Politisch Fühlen, Politisch Handeln

Über die Rolle von Emotionen in aktivistischer Arbeit


von Lexy Ray


Politik wird häufig vor allem mit dem Kopf gemacht. Es geht um Positionen und Argumente, um Fakten und Prognosen, um Ziele und Strategien. Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass gerade auch das Herz den Weg zu einer gerechteren und freieren Gesellschaft weisen kann.

Gefühle sind allgemein Richtungshinweise für unser Handeln. Sie zeigen uns an, welche Handlungsstrategien geeignet sind, unsere Bedürfnisse zu befriedigen – und welche nicht. Wie sich die Kraft der Gefühle von der persönlichen auf eine politische Ebene übertragen lässt, möchte ich in diesem Beitrag anhand der Gefühle Freude, Angst, Trauer, Wut, Scham und Hoffnung diskutieren.


Freude

Freude zeigt uns an, wodurch wir die eigenen Bedürfnisse befriedigen können und motiviert uns zum Handeln.

In letzter Zeit hat sich mir der Eindruck aufgedrängt, dass mein Aktivismus vor allem durch Negativität angetrieben wird. Ich blicke in die Welt um mich herum und sehe all die Ungerechtigkeit, all das Leid und die Zerstörung – dem will ich etwas entgegensetzen! Doch häufig verrenne ich mich darin, immer nur gegen etwas zu kämpfen. Die Perspektive dessen, wofür ich eigentlich streiten will, gerät viel zu schnell aus dem Blick.

Wer sein Leben der politischen Veränderung widmet, entscheidet sich (bewusst oder unbewusst) für einen Daseinsmodus der Kritik: widerständig sein bedeutet, die Welt zunächst einmal nicht hinzunehmen, wie sie ist. Es bedeutet, vielen Dingen eine gewisse Grundskepsis gegenüber zu

bringen, nichts vorschnell zu akzeptieren, sondern lieber einmal zu viel nachzufragen. Diese Haltung ist grundsätzlich gesund und wichtig, denn sie verhindert, dass wir uns an soziale Normen anpassen, die nicht unseren Werten entsprechen. Allerdings laufen wir dabei auch Gefahr, einen Tunnelblick zu entwickeln, der nur noch das vermeintlich Schlechte in der Welt sichtbar lässt. Wer zu lange und zu stark auf das Negative fokussiert ist, verliert allmählich die Freude am Leben und der politischen Tätigkeit. Die eigene Arbeit wird dann letztlich nur noch durch Pflichtbewusstsein und Selbstaufopferung angetrieben.

Wie sähe ein Aktivismus aus, der primär von Freude angetrieben ist? Für die US-amerikanische Aktivistin Adrienne Maree Brown ist solch ein „Pleasure Activism“ von zentraler strategischer Bedeutung:


„to really transform our society, we will need to make justice one of the most pleasurable experiences we can have.“ (Brown, 2017, S. 33)


Mag das politische Ziel noch so wichtig und erstrebenswert erscheinen – wenn der Weg dorthin nur aus mühseliger und freudloser Arbeit besteht, werden wir nicht besonders weit kommen. Nur wenn wir es schaffen, Organisierungsformen und Praktiken zu finden, die sich für alle Beteiligten gut anfühlen, können wir unser eigenes Potential nachhaltig ausschöpfen und neue Mitstreiter*innen gewinnen. Politische Arbeit darf und soll Spaß machen!


Angst

Angst warnt uns vor Bedrohungen und bewahrt uns davor, zu große Risiken einzugehen.

Angst weißt uns darauf hin, dass eine potentielle Bedrohung bevorsteht – unser Nervensystem steht unter Stress und reguliert sich durch „Flucht“ oder „Kampf“. Ob wir eine sogenannte emotionsorientierte (Verdrängung/Anpassung) oder eine problemorientierte Bewältigungsstrategie (aktives Handeln) wählen, hängt unter anderen stark von der Verfügbarkeit über relevantes Handlungswissen ab ⁠(Hamann, Baumann und Löschinger, 2016, S. 85–86). Wenn wir Möglichkeiten sehen, einer bedrohlichen Situation konstruktiv entgegen zu wirken, dann kann Angst durchaus motivieren. Sehen wir diese Optionen nicht, dann lähmt sie uns eher. Gerade deshalb ist es wichtig, abstrakte politische Bedrohungsszenarien wie den Klimawandel oder den Aufstieg des Rechtspopulismus kollektiv zu besprechen. Wenn wir uns über Sorgen und Ängste austauschen, wenn wir Wissen miteinander teilen und gemeinsam nach Handlungsmöglichkeiten suchen, können wir der Lähmung entgehen.


