serbien oder an der Aufnahme von Patient*innen anderer Staaten ersichtlich. WelcheIntention auch dahinterstehen mag: Europa muss sich endlich global seiner auch historisch bedingten Verantwortungstellen und solidarisch Handeln – nicht nur in Bezug auf Hilfszahlungen, sondern auch durch eine politisch geleiteteAufhebung des Patentrechtes für in Europa entwickelte, lebenserhaltende pharmazeutische Produkte wie Vakzine. Bisherzählt dieser Anspruch jedoch wohl zu den idealistischen Wunschgedanken, dessen Umsetzung in weiter Ferne liegt.


Ungleichheiten mitdenken

Corona ist kein Gleichmacher. Die Wahrnehmung der Pandemie entscheidet sich fundamental danach, ob man imHomeoffice isoliert seinem gut entlohnten Mittelstands-Job nachgeht, als Pflegekraft auf COVID-Stationen amErschöpfungslimit schabt oder als Amazon-Lieferfahrer*in die gestiegenen digitalen Konsumwünsche vorwiegend der ersten Gruppe erfüllen muss. Solidarität jedoch geht von der Hilfsbereitschaft, Kooperation und dem ZusammenhaltGleichgestellter, nicht per se Gleicher aus, sodass Schichtunterschiede beim individuellen Verpflichtungsgefühl zupraktischer Solidarität weniger ins Gewicht fallen sollten. Wie lässt sich diese Solidarität über Berufsgruppen undSchichten hinweg in die Tat umsetzen? Zunächst einmal sollte über die Monate der Pandemie ein stärkeres Bewusstseinfür prekäre Beschäftigung und alltägliche Ungerechtigkeiten gewachsen sein, welches in einer stetigen Selbstreflexion deseigenen Handelns, einer Abkehr vom imperialen Lebensstil sowie der Konsumpräferenzen münden kann. Vielleichterscheint es richtiger, den kleinen Bastelladen, um die Ecke mit dem Kauf eines Gutscheins zu unterstützen oder Ware perClick-and-Collect abzuholen statt aus Bequemlichkeit Amazon noch mächtiger und die Arbeit seiner Mitarbeiter*innennoch stressiger und ergo riskanter werden zu lassen. Beifallklatschen vom Balkon für Pflegekräfte und Kassierer*innenmag per Intention eine nette Geste sein, könnte aber auch als Hohn gedeutet werden, insofern keine politischenImplikationen und Wahlentscheidungen und konkreter Veränderungswille daraus abgeleitet wird.

Beifallklatschen vom Balkon für Pflegekräfte und Kassierer*innen mag per Intention eine nette Geste sein,könnte aber auch als Hohn gedeutet werden, insofern keine politischen Implikationen undWahlentscheidungen und konkreter Veränderungswille daraus abgeleitet wird.

Ebenso verhält es sich mit dem oberflächlichen Bekennen zu Solidarität und Wertschätzung für Erzieher*innen inKindertagesstätten und Kindergärten. Die Notbereitschaft ist für Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen gedacht,nicht primär um die Produktivität von Mitarbeiter*innen im Homeoffice hoch- und das Stresslevel dieser möglichstniedrig zu halten. Entsprechend wäre eine Entlastung unserer Fürsorge-Systeme eher erreichbar, wenn bei der Abwägungdes Für und Wider spezifischer Optionen die Care-Seite der Medaille mitgedacht würde.


