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Schauspiel: Geschlecht

Wir spielen mit, ob wir wollen oder nicht. Beobachtungen zu Geschlecht und Vergeschlechtlichung, Teil 2



von: Michelle Geiter


In Teil 1 „sex und gender: beides sozial konstruiert?“ habe ich mithilfe feministischer und queerer Theorie verdeutlicht, dass Geschlechterrollen nichts Natürliches sind, sondern Menschengemacht - ein Schauspiel der Zweigeschlechtlichkeit. In Teil 2 nehme ich dieses Schauspiel genauer unter die Lupe und schaue, wie es sich in unserem Leben äußert.



Die Allgegenwärtigkeit der Zweigeschlechtlichkeit

Das System der Zweigeschlechtlichkeit scheint allgegenwärtig, es schränkt die Selbstbestimmtheit ein. Dazu ein Zitat von Kim de l’Horizon:


Wann. Muss es sich entscheiden. Ob Mann oder Frau wird? […] Das Kind muss sich bald entscheiden. Die Leute fragen. Na du. Was bist denn du? Bub oder Meitschi?... Die meisten haben sich schon entschieden…. Das Kind fragt sich: wie funktioniert diese Entscheidung? Ist das ein magischer Vorgang?

(de l’Horizon 2022: 86f.)



Natürlich sehen wir hier ein wenig kindliche Naivität, die die Welt erscheinen lässt, als ständen uns alle Möglichkeiten offen. Unwissend, dass uns viele Möglichkeiten verbaut werden. Andererseits wird aber auch deutlich, wie wichtig es selbst bei Kindern schon zu sein scheint, welchem Geschlecht sie angehören. Kim wird hier nämlich von vermutlich fremden Leuten gefragt, ob Kim ein Mädchen oder Junge sei. Bei anderen Kindern wird,bereits bevor sie auf der Welt sind, ein Riesending daraus gemacht, etwa bei sogenannten Gender-Reveal-Parties. Das ist ein Social Media Trend, bei dem während der Schwangerschaft eine Party gefeiert wird, um das Geschlecht des Babys zu ‚revealen‘, z.B. mit einer Konfetti-Kanone, die entweder pinkes oder blaues Konfetti schießt. Die einen Anwesenden freuen sich wie verrückt, springen herum und jubeln, manch andere, so scheint es in den Tik-Tok- oder Instragram-Videos, sind enttäuscht, ärgern sich, sie haben auf einen ‚Jungen‘ oder ein ‚Mädchen‘ gehofft.


Das Zitat von Kim bzw. die Gedanken von Kim als Kind lassen mich aber auch über mich als Kind nachdenken und mich fragen, ob ich mir solche Fragen überhaupt gestellt habe. Nein, wahrscheinlich nicht, wie viele andere Personen wohl auch nicht. Einfach, weil ich mich mit dem Geschlecht, welches mir bei der Geburt zugeschrieben wurde, wohl identifizieren konnte. Reines Glück und Privileg. Ein reibungsloser Vorgang, keine inneren Konflikte oder Widersprüche. Das klassische Beispiel einer cis-Person, die ihr Geschlecht weder reflektieren noch hinterfragen muss. Für andere Menschen ist die Identifikation mit dem Geschlecht, welches ihnen zugeschrieben wird, schlicht nicht möglich. So beispielsweise eine Person, die als Mann gelesen wird, sich doch als Frau identifiziert. Oder Personen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren. In keine der vorgegebenen Rollen reinzupassen scheinen.Die meisten Menschen ordnen durch ihre kulturell-geprägte Wahrnehmung ihre Mitmenschen einem der beiden binären Geschlechter zu (vgl. Connell 2013: 21). Diese Wahrnehmung gerät ins Wanken, wenn eine Person nicht in eins der Raster passt.


They see my chest and whisper Girl. They see my hair and whisper Boy. They hear my voice and whisper Girl, They see my clothes and whisper Boy!