Trauer

Trauer hilft uns die Dinge zu akzeptieren, die wir nicht ändern können.

In jedem politischen Kampf gibt es Momente, die wir nicht ungeschehen machen können. Wenn rechtsradikale Terrorist*innen Menschen ermorden, werden die Toten nie zurück ins Leben kommen, egal was wir tun. Es gibt auch solche Momente, in denen wir den Verlust zumindest temporär akzeptieren müssen. Wenn die Besetzung geräumt und der Wald gerodet ist, können wir zwar anderswo neue Baumhäuser aufbauen und neue Bäume pflanzen – doch das, was war, ist erst einmal verloren.

Es fällt nicht immer leicht, in diesen Momenten inne zu halten und die Trauer zu spüren. Gerade Aktivist*innen laufen Gefahr, Trauer mit Aktionismus zu begegnen und in ein überstürztes Handeln zu kommen, welches das eigene Gefühlserleben überdeckt. Doch wenn der Schmerz zu lange unterdrückt wird, bricht er früher oder später an einer anderen Stelle hervor. Natürlich ist es wichtig, sich auch durch Trauer nicht lähmen zu lassen und einen klaren Blick dafür zu bewahren, was wir wirklich akzeptieren müssen und was wir vielleicht doch ändern können. Doch wo Trauer angebracht ist, muss sie auch Raum finden können. Insbesondere dann, wenn wir Trauer und andere schmerzvolle Gefühle in einem empathischen Rahmen gemeinsam bearbeiten, kann daraus Kraft für ein problemorientiertes Handeln entstehen ⁠(Hamann, Baumann und Löschinger, 2016).


Wut

Wut hilft uns die Dinge zu verändern, die nicht unseren Bedürfnissen entsprechen und auf die wir Einfluss nehmen können.

Der Zustand unserer Welt bietet viele Anlässe, um wütend zu werden. Diese Wut über Ungerechtigkeiten und Zerstörung ist wichtig, da sie der weit verbreiteten Resignation und Gemütlichkeit gegenüber den Problemen unserer Zeit etwas entgegensetzt. Wut motiviert zum Handeln – sie setzt jedoch voraus, dass wir uns in Bezug auf ein bestimmtes Problem als handlungsfähig wahrnehmen, selbst wenn noch kein konkreter Weg in Sicht ist.

In der politischen Auseinandersetzung wird die Wut häufig gesellschaftlich delegitimiert. Die liberale Idealvorstellung von Politik als besonnenem Austausch von rationalen Argumenten weist wütende Äußerungen gerne pauschal als „unsachlich“ zurück. Darin zeigt sich nicht zuletzt die Macht der vorherrschenden Geschlechterordnung, welche Emotionalität und Weiblichkeit einander zuweist und den öffentlichen Raum von beidem abgrenzt. Dabei ist die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, häufig auch mit Privilegien verknüpft: nur wer von etwas nicht direkt betroffen ist, kann auch ganz

gelassen darüber sprechen. Wütend werden privilegierte Gruppen höchstens dann, wenn ihre Vormachtstellung infrage gestellt wird, wie z.B. die antifeministischen Aggressionen gegenüber der Aufdeckung von sexualisierter Gewalt von prominenten Männern. Es gilt daher, die Wut als politischen Affekt zu beanspruchen und gleichzeitig jene Formen von Wut, die schlichtweg auf unhaltbaren Ansprüchen beruhen, zu problematisieren.


Scham

Scham zeigt uns, dass wir gegen soziale Normen verstoßen und lässt uns darüber reflektieren, wie unser Verhalten auf andere wirkt.

Die eigenen Denk- und Verhaltensmuster zu reflektieren, ist ein wesentlicher Bestandteil von politischer Veränderung. Scham kann uns durchaus zu solchen Reflexionen anregen. Ich erinnere mich zum Beispiel noch sehr gut daran, wie ich als Jugendlicher in einem linken Jugendzentrum das Wort „schwul“ als Schimpfwort benutzt habe – und noch im selben Moment gemerkt habe, dass solch ein Verhalten in diesem Raum ziemlich unangebracht ist. Seitdem habe ich diese gewohnheitsmäßige Abwertung von Homosexualität nie wieder reproduziert.