Fazit: Auf Solidarität fokussieren

Sicherlich ist Solidarität etwas, das speziell in Krisenzeiten neugeboren, bestärkt und gesellschaftlich priorisiert werdenkann. Doch letztlich sind die Menschen inzwischen erschöpft und diese mentale, körperliche und isolationsbedingteErschöpfung macht nicht Halt vor dem individuellen Verhalten, das man vor einem Jahr noch angepriesen hatte und vondem man so sehr gehofft hatte, es würde auch über die Corona-Krise hinaus andauern. Doch mit der Rückbesinnung aufdie vergangenen und noch kommenden Pandemie-Monate liegt vielleicht eine Einsicht nahe: Ohne Solidarität ist das allesnichts oder noch viel härter. Zusammenhalt und Kooperation erleichtern das Leben im Inneren jeder Gruppe angesichtsder reellen Gefahr von Außen. Vielleicht müsste für globale Solidarität die Gruppe Gleichgestellter neu definiert werden,da schließlich die gesamte Weltbevölkerung [ix] als solche von der Pandemie bedroht ist. Auch eine Hinterfragung dereigenen Einflüsse auf weltweite Entwicklungen ist geboten, wie Prof. Dr. Markus Wissen in einer der Sitzungen derRingvorlesung deutlich machte: weg von einer imperialen hin zur solidarischen Lebensweise. Damit durch die derzeitigeVielfach-Krise [x] nicht einige Privilegierte noch „gleicher“[xi] werden als andere, sollte das Solidaritätskonzept undinsbesondere soziale Solidarität über Staatsgrenzen, das Generationengefälle und Schichtunterschiede hinweg gelebtwerden. Von der Politik schließlich wäre zu erwarten, dass sie Ungerechtigkeiten und Unsolidaritäten nicht befeuert,sondern ausbremst. Sollten dies derzeitige politische Entscheidungsträger*innen auch im Hinblick auf das Superwahljahr2021 offensichtlich wenig berücksichtigen, kann Solidarität auch in politischer Neuausrichtung bestehen: von einerGeneration für die nächste und von einer privilegierten Position aus für Menschen mit weniger Privilegien.


Selbstreflexion des Schreibprozesses und der digitalen Ringvorlesung

Als ich mich im September 2020 für die digitale Ringvorlesung der Cusanus-Hochschule für Gesellschaftsgestaltungangemeldet hatte, war meine Erwartung ein interessantes, leicht zugängliches Studienangebot erleben zu können, das sichvon den Inhalten meines eigentlichen Studiums vor allem im Praxisbezug und in der Aktualität sehr unterscheidet. DieserAnspruch ist definitiv erfüllt worden – die Ringvorlesung war trotz des digitalen Formats enorm abwechslungsreich undinteraktiv gestaltet. Zum Ende des vorletzten Semesters meiner Studienlaufbahn möchte ich festhalten, dass die Vorlesungmir einige neue Perspektiven und Lehren vermittelt hat. Besonders der aktuelle Bezug, die Einbeziehung der vielfachenKrisen, denen unsere Gesellschaft und die globalisierte Welt gegenübersteht und die zu bewältigen sind, hat dieseVorlesung für mich so lehrreich und spannend gemacht.

Weil ich die Vielzahl der bei der Vorlesung angesprochenen Themen so bedeutsam und relevant fand, fiel es mir relativschwer mich auf ein Thema für das Essay festzulegen. Ich schwankte zwischen sozialwissenschaftlichen Perspektivenmeines Hauptstudiums, in dem ich mich momentan viel mit Solidarität, Gemeinschaft und Geselligkeit in der Pandemiebefasse sowie den Thematiken meines studentischen Nebenjobs, bei dem Postwachstumsökonomie, Bedingungsloses Grundeinkommen oder die Abkehr von der imperialen Lebensweise im Fokus stehen könnten. Meine Entscheidung füreine Analyse von Solidarität und seiner aktuellen Relevanz rührt letztlich auch von einer persönlichen Betroffenheit. Mirsind sozialdemokratische Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Zusammenhalt und eben Solidarität außerordentlichwichtig. Entsprechend versuche ich auch, mein eigenes Verhalten danach auszurichten. Wieso also nicht ein Essayverfassen, in das ich meine eigenen Standpunkte implizit einfließen lassen kann? Das zumindest war der Hintergedankebei der Wahl des Themas. Aktuelle politische Beschlüsse und damit verbundene, angeregte gesellschaftliche Debattenbestätigen die Relevanz interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem Konzept und den Bedarf einer Wiederbelebungsolidarischer Praktiken noch zusätzlich – auch für Post-Corona-Zeiten.

 

Hintergrund

Im Rahmen der Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“ hat es dieCusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung externen Studierenden ermöglicht, Prüfungen in Essayform abzulegen.Eine Auswahl der besten Arbeiten veröffentlichen wir hier nach Absprache und einem Redaktionsprozess mit denAutor:innen.

Fußnoten
Melissa Ihlow