(Singh 2022)


Einerseits erkennen wir hier, wie andere uns aufgrund körperlicher Merkmale einem der beiden binären Geschlechter zuordnen. Durch Geflüster. Hinter dem Rücken der Person, im Versuch der ‚Unauffälligkeit‘, andere Menschen kommentieren. Sie einordnen. In Kategorien, die uns bekannt sind. Die vorgegeben sind. Diese Kategorien, die binären Geschlechter, haben bestimmte Dinge zu befolgen. Wenn diese nicht ‚befolgt‘ werden, entsteht Irritation beim Gegenüber, wie Rubani Singh anschaulich darstellt. Die anderen flüstern hinter ihrem Rücken girl, wenn sie die körperlichen Merkmale betrachten und boy, wenn sie die Kleidung oder den Haarschnitt sehen. Sie versuchen, sie in das Bild der Binarität der Geschlechter einzuordnen, es scheint aber nicht eindeutig zu sein.

The gender binary is like a party guest who shows up before you get the chance to set the table.

(Vaid-Menon 2020: 29)


Es ist vor allem und allen anderen da. Unerwünscht und unangemeldet. Es steckt in den Köpfen, es gehört zu unserer Sozialisation. Dadurch schleicht es sich überall hinein, es ist auf einmal überall. Es wird allgegenwärtig. Denn dahintersteckt nicht nur eine Unterscheidung zwischen männlichen und weiblichen Lebewesen, sondern viel mehr, „das Wissen um das eigene Geschlecht ist an kulturelle Codes orientiert und strukturiert die Interaktion nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch die Wahrnehmung anderer Lebewesen, die Bewertung von Konsumprodukten oder die Einordnung von Handlungsmustern [z.B. ‚weibliche‘ oder ‚männliche‘ Eigenschaften]“ (Gregor, Schulz & Schwab 2020: 89).


Sehr gut deutlich wird es in den Worten von Kim de l’Horizon. Als Kind hat Kim das ‚Menschsein‘ geübt und das ‚Körpersein‘ (de l’Horizon 2022: 85). Das Kind sieht und übt verschiedene Körper, alle vergeschlechtlicht. So beispielsweise den Fußballkörper, Joggingkörper und Feierabendkörper des Vaters, das Männliche, gegenüber dem Ausgehkörper, dem Gartenkörper, dem Arbeits- und Streitkörper der Mutter, das Weibliche (vgl. ebd.: 85f.). Zu jedem Körper gehören Eigenschaften, Kleidung und Körpersprache. Das eine und das andere Extrem. Eckig und grob versus fein und weich. Breitmachen, laut sein versus klein machen und leise sein. Gefühlsarm, unsensibel versus gefühlvoll und einfühlsam. Das könnte ewig so weiter gehen.

Bestimmten Körpern, bestimmten Geschlechtern sprechen wir bestimmte Charaktereigenschaften zu, gewisse Verhaltensweisen, ein bestimmtes Aussehen, Kleidung, Sportarten und vieles mehr. Die einen dürfen das, die anderen das:


Frauen haben so schöne Haare. Und sie dürfen sich schminken. Und sie dürfen farbige Stoffe tragen. Und sie dürfen singen. Und sie dürfen Hosen UND Röcke tragen. Und sie dürfen weinen, so viel sie wollen. Aber Männer haben schöne haarige Beine. Und schöne tiefe Stimmen. Und sie dürfen rülpsen.

(de l’Horizon 2022: 87)


So viele Regeln und Verhaltenskodexe, die wir befolgen ‚sollen‘, um der Vorstellung von dem Geschlecht zu entsprechen, welches uns zugeschrieben wird. Alle spielen da irgendwie mit. Scheinbar haben wir, wie selbstverständlich, alle diese Regeln und Verhaltenskodexe internalisiert, sie als ‚natürlich‘ angenommen. Doch nichts davon ist natürlich. Und doch unglaublich absurd, oder nicht?

Letztens bin ich mit meinem Hund spazieren gegangen. Vor mir zwei junge Erwachsene, zwei Personen mit ganz unterschiedlichem Gang. Die eine Person, weiblich gelesen, hat einen geraden Gang, leichte Schritte, keine großen oder schweren, groben Bewegungen. Die andere Person, männlich gelesen, geht sehr auffällig, schwere, große Schritte, breitbeinig und breitarmig, so als würden Arme und Beine auf unnatürliche Weise ein Stück vom restlichen Körper gehalten werden, um Raum einzunehmen, sich breiter zu machen. Es sieht absurd aus und unbequem.