Es ist jedoch äußerst fragwürdig, Scham als politische Taktik bewusst einzusetzen – wie dies z.B. im Diskurs um „Flugscham“ geschieht (Müller, 2019). Denn die meisten sozialen Normen dienen eher dazu, bestehende Machtstrukturen aufrecht zu erhalten. Frauen* werden z.B. für ihre Körperbehaarung und ihre sexuelle Lust beschämt, um sie dem männlichen Begehren unterzuordnen. Solche Schamerfahrungen sollten wir kritisch betrachten, ebenso wie die dahinter liegenden Normen. Generell trifft Scham vor allem diejenigen, die von der Normalität der Mehrheitsgesellschaft abweichen. Wer jedoch diesen Normalzustand kritisieren und verändern möchte, muss sich zwangsläufig der Abweichung stellen. Häufig werden in subkulturellen Räumen dann neue soziale Normen geschaffen, welche sich von gesellschaftlich vorherrschenden Normen abgrenzen und somit die eigenen Werte bekräftigen. Solche Normen können Identität und Gemeinschaft stiften, aber auch ausgrenzend wirken und zu exklusiven „Szene-Codes“ werden. Wenn dann Menschen beschämt werden, die eben vermeintlich nicht genug politisches Bewusstsein mitbringen, die nicht „woke“ genug sind, wird es wirklich problematisch. Um neue Mitstreiter*innen zu gewinnen und so breite Veränderung zu bewirken, sollten sich politische Bewegungen stattdessen auf empathische Aufklärung und die Begründungen bestimmter Positionen fokussieren.


Hoffnung


Welche Haltung zu unseren Bemühungen nach politischer Veränderung ist überhaupt angebracht, im Angesicht des Zustandes der Welt? Wir werden nie genau wissen können, ob es wirklich etwas bringt, nach Veränderung zu streben. Die Wirkungen unseres Handelns auf die Zukunft entziehen sich dem Griff des Verstandes.

In Anbetracht dieser fundamentalen Unsicherheit gibt es zwei Haltungen, die Klarheit schaffen – Pessimismus und Optimismus. Wer pessimistisch in die Welt blickt, ist sich bereits gewiss, dass ohnehin alles schlecht ausgehen wird und es keinen Sinn macht, zu handeln. Wer optimistisch in die Welt blickt, vertraut darauf, dass ohnehin alles gut ausgehen wird und der eigene Beitrag dazu nicht allzu wichtig ist. Beide Haltungen dienen letztlich als Rechtfertigung, gar nicht erst ins Handeln kommen zu müssen.

Dem entgegensetzen möchte ich eine Haltung des aktiven Hoffens. Diese Hoffnung ist moralisch begründet; sie


„hängt nicht von einer Beobachtung oder Analyse des Zustands der Welt ab. Hoffnung ist nicht dasselbe wie Prognose. Sie ist eine Orientierung des Geistes und des Herzens. […] Hoffnung, in diesem tiefen und mächtigen Sinne, ist nicht die Freude darüber, dass sich die Dinge zum Guten wenden. Auch nicht der Wille, Ressourcen in Dinge zu investieren, die Erfolg versprechen. Statt dessen ist Hoffnung die Bereitschaft, für ein Ziel zu arbeiten, nicht weil es das vielversprechendste, sondern weil es das richtige ist.“ (AusgeCO2hlt, 2021)⁠


So zu hoffen bedeutet, die grundsätzliche Kontingenz und Offenheit der Zukunft anzuerkennen, aber nicht an ihr zu verzweifeln. Es bedeutet, in die Wirksamkeit des eigenen Handelns zu vertrauen, ohne seine konkreten Auswirkungen bestimmen zu können. Aktive Hoffnung ist keine Voraussetzung des Handelns; sie wird durch Handeln geschaffen, sozusagen performativ erzeugt. Vielleicht ist die Hoffnung damit das grundlegendste politische Gefühl – sie macht die Veränderung der Welt zum Besseren überhaupt erst vorstellbar und letztlich greifbar.



 

Literatur
  • AusgeCO2hlt (2021) „Jenseits von Hoffnung und Zweifel – warum Aufgeben keine Option ist“.

  • Brown, adrienne maree (2017) Emergent Strategy. Shaping Change, Changing Worlds. Chico/Edinburgh: AK Press.

  • Hamann, K., Baumann, A. und Löschinger, D. (2016) Psychologie im Umweltschutz: Handbuch zur Förderung nachhaltigen Handelns.

  • Müller, T. (2019) „Klimawandel und Ethik: Gesetze statt Scham“, taz, August.

Lexy Ray