Die Zukunft in uns: Imagination als Formgeber einer realen Post-Corona-Welt

Von Julia Rothe

Zitat der Autorin Julia Rothe: "Erträumen wir uns insgeheim nicht eher eine Zukunft, die uns mehr geben kann als solch eine ewige Konkurrenz mit anderen Menschen, der Natur und mit uns selbst?"

Die Zukunft in uns: Imagination als Formgeber einer realen Post-Corona-Welt.

In jedem Moment der Gegenwart beginnt bereits ein Stück unserer Zukunft. Eine Handlung heute kann in der Rückschau die alles entscheidende Initialzündung der Nachwelt gewesen sein. “Tomorrow is now”, so appelliert Prof. Dr. Swati Banerjee in ihrem Vortrag der Cusanus-Ringvorlesung im November 2020 und bleibt mir nachhaltig im Gedächtnis. Mitdiesem Gedanken im Hinterkopf frage ich mich beim Schreiben dieser Zeilen: Welche solcher Handlungen unternehmenwir denn gerade jetzt in diesem Moment? Treffe ich während der Pandemiezeit Entscheidungen, die sich positiv odernegativ auswirken werden? Ich komme zu der Erkenntnis, dass es darauf wahrscheinlich jetzt in diesem Moment keinedetaillierte Antwort gibt. Denn wie hat es der Philosoph Søren Kierkegaard vor über hundertfünfzig Jahren treffendformuliert: Das Leben wird rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt. Trotzdem, ohne die Antwort zu kennen: UnserLeben ist jetzt. Und genau aus diesem Grund, können wir handeln. Denn wir sind am Leben. Wir können uns damitbeschäftigen, wie die Zeit nach Corona aussieht. Wir können jetzt Lösungen finden, wie wir zu Ansätzen einer Post-Corona-Ökonomie kommen. Ideen dazu höre ich im Rahmen der Cusanus Ringvorlesung „Fight Every Crisis: GlobalePerspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“. In den Vorträgen sowie in weiterführenden Publikationen fällt mir etwasbesonders auf, das viele Gedanken miteinander verbindet. Mehrfach fällt der Blick auf das Thema und die Relevanz derImagination. Eine Transformation, die unser gelerntes und erlebtes Heute zu einem anderen Morgen verändert, beginntimmer mit einer Idee oder Vorstellung im Kopf der einzelnen Person. Mit der Kraft der Imagination einzelner Individuenkann in der Folge durch die globale Vernetzung reale Veränderung im Großen geschehen. Dieser Essay verfolgt das Ziel,Mut zu machen für eine gezielte Kultivierung dieser Imagination. Mut dafür, den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen,da in ihnen ein Teil unserer Zukunft bereits verankert ist. Mut dafür, Initiative zu ergreifen. Mut dafür, sich trotz derschwierigen Situation gedanklich verbunden zu fühlen und an Entwürfen für die Welt zu arbeiten, in der wir gemeinsamleben wollen. Denn jede/r Einzelne kann Pionier/in des Wandels sein. Für unser aller Morgen.

Denn jede/r Einzelne kann Pionier/in des Wandels sein. Für unser aller Morgen.

Dafür möchte ich im ersten Schritt das Phänomen der Corona-Müdigkeit sowie die damit verbundene Sympathie für dieimperiale Lebensweise kritisch hinterfragen, um anfolgend einen Schritt aus dieser Sphäre herauszuwagen. Einen Schritt,der sich ohne Vorurteile dem Zustand des Ungewissen und Komplexen nähert und damit ihren wahren Wert für dieKreativität freilegt. Von der Frage, wie eine zukunftsorientierte Wissenschaft aussehen muss, die Inspiration fürImaginationen und Zukunftsbilder liefern kann, ziehe ich das Brennglas weiter zu: Auf das einzelne Individuum und dieBedeutung der Intuition. Der Essay schließt mit der Vernetzung der Gedanken zu einer Mutrede dafür, der Zukunft offengegenüberzustehen und den Entwurf innerer Bilder nicht zu sanktionieren, sondern aktiv zu fördern.

Wir fühlen uns müde. Und greifen nach Bekanntem.