Diese Körpersprache und dieser Gang sind sicher nicht angeboren, es ist erlernt, durch kulturelle Codes, die wir beobachten, übernehmen - alles ganz selbstverständlich. Manche wollen auch einem bestimmten Bild von Geschlecht entsprechen. Zumindest könnte das der Grund sein, warum diese Person diesen ‚männlichen‘ Gang dermaßen zur Schau stellt und auf die Spitze treibt. Was Leute wohl denken würden, wenn ich so gehen würde? Mein Hund würde mich verwirrt anschauen, was mit mir denn jetzt los sei. Spinnt die jetzt? Andere Menschen wären vielleicht irritiert, weil dieser Gang nicht zu dem Geschlecht passt, welches sie bei mir lesen. Egal was, ob die Kleidung, die ich trage, welchen Hobbys ich nachgehe, wie ich mich verhalte, wie ich mit anderen interagiere, ob ich schminke oder nicht, einfach alles trägt den Namen eines der binären Geschlechter. Sogar Farben!


a long time ago: pink was born. pink had lots of friends. then pink was taken hostage got a life-sentence, had to serve it in this foreign land called “gender” it’s not that i wanted to be a girl i wanted to be pink. it’s not that i wanted to be fragile, i wanted permission to be fragile it’s not that i wanted to be weak, i wanted to be offered help.

(Vaid-Menon 2016)


Alok Vaid-Menon beschreibt hier sehr eindrücklich, was für Assoziationen mit einer Farbe einhergehen, aber auch zu welchem Geschlecht diese Farbe zugeordnet wird, welche Regeln damit einhergehen und welche Eigenschaften, den Menschen zugeschrieben wird, die diese Farbe tragen. Babys bekommen bereits alles in Pink, wenn sie die Zuschreibung “weiblich” bekommen und mit der Zuschreibung “männlich” gibt’s dann blau, das Pendant zu pink.


Das Schauspiel beginnt bereits früh, es läuft und läuft, die Theater sind voll, es fließt viel Geld, um sich dem Rollenideal möglichst genau anzupassen. Es gibt einige, die nicht mitspielen wollen und noch viel mehr, die keine Chance in diesem System haben, in keine Rolle reinpassen. Die aber haben es schwer in einem System, in der die Zweigeschlechtlichkeit allgegenwärtig ist. Bei der kleinsten Abweichung drohen Sanktionen ihres Verhaltens in Form von Belästigungen oder Gewalt (vgl. de Beauvoir 1949/1968: 319f.).


Die Darstellung von Geschlecht - bitte in Perfektion!

Einige können sich mit ihrer Rolle identifizieren, denken nicht weiter drüber nach, finden sich damit ab. Andere wiederrum versuchen, eine der Hauptrollen im Schauspiel zu ergattern, dem Ideal ihrer Rolle so gut es geht zu entsprechen. Aber ist das überhaupt möglich? „Es genügt nicht, wenn sie heterosexuell, auch nicht, wenn sie Mutter ist, um dieses Ideal zu verwirklichen. Die ‚wahrhafte Frau‘ ist ein künstliches Gebilde, das die Zivilisation erzeugt.“ (de Beauvoir 1949/1968: 384). Das bezieht sich nicht nur auf die ‚wahrhafte‘ oder ‚richtige‘ Frau, sondern auch auf das Ideal des ‚wahrhaften‘ Mannes. Wir werden daran gemessen, obwohl diese Ideale für die allermeisten Menschen gar nicht erreichbar sind.


Wenn ich über die Darstellung in Perfektion von Geschlecht, Weiblichkeit, Stereotypen, nachdenke, dann ist einer meiner ersten Gedanken: Drag. Ich schaue mir unglaublich gern die Serie RuPauls Drag Race und aktuell Drag Race Germany an. Die Praxis Drag fließt auch in Butlers theoretische Überlegungen ein. Sie kommt zu der Beobachtung, dass „einige dieser sogenannten Männer Weiblichkeit viel besser darstellen können, als [sie] es jemals konnte, jemals wollte oder jemals können würde.“ (Butler 2009: 338). Das ist sicher ein Gedanke, den viele haben. Ich zumindest habe ihn sehr oft, wenn ich mir Drag Race anschaue. Es fasziniert mich jedes Mal. Butler stellt fest, dass „Travestie genau jene Struktur der Nachahmung [inszeniert], mit der jede Geschlechtsidentität angenommen wird.“ (Butler 1996: 26). An Drag zeigt sich ganz besonders das Ideal der ‚wahrhaften‘ Frau, von Weiblichkeit, denn es ist eine perfekte Inszenierung. Drag als Kunstform verdeutlicht diese Ideale, das Spiel, das Schauspiel. Einige Menschen sind der Meinung, dass ‚Männer‘, die Drag praktizieren, eine Art Aneignung betreiben, ähnlich der kulturellen Aneignung. Doch Butler stellt klar:


