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Freiheit(en) in Kapitalismus und Postwachstum?

von Nick von Andrian


Ach, die Freiheit. Für alles muss sie herhalten: während das Bundesverfassungsgericht sein Urteil zu mehr Klimaschutz mit der Freiheit zukünftiger Generationen begründet, werden andernorts Autofahren ohne Tempolimit und das Nicht-Tragen von Masken als Freiheitskampf hochstilisiert.


An der Freiheit, so viel ist also sicher, führt schlicht kein Weg vorbei. Auch der Kapitalismus speist sich ideengeschichtlich und moralphilosophisch aus der Forderung nach Freiheit (bzw. eines bestimmten Freiheitsverständnisses – dazu später). Gerade in einer vom Neoliberalismus durchsetzten Gesellschaftsordnung muss sich darum auch jedes emanzipatorische Projekt zur Freiheit positionieren. Es lohnt sich also, die Blogserie zur Gegenüberstellung von Postwachstum und Kapitalismus unter dem Gesichtspunkt der dahinter liegenden Freiheitsverständnisse fortzuführen. Die Frage lautet dann: welche Freiheit ist im Kapitalismus, welche im Degrowth-Diskurs [1] eigentlich gemeint?


Dem will ich mich in 2 Schritten annähern: zunächst anhand der klassischen Unterscheidung zwischen positiver und negativer Freiheit; dann anhand des Autonomie-Begriffs, welcher insbesondere von dem Philosophen Cornelius Castoriadis fruchtbar vorgedacht wurde. Eine autonome Gesellschaft im Sinne Castoriadis’ wäre nicht nur freier im Sinne größerer Selbstbestimmung. Sie wäre auch gerechter im Sinne ökonomischer und politischer Teilhabe.


Annäherung 1: Positive und negative Freiheit

In der Philosophie wird gern zwischen positiver und negativer Freiheit unterschieden. Positiv meint die „Freiheit zu“, die Möglichkeit das eigene Leben selbstbestimmt und nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Die Schattenseite dieses Verständnisses wäre Ellbogenfreiheit, das uneingeschränkte Recht der Stärkeren. „Negative Freiheit“ bezeichnet demgegenüber die Abwesenheit von Zwängen und Hindernissen, also die „Freiheit von“. Die Schattenseite negativer Freiheit zeigt sich in unorganisiertem Chaos (man stelle sich vor, morgen würden alle Verkehrsregeln abgeschafft). In einer solchen Situation können Hindernisse (z.B. Verkehrsregeln) als Leitplanken Ordnung schaffen und das Zusammenleben im Sinne des Gemeinwohls organisieren.


Der Kapitalismus neoliberaler Prägung legt den Fokus auf negative Freiheit. Freiheit wird reduziert auf das Verhältnis zwischen Individuum und Staat, wobei der Staat sich möglichst zurückzuhalten hat. Die Einzelnen sollen nur minimal durch Gesetze eingeschränkt werden. Wesentlich ist das Vertrauen in den Markt als anonyme Vermittlungsinstanz zwischen frei entscheidenden Einzelpersonen, der gewissermaßen anstelle des Staates das kollektive Wohlergehen garantiert (wesentlich vorangetrieben wurden diese Gedanken von Hayek, für eine umfassende Kritik sh. z.B. Mythos Markt von W. Ötsch).


Postwachstum unterliegt hingegen ein eher positives Freiheitsverständnis, das Selbstbestimmung und -verwaltung wesentlich mehr Raum einräumt. Im Bereich der Wirtschaft werden neue Organisationsformen für Arbeit mit mehr Zeit für Familie und Reproduktionsarbeit, Freizeit und Weiterbildung gefordert. Kleinräumige Beteiligung und dezentrale Selbstverwaltung in Bereichen wie Gesundheit und Bildung könnten das Sozialsystem vom Kopf auf die Füße stellen (konkrete Zukunftsbilder gibt es z.B. hier). Dieses Denken betrifft auch das politische System: Während der neoliberale Kapitalismus auf eine parlamentarische Demokratie setzt, fordert Degrowth deutlich umfangreichere demokratische Beteiligung (dazu mehr in Teil 2).


Daran zeigt sich: das Freiheitsverständnis im Degrowth stützt sich stark auf das gestalterische Potential der Einzelnen und des Kollektivs – auf Autonomie also. Darum soll es nun gehen.