In der ersten Corona-Welle haben wir uns gedanklich irgendwie positiv mit dem Lockdown arrangiert und unsere eigenenWege in der Entschleunigung gefunden. Mittlerweile, nach über einem Jahr mit Corona in Deutschland, hat sich dasgeändert. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem ein großer Teil der Menschen weniger Kraft hat, aktiv zu sein.Donja Gilan, Psychologin am Institut für Resilienzforschung in Leipzig, hat in Studien festgestellt, dass der Lockdown, indem wir uns im März 2021 befinden, als schlimmer empfunden wird als der erste im Frühjahr 2020 [i]. Wir sehen, dassandere Länder mit ihren Impfkampagnen an uns vorbeigezogen sind, während wir in einer undurchsichtigen Flut anMaßnahmen mit unserer Hoffnung hin und her gerissen werden. In der Bevölkerung verankert sich mehr und mehr eineCorona-Müdigkeit. Fast jeder zweite Deutsche nimmt laut ARD-Deutschland-Trend die aktuellen Regeln als starkeBelastung wahr [ii]. In Situationen der Ungewissheit und Anstrengung halten wir uns schnell an das, was uns bereitsbekannt ist. So liegt der Wunsch nach Veränderung nahe, um jeden Preis wieder aus der Krise herauszukommen, um daseigene Leben wieder so führen zu können, wie es vor Corona war. Wie lässt sich das zusammenfassen? Welches Lebenhaben wir denn eigentlich vor Corona geführt? Das I.L.A. Kollektiv findet dafür eine bezeichnende, aber auch sehrkritische Definition: Ein Leben auf Kosten anderer, die sogenannte imperiale Lebensweise. Dieses Konzept verbindetIndividuum, Wirtschaft und globale Probleme und beruht auf dem Ideal des komfortablen und modernen Lebens mitseiner dauerhaften Verfügbarkeit von Konsumgütern. Gemeint sind dabei nicht nur die materiellen Praxen. Insbesondereauch die sie ermöglichenden strukturellen Bedingungen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Leitbilder undDiskurse spielen eine Rolle. Um einen solchen Alltag zu ermöglichen, müssen Menschen global hart arbeiten,Bodenschätze abbauen und Tiere schlachten in einem Ausmaß, das an die ökologischen und sozialen Grenzen der Erdestößt. Die Folgen dieses Verhaltens werden jedoch auf den globalen Süden, auf nachfolgende Generationen und aufbenachteiligte Gruppen ausgelagert. Trotz der genannten Probleme breiten sich Traum und Praxis dieser Lebensweiseausgehend vom Norden in immer weitere Teile der Welt mitsamt ihren ökologischen Problemen und sozialenUngerechtigkeiten aus. Nicht zuletzt dadurch, dass Staat, Wirtschaft und der gesellschaftliche Konsens diese Strukturenkontinuierlich festigen.[iii] In Summe finden wir uns in einer Lebensweise des unendlichen Produzierens undKonsumierens wieder, wobei die soziale Ungleichheit ein zentraler Treiber ist. Je ungleicher unsere Gesellschaftenausgeprägt sind, desto stärker wird in der Folge aber auch der persönliche Statuskonsum, denn dieser ist letztlich derModus, in dem soziale Ungleichheit ausgetragen wird. Aus ökologischer und sozialer Sicht lässt sich an solch einemVerhalten deutlich Kritik üben. Prof. Dr. Lars Hochmann formuliert ein Axiom, das die Kritik kompakt auf den Punktbringt: „Ein Stoffwechsel mit der Natur, der die Natur zerstört, kann nicht wahr sein.“[iv] Sollte es nun ausgehend vondiesem Charakter des Lebens wirklich ein „wie vor Corona“ geben? Erträumen wir uns insgeheim nicht eher eineZukunft, die uns mehr geben kann als solch eine ewige Konkurrenz mit anderen Menschen, der Natur und mit uns selbst?Sollten wir nicht einfach den Schritt aus der Komfortzone wagen?


Erträumen wir uns insgeheim nicht eher eine Zukunft, die uns mehr geben kann als solch eine ewigeKonkurrenz mit anderen Menschen, der Natur und mit uns selbst? Sollten wir nicht einfach den Schritt ausder Komfortzone wagen?

Ein Schritt aus der Komfortzone. Ein Schritt in die Ungewissheit.