Travestie ist nicht das ‚Übernehmen‘ einer Geschlechtsidentität, die eigentlich einer anderen Gruppe gehört, das heißt kein Akt der Expropriation oder Appropriation, der voraussetzt, daß Geschlechtsidentität eine rechtmäßige Eigenschaft des Geschlechts ist, daß ‚maskulin‘ zu ‚männlich‘ und ‚feminin‘ zu ‚weiblich‘ gehört.

(Butler 1996: 26)


Maskulin kann zu feminin gehören, genauso wie feminin zu männlich gehören kann. Wichtig zu verstehen ist, dass es keine durch Drag imitierte „originäre oder primäre Geschlechtsidentität“ gibt (Butler 1996: 26), sondern die Geschlechtsidentität selbst eine Imitation ist. Und zu dieser Imitation gibt es kein Original, es ist ein künstliches Gebilde. Drag zeigt sehr deutlich, dass „jedes ‚Gendering‘, jedes Spiel mit der Geschlechtsidentität, eine Form der Darstellung […] ist.“ (ebd.). Im Prinzip sind wir alle mit unseren Geschlechtsidentitäten eine Form der Darstellung, eine Performance, ein Schauspiel, in dem wir mitspielen, mit all den Regeln, Verhaltenskodexen und Idealen.


We’re all born naked, and the rest is drag

(RuPaul 1995)


Das Zitat von RuPaul lässt sich auch verstehen als: wir werden geboren und alles, was danach kommt, ist eine Art der Darstellung, eine Performance. “Willkommen auf der Welt, schön, dass du geboren bist, hier bitte, das ist deine Rolle… *räusper*, ups, ich meine natürlich dein Geschlecht. Vermerkt in der Geburtsurkunde und im Personalausweis, sodass auch jede*r sich versichern kann, welche Rolle, welches der beiden binären Geschlechter, du darstellen sollst”.


Es ist längst überfällig, dieses Schauspiel und unsere Wahrnehmung aufzubrechen! Nichts daran ist natürlich! Das sind wir all denen schuldig, die jahrelang, jahrzehntelang, jahrhundertelang, darunter leiden mussten und weiterhin tun. Nur weil sie nicht in die Regeln und Skripte dieses Schauspiels passen.


Lasst Menschen ihre Selbstbestimmtheit! Lasst sie selbst entscheiden, wer sie sind und wie sie leben wollen!


Illustration von Anne-Ly Redlich

 

Literatur

Butler, Judith (1996): Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität, in: Hark, Sabine (Hrsg.): Grenzen lesbischer Identitäten. Aufsätze, Berlin, S. 15-37.


Butler, Judith (2009): Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen, Frankfurt a.M., Suhrkamp.


Connell, Raewyn (2013): Gender, in: Lenz, Ilse, Meuser, Michael (Hrsg.), Wiesbaden, Springer VS.


de Beauvoir, Simone (1949/1968): Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Reinbek b. Hamburg, Rowohlt.


de l’Horizon, Kim (2022): Blutbuch. Köln, DuMont Buchverlag.


Gregor, Joris A.; Schulz, Peter; Schwab, Janos (2020): Geschlechtlichkeit, in: Rosa, Hartmut; Oberthür, Jörg (Hrsg.): Gesellschaftstheorie, Tübingen, UVK Verlag.


RuPaul (1995): Lettin It All Hang Out: RuPaul, An Autobiography, New York, Hyperion Books.


Singh, Rubani (2022): "The Gender Game" | UnErase Poetry. Video, online: https://www.youtube.com/watch?v=Gol3GYAFm-Q (Zuletzt aufgerufen am: 27.09.23).


Vaid-Menon, Alok (2016): THE BIOGRAPHY OF PINK. Online: https://www.alokvmenon.com/blog/2016/9/30/the-biography-of-pink (Zuletzt aufgerufen am: 27.09.23).


Vaid-Menon, Alok (2020): Beyond the Gender Binary. New York, Penguin Workshop.

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