Annäherung 2: kollektive Selbstverwaltung und -beschränkung als Autonomie

Statt des Begriffs „Freiheit“ verwendeten Degrowth-Vordenker:innen häufig den der Autonomie: Gorz (1980) blickte auf die (negative) Freiheit von Lohnarbeit, Illich (1975) interessierte die Freiheit von groß angelegten soziotechnischen Infrastrukturen und deren machtvollen (wirtschaftlichen oder staatlichen) Verwaltungsinstitutionen. Castoriadis hingegen beschrieb Autonomie als die Möglichkeit freier, kollektiver Selbstbestimmung ohne Einwirkung äußerer (»heteronomen«) Imperative und Strukturen, aus zum Beispiel Religion oder Ökonomie. Zugleich ist klar (und Castoriadis erkennt dies an): absolute Autonomie in diesem Sinne ist unmöglich. Schließlich können wir uns dem Einfluss unserer Prägungen sowie der historischen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten, aus denen heraus wir denken und handeln nie ganz entziehen. Aber wir können das eigene Leben aktiv und (wo sinnvoll) gemeinschaftlich mitgestalten. Freiheit ist also ein Prozess, kein Zustand.


An dieser Stelle zeigt sich: Autonomie bedarf kritischer Reflexion. Internalisierte Verhaltensweisen, Routinen, Überzeugungen und Wünsche müssen bewusst gemacht werden um deren Bedeutung, Gültigkeit und Wünschbarkeit kritisch zu bewerten. Castoriadis traut uns aber mehr als reine Kritik zu, namentlich „radikaler Imagination“: Wir Menschen sind zur Kreativität veranlagt. Bei der Gestaltung unserer Identität, unserer Praktiken und Lebensweisen können wir uns Alternativen vorzustellen, die über das Bestehende hinausgehen (ein Ansatz, der sich in der praxistheoretischen Transformationsforschung wiederfindet).


So verstandene Autonomie bedeutet auch politische und ökonomische Gerechtigkeit – und andere Beteiligungsformen: Gleichheit und Freiheit sind eng verzahnt, da die Freiheit allen gleichermaßen zugänglich sein muss. Angesichts der Diversität individueller Zwecke und Ziele wird Demokratie somit zu einer unabdingbaren Voraussetzung für eine freie Gesellschaft. Gleichzeitig hat die Demokratie die freie Privatsphäre für ihre Mitglieder zu sichern und zu schützen. Auch die Wirtschaft soll vielfältig in ihren Produktions- und Organisationsformen sein. Um gleiche Chancen auf Teilhabe zu gewährleisten, sind wirtschaftliche Institutionen darauf auszurichten, allen ein ausreichendes Auskommen zu sichern, Wohlstands- und Machtgefälle zu verringern und die individuelle Autonomie zu erhöhen.


Wie Schmelzer & Vetter (2019, S.99) festhalten, ist Freiheit bzw. Autonomie nach Degrowth-Lesart somit kein Selbstzweck: „Nicht größerer Wohlstand oder die Steigerung der Weltreichweite (mehr Einkommen, Bildung, Mobilität etc.), aber auch nicht eine Steigerung von Autonomie, sondern die Qualität weniger, aber stabiler Resonanzachsen soll Richtschnur kollektiven und individuellen Handelns werden“. Anders als Florian Eichel in der ZEIT kürzlich behauptete, gibt die politische und intellektuelle Linke damit ihre Affinität zum utopischen Potenzial der Anarchie nicht auf. Im Gegenteil: das große Versprechen der Freiheit – das gelingende und fruchtbare Zusammenleben freier Menschen, die sich kollektiv nach dem Prinzip der Subsidiarität organisieren – wird mit einem derart geschärften Freiheitsbegriff überhaupt erst denkbar.


Fazit

Bei näherem Hinsehen ist Freiheit also beiden politischen Anliegen eine zentrale Säule – wenngleich sehr unterschiedlich verstanden und benannt. Der momentane „strategic turn“ der internationalen Degrowth Bewegung könnte auch bedeuten, sich zentraler Konzepte der bestehenden Gesellschaftsordnung bewusst zu bedienen und Überschneidungen, Antagonismen und neue Deutungsangebote zu entwickeln.


Der Horizont dessen, was Freiheit eigentlich meinen und ermöglichen könnte, geht dabei in einer Postwachstumsperspektive deutlich weiter als im Kapitalismus. Freiheit als individualisierende Marktverballhornung und Ellbogenmentalität hier, Freiheit als kollektive Befähigung und reflexiver Gemeinsinn da. Ein so gewendeter Freiheitsbegriff könnte zum Fluchtpunkt der Postwachstumsbewegung werden. Wachstumsabkehr bedeutet dann nicht mehr Reduktion und Anpassung anhand unvermeidlicher Grenzen; vielmehr ist sie ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem guten, wirklich freien Leben für alle.



[1] Anm.: Statt von „dem“ Degrowth bzw. „dem“ Postwachstum zu sprechen wäre es meines Erachtens angemessener, über Degrowth-Diskurse und -Ansätze zu sprechen (Gleiches gilt für „den“ Kapitalismus). Zur besseren Lesbarkeit wird hier darauf verzichtet.


Dieser Artikel erschien erstmals im Blog Postwachstum in der Reihe "Postwachstum und Kapitalismus: Ein Widerspruch?"

 




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