Wenn wir uns also die Frage stellen, wie eine Post-Corona-Ökonomie aussehen kann, die langfristig etwas Gutesbedeutet, dann wird klar, dass mehr Kräfte vereint werden sollten für eine sozial-ökologische Transformation. Ganzgleich, wie diese Post-Corona-Ökonomie konkret ausgestaltet wird, die Transformation beginnt immer im Kopf. Dennjede mögliche Zukunft hängt zu wesentlichen Teilen von gegenwärtigen Entscheidungen und Handlungen ab. Einmögliches Bild der Zukunft, eine Idee dessen, was anzustreben ist, muss im ersten Schritt entworfen werden. DieseAufgabe kann eine Fiktion übernehmen. Fiktionen sind als Bilder eines zukünftigen Zustands der Welt oder des Verlaufsvon Ereignissen zu verstehen, die in der Gegenwart durch mentale Repräsentation kognitiv zugänglich sind. UnterBedingungen der Unsicherheit, unter denen zukünftige Zustände der Welt nicht berechnet werden können, ersetzenFiktionen, die von den Akteuren vor Ort erstellt werden, die unerreichbare rechnerische Antizipation zukünftigerZustände und zukünftiger Ereignisse, so definiert es Beckert [v]. Werde ich also als Ideengeber aktiv, so umgebe ich michbewusst mit einem Umfeld des Ungewissen. Aus psychologischer Sicht bedeutet das für viele Menschen eine schwierigeAufgabe. Im Ergebnis aber eine erstrebenswerte. Denn wenn wir uns gegen die Realität sträuben oder ausschließlichängstlich mit der Zukunft umgehen, wird dieses Verhalten uns zunehmend lähmen. Statt Lösungen zu suchen, fließtunsere Kraft stattdessen in Verweigerung und Abwehr. Zukunftsgestaltung sieht anders aus.

Umarme das Chaos.

Es sollte also zu keinem Zeitpunkt eine falsche Scheu vor dem Komplexen und Ungewissen geben. Unsere Welt istimmerzu umgeben von Ungewissheit und gerade, wenn wir uns in dieser bewegen, kann das Kreativität besondersbefruchten. So kommentiert Prof. Dr. Silja Graupe dazu: „Where is real uncertainty, there is also creativity.”[vi] Erst dieImaginationen der Zukunft bewegen uns als Menschen in der Realität dazu, sich diesen Bildern durch Aktionen auchanzunähern. Für eine bewusste Offenheit gegenüber dem Ungewissen, genauer dem Chaos, plädiert auch Nassim Talebund definiert solch eine Fähigkeit als „Anti-Fragilität“, bei der der Umgang mit Störungen, wie zum Beispiel Krisen, dieentscheidende Rolle spielt. Nach Taleb möchte niemand Ungewissheit einfach nur knapp überleben, nicht nur gerade nocheinmal davonkommen. Vielmehr ist es das menschliche Ziel, Ungewissheit vollkommen unbeschadet zu überleben [vii].So bezeichnet Anti-Fragilität die Fähigkeit, kreative evolutionäre Anpassungen zu generieren, indem solche Störungenakzeptiert und bewusst „durchlebt“ werden. Krisen sind in dieser Weltsicht nicht die Anfänge von Untergängen, sondernmüssen als die „Trainer“ für immer intelligentere Antworten gewertet werden [viii]. Taleb schlägt vor, mit dieserFähigkeit menschengemachte Systeme so zu verändern, dass sich das Einfache, das Natürliche entfalten kann.Antifragilität beschreibt damit auch mehr als bekannte Begriffe wie der Resilienz oder Robustheit. Das Resiliente, dasWiderstandsfähige widersteht Schocks und bleibt sich gleich, das Antifragile wird dabei aber zusätzlich besser. „Man darfnicht vergessen, dass Mutter Natur mehr ist als lediglich „sicher“. Sie zerstört und tauscht aus, selektiert, ordnet neu.Wenn es um seltene Ereignisse geht, reicht es nicht aus, „robust“ zu sein.“ [ix] Anti-Fragilität kommt die einzigartigeEigenschaft zu, uns in die Lage zu versetzen, mit dem Unbekannten umzugehen, etwas erfolgreich anzupacken, ohne esvöllig zu verstehen. Nicht nur das Ungewisse, auch das Komplexe sollte bei imaginativen Entwürfen nicht ängstlichumgangen werden. Im Komplexitäts-Modell, das von vielen Systemwissenschaftlern präferiert wird, sehen die Regeln desZukunftsspiels alles andere als komplexitätsvermeidend aus. In diesem Gegenmodell zur „negativen Komplexität“ führtKomplexität zu höheren Ebenen von Emergenz, Selbstorganisation und Resilienz [x].

Je komplexer, also vernetzter und interdependenter die Welt wird, desto mehr lernen die Systeme, Exzesseabzupuffern, Krisen auszugleichen und mit Störungen umzugehen. Komplexität führt so zu Selbst-Stabilisierung statt zum Verfall. Es ist unübersehbar, dass wir ein Teil einer sehr vernetzten und komplexenWelt sind.

Je komplexer, also vernetzter und interdependenter die Welt wird, desto mehr lernen die Systeme, Exzesse abzupuffern,Krisen auszugleichen und mit Störungen umzugehen. Komplexität führt so zu Selbst-Stabilisierung statt zum Verfall. Esist unübersehbar, dass wir ein Teil einer sehr vernetzten und komplexen Welt sind. Längst finden wir uns inmitten derGlokalisierung wieder. „Das Glokale folgt dem Globalen als neue Bezugsdimension: eine regionale Fokussierung beiglobalen Anschlüssen“, so beschreibt es das Zukunftsinstitut [xi]. In uns wohnt also die Kraft zur Selbst-Stabilisierung.Wir können in diesem Sinne ausgleichend wirken, wenn wir es in die Hand nehmen.

Der Wegweiser Wissenschaft.

Eine wichtige Unterstützung, um den Horizont für Fiktion und Imagination zu zeichnen, übernimmt die Wissenschaftbereits im Rahmen der Zukunftswissenschaften. Sie gestaltet die Zukunft bereits mit, einzig durch denKonstruktionsprozess eines möglichen Zukunftsbildes [xii]. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass diese Disziplin dasObjekt „Zukunft“ nicht im klassischen Sinn erforschen kann, da Zukunftsentwicklungen aufgrund ihrer vielenbestimmenden Parameter nicht in jedem Fall naturgesetzlich verlaufen. Komplex und ungewiss eben. Vielmehr gibt sieImpulse aus dem sorgsamen Abwägen von Erfahrungswerten, realen Ereignissen und Erwartungen [xiii]. DieZukunftswissenschaft realisiert sich in drei Ausprägungsformen. Die grundlagenorientierte Zukunftsforschung reflektiertund diskutiert wissenschafts- und gegenstandstheoretische Grundlagen und Grundfragen. Die angewandteZukunftsforschung analysiert, erhebt, beschreibt und interpretiert plausible Zukunftsentwicklungen und Vorstellungenunter Berücksichtigung einer möglichst breiten Datenbasis und vielfältiger methodischer Designs. Die angewandteZukunftswissenschaft beschreibt die Anwendung der Forschungsergebnisse in unterschiedlichen Praxiskontexten, wiebspw. der Innovationsberatung [xiv]. Wissenschaft, die in diesen beschriebenen Ausprägungen aufTransformationsprozesse einzahlt, unterstützt nach Schneidewind die Idee der „Zukunftskunst“, die gesellschaftlicheZukünfte zuerst auch von ihren kulturellen und zivilisatorischen Perspektiven her denkt [xv]. Wenn über dieZukunftswissenschaft hinaus auch andere Wissenschaften konsequent so angelegt sind, dass sie nicht „alleine auf Faktenreduziert“ sind, agieren sie so als Möglichkeitswissenschaften [xvi] und können aktiv damit Transformationsprozesse fürdie Mitgestaltung öffnen. Sie stärken den „Möglichkeitssinn“ innerhalb unserer Gesellschaften dadurch, dass siegrundsätzliche Annahmen gesellschaftlicher Debatten kontinuierlich hinterfragen und eben mögliche Szenarien undmögliche Zukünfte als „Zielwissen“ aufzeigen, so Schneidewind. In der Folge werden Ursache-Wirkungszusammenhängezukünftiger Entwicklungen durch dieses Zielwissen deutlich und die dafür notwendigen Veränderungen „analytisch-imaginativ“ vorweggenommen [xvii]. Genau „hier entwickelt Wissenschaft durchaus eine utopische Kraft, um dasHandeln von Akteuren zu orientieren und zu inspirieren.“[xviii] Menschen werden damit in ihrer Emanzipation gestärktund ihre Handlungsfreiheit maßgeblich erweitert [xix].

Wir: Die individuelle Kraft.

Jede Entwicklung, die wir heute oder auch in der Zukunft gehen, ist geprägt von der permanent wirkenden Dynamikzwischen beharrenden und innovativen Kräften [xx]. Die Gestaltungskraft gesellschaftlicher, wirtschaftlicher undpolitischer Interessengruppen ist dafür genauso entscheidend wie der Gestaltungswille einzelner Menschen in Beruf,Familie und Freizeit. Am Ende geht jede Veränderung von einzelnen Individuen aus. Also von uns. So kommentiertTaleb: „Wir wären heute nicht da, wo wir sind, wenn unsere Entwicklung von Politikern abhängig wäre – sie beruhtvielmehr auf der Risiko- und Irrtumsbereitschaft einer bestimmten Sorte von Menschen, die wir ermutigen, in Schutznehmen und respektieren müssen.“[xxi] Nicht zuletzt auch die gesamten Referenten der Cusanus-Ringvorlesung zeigen:Es gibt bereits viele aktive Kräfte, die sich Gedanken machen. Es gibt viele Pionier/-innen des Wandels und jede/r kannsich in diese Richtung entwickeln. Mit individuellen Fähigkeiten und Wissen sowie dem Mut, Haltung zu zeigen undStellung zu beziehen. Die persönliche Entscheidung für den gewählten Weg und gegen mögliche andere Wege resultiertimmer aus der Mischung von rationalen Plänen und irrationalen Motiven. Genau aus diesem Grund sollte bei all denZukunftsgedanken die Überschätzung der Rationalität und die damit verbundene Planungseuphorie nicht zum absolutenUltimatum erhoben werden. Denn es ist immer der rationale Teil des planenden Gehirns, der denkt, aber der irrationaleund intuitive Teil, der lenkt [xxii]. So spricht sich Natasha Mwansa auch dazu aus, dass vermeintliche Schwächen immerauch zu Stärken werden können: “Don’t loose the vision of who you want to be. Turn your supposed weakness into astrength. There is always something you can do. Where my imagination ends somebody will continue.” [xxiii] AuchLuisa Neubauer motiviert mit ihrer Sichtweise, dass gerade in der Herausforderung, in dem Schwierigen, der wahre Muteiner Person begründet liegt: “There couldn’t be courage without vulnerability. […] It is the struggle that defines achallenge.” [xxiv]


Alles ist miteinander verbunden.

Wie lassen sich die vorangegangenen Gedankenfelder nun zusammenfassen? Zunächst sei noch einmal gesagt: Ja, vielesist ungewiss. Sorgen, Ängste, Unvorhergesehenes… All das ist und bleibt auch in Zukunft ein Teil unserer Realität. Abertrotzdem offenbaren die Ausführungen, dass gerade in der Ungewissheit eine Chance liegt. Mit Blick auf die Gestaltungeiner Post-Corona-Ökonomie wertet Prof. Dr. Stephan Panther den Punkt, an dem wir uns momentan befinden und dersich durch sehr viel Unklarheiten auszeichnet, ebenfalls in dieser Argumentationslogik:

“When the rules become unclear there is a chance for those rules to be changed. […] It’s a good historical point in timewhere you can change the rules of the global power game. To take that point as a point of departure to think about that wecan avoid those wars and we can build a more inclusive economy in this specific historical situation.” [xxv]


Dieser Essay zeigt durch die Zusammenführung diverser Stimmen, dass viele Menschen existieren, die ihren eigenen Weggehen, aber im Kern damit trotzdem ein verwandtes Mindset teilen. Trotz aller Ungewissheit können wir uns mit vielenanderen geeint wissen. Zudem wird die Sensibilisierung für die chaotische Natur des Ungewissen zu einementscheidenden Faktor, wenn wir uns die Frage nach der Zukunft stellen. Wir können mit der Kraft der Imagination deroder des Einzelnen, die ihre wahren kreativen Züge erst durch den offeneren Umgang mit dem Ungewissen undKomplexen erlangt, eine reale Veränderung im Großen bewirken. Auch wenn jedes Individuum nur immer einen Wegzurzeit beschreiten kann, so spannt sich aus diesen intuitiven Wegen lokaler Aktivitäten nach glokalem Verständnis einweltweites Netz der Veränderung auf. Aus der Wirkung des Einzelnen wird so eine globale kollektive Kraft derTransformation. In solchen kollektiven Erfahrungen entsteht auch erst jenes Identitätsgefühl, das zu definieren ermöglicht,welche Art von Gesellschaft wir in Zukunft sein möchten, so merken es Leggewie und Welzer an. [xxvi] Ohne einenFluchtpunkt der Wir-Identität, der in der Zukunft liegt, wird es nicht möglich sein ein neues kulturelles Projekt entwickelnzu können, welches die Probleme und Krisen, die sich längst aufgetürmt haben, angehen, geschweige denn lösen könnte. Viele kleine Einzelteile verbinden sich zu einem großen Ganzen, wenn wir es denn wagen zu träumen. Zu träumen vondem Möglichen. Es darf uns erlaubt sein. Denn am Ende kommt es nicht darauf an, die Zukunft perfekt vorherzusagen,sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein [xxvii]. Und wie könnten wir es besser machen, als mit einemgemeinsamen Vertrauen in die Symbiose der Kraft des eigenen Selbst mit der unseres Gegenübers? Wir müssen nuraufmerksamer sein, mehr aufeinander achten. So werden uns diese positiven Energien auch klarer werden. Und vielleichtsieht das Unbekannte, wenn wir uns trauen uns mit einer progressiven Energie und Motivation zu nähern, doch auch ganzvertraut aus?


Kurze Reflexion: Ein Blick auf den Schreibprozess

Die Veranstaltungen der Cusanus Ringvorlesung haben viele gedankliche Türen geöffnet. Referent/-innen aus denverschiedensten Fachrichtungen, gesellschaftlichen Strukturen und unterschiedlichsten Orten der Welt haben imThemenfeld einer möglichen Post-Corona-Ökonomie wertvolle Inspirationen gegeben. Aus diesen Inspirationen heraus,beginne ich mit den Vorbereitungen für meinen Text. Doch in dieser Vorbereitungsphase sehe ich mich täglichkonfrontiert mit einer Informationsflut, die mich in der inhaltlichen Arbeit eher schwer vorankommen lässt. Einmal dasSmartphone entsperrt, so gibt es im Stundentakt Benachrichtigungen über neue Corona-News. Einmal die sozialenMedien geöffnet und diverse Stimmen streiten über „den richtigen Weg“ in und nach der Pandemie in hundertenKommentaren. Ein Klick. Millionen von Suchergebnisse. Ich frage mich immer wieder zu Beginn im Prozess derIdeenfindung und Recherche: Worüber einen Essay schreiben? Ist nicht bereits alles gesagt? Gibt es nicht zu jeder Fragebereits diverse Meinungen? Dann fasse ich den Gedanken, dass mir persönlich positive Impulse und Anregungen viel zuwichtig sind, als dass sie nicht weitere Male aufgegriffen werden sollten. Jeder Mensch findet oder braucht schließlichauch immer einen eigenen Zugang zu Themen. Warum sollte ich also meinen Essay nicht dafür nutzen, die Gedanken zuverdichten, die ich besonders stark aus den Veranstaltungen der Ringvorlesung für mich mitnehmen konnte? Warum sollteich nicht auch in diesem neuen Text meinem Herzen, meiner Intuition folgen? Genau das ist es, was ich an meinen Essayim letzten Jahr zur Ringvorlesung „Die Politische Ökonomie der Corona-Krise“ persönlich geschätzt habe. Ich habe einStück meiner Selbst in diesen Text gegeben mit dem Ziel, andere Personen zu etwas mehr Optimismus und Zuversicht zuinspirieren. Diese persönliche Stärke möchte ich weiter einsetzen. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, diesemEssay erneut ein Gefühl zugrunde zu legen: Das Gefühl des Mutes. Mehr noch: Den Appell an den Mut, der in uns allensteckt und der sich erst durch die Visualisierung von Ideen richtig entfalten kann. Eine solche Visualisierung hat michdabei auch im Schreibprozess besonders begleitet. Für mich persönlich beginnt eine Idee immer mit einem Gefühl. Undwas fördert eindringlicher ein Gefühl oder innere Bilder als Musik? Kopf aus, Gefühl und Imagination an. DasMusikstück „All the Unknown“ des Duos „Grandbrothers“ fasst thematisch auch das Ungewisse auf, kommt dabei aberganz ohne Klänge aus, die sich unwohl oder ängstlich anfühlen. Es treibt vielmehr an, geht euphorisch mit Melodien um,stimmt mehr positiv als negativ. Also gehe ich den, mir noch unbekannten, Worten dieses Essays entgegen.

 
Hintergrund

Im Rahmen der Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“ hat es die Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung externen Studierenden ermöglicht, Prüfungen in Essayform abzulegen. Eine Auswahl der besten Arbeiten veröffentlichen wir hier nach Absprache und einem Redaktionsprozess mit den Autor:innen.

Fußnoten
Julia Rothe