Nebelschwaden überm Sustainable-Finance-Diskurs


von Elsa Egerer


"Die Wirklichkeit macht keinen Sinn mehr. Romantisiere dich." So oder so ähnlich wirbt im Juni 2022 das Düsseldorfer Schumann Festival für sich. Dass ich dabei an Mark Carney denken muss, liegt wohl nicht nur an meiner assoziativen Geschäftigkeit, sondern an der Tatsache, dass ich seit gut einem Jahr an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung zu Sustainable Finance forsche.


Mark Carney & der Finance Day

Wer ist dieser Mann, an den ich bei der Klassik-Werbung denken muss? Man kann sich Mark Carney wie eine poppige Version von Caspar David Friedrichs Wanderer vorstellen, der als Lichtgestalt über einer bemerkenswerten Mischung aus öffentlich-privaten Sustainable-Finance-Nebelmeer schwebt und dieses gleichzeitig personifiziert. Er war Chef der kanadischen und der englischen Zentralbank, vorher bei Goldman Sachs, jetzt bei Brookfield Asset Management und ist gleichzeitig UN Special Envoy for Climate Action. "Make no mistake: the money is now there if the world truly wants to address climate change", verkündete Mark Carney auf dem Glasgow Finance Day im Rahmen der Klimakonferenz 2021 (COP26). Man könnte verstehen: Die Finanzmärkte sind am Start, aber die Welt noch nicht.


Persönlich bin ich bereits über die Existenz einen solchen Finance Days mit starker Präsenz der Finanzlobby ­­auf einer Kimakonferenz also den Kontext der Rede selbst irritiert. Übrigens bezeichnet nicht nur die kritische Ökonomieprofessorin Daniela Gabor den Tag als Private Finance Day. Umso mehr irritiert bin ich, wenn ich die cineastische Inszenierung der Veranstaltung auf mich wirken lasse, aber das mag auf meine deutsche Sozialisation zurückzuführen sein.


Foto des COP26, der 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow 2021. Mehrere Personen sitzen auf einer Tribüne und schauen nach links oder auf ihre technischen Geräte.

Ich möchte mich hier aber vor allem dem Eindruck der inhaltlichen Dissonanz widmen. Tatsache ist, dass eben nicht ausreichend Geld für Klimaschutz und Klimafolgenanpassung bereitgestellt wird. Es ist dieses Gefühl von innerem Widerspruch, was die Auseinandersetzung mit den zuversichtlichen Sustainable Finance Narrativen und das gleichzeitige Wissen um unser faktisches klimapolitisches Versagen regelmäßig bei mir auslöst.


Sustainable Finance als finanzialisierter Diskurs

Ich vertrete die These, dass wir es bei Sustainable Finance in großen Teilen mit einem finanzialisierten Diskurs zu tun haben. Damit meine ich, dass der Finanzmarkt sich einmal mehr um sich selbst dreht. Sustainable Finance bildet im dominanten Diskurs die Integration zweier Frames ab. In Anlehnung an Andreas Dimmelmeier (2021) verkürze ich diese auf: "Die Klimakrise birgt Risiken für Finanzmarktakteure und die Stabilität des Finanzsystems" (Risikoansatz) und "Der Staat hat nicht genug Geld für die Transformation, deswegen muss das privat finanziert werden." (Climate Finance). Es geht also im dominanten Diskurs entweder um die Frage der "Nachhaltigkeit" des Finanzsystems oder um Klimanachhaltigkeit, wobei diese aus einer verengten mainstream-ökonomischen Perspektive adressiert wird. Damit meine ich ein Konstrukt aus impliziter Loanable-Funds-Argumentation, Effizienmarkthypothese, Gleichgewichtsdenken und Konsumenten- bzw. Anlegendensouveränität, in dem Sustainable Finance vor allem als Informationsproblem interpretiert wird. Nicht nur Mark Carney suggeriert nun, dass die Frage der Klimafinanzierung sowie der drohenden grünen Finanzmarktkrise gemeinsam gelöst werden können. Dafür brauche es nur (!) zukunftsorientiertes Risikomanagement (z. B. Stresstests), Transparenz und staatliche Absicherung, um Investitionsprojekte bankfähig zu machen.


Zunächst ist der Climate Finance Frame an sich zu problematisieren, da er die gegebene fiskalpolitische Handlungsfähigkeit des Staates negiert. Dass nicht genug öffentliches Geld für Klimafinanzierung zur Verfügung steht, ist eine politische Entscheidung. Zudem ergibt sich, insbesondere wenn Finanzierungsströme von reichen in arme Länder gelenkt werden, die Problematik, dass wackelige Schuldentürme weiter in die Höhe wachsen und der politischen Handlungsfähigkeit von durch die Klimakrise besonders betroffenen Ländern engste Grenzen gesetzt werden. Private Finanzierungsflüsse gehen zudem häufig mit staatlicher Risikoabsicherung einher (Gabor 2020), was mutige Sozial- und Klimapolitik einschränken kann. Investorenschutzklauseln können z.B. aus Sorge vor teuren Klagen zu einem präventivem Weiterso führen. Nicht neu, aber nach wie vor besonders verwerflich ist, dass es unter dem Label "Entwicklungs"hilfe um Gewinnmargen privater Akteur:innen geht.


Ich möchte hier jedoch eine weitere Problematik herausarbeiten. Die Integration verschiedener Zielsetzungen in einem gemeinsamen Sustainable Finance Frame ist problematisch, da verwässert wird, um was es eigentlich geht. Denn unter dem Narrativ des Klimaschutzes werden schwerpunktmäßig andere Ziele verfolgt.


Klimapolitische Maßnahmen werden zu „transformativen Risiken“ für Investitionen

Das Gros des Diskurses aber auch der gegenwärtig zunehmenden Praktiken stammt aus dem Risikoansatz, welcher den Klimawandel als Schock von außen versteht. Der Risikoansatz ist nicht auf die Frage der Klimafinanzierung ausgelegt. In nicht unerheblichem Maße geht es im Sustainable Finance Kontext um Praktiken zur Umschichtung alter Investments. Adressiert werden dabei Nachhaltigkeitsrisiken, die sich für das jeweilige Finanzinstitut ergeben. (Auch) die Ausrichtung von Portfolios anhand von Temperaturzielen (sog. Portfolio Alignment) eignet sich kaum als wirkungsvolles Instrument gegen die Klimakrise (Vgl. z. B. Diskussion bei Raynaud 2020). Portfolio Alignment Aktivitäten einzelner Investoren stellen weder die Finanzierung von Klimaschutz- oder Klimaanpassungsinvestitionen sicher, noch eignen sie sich zur Unterbindung neuer Finanzierungsflüsse in fossile Industrien. Dies wären jedoch aus klimapolitischer Sicht zentrale Zielsetzungen.


Der dominante Risikoansatz adressiert vor allem die Frage, welche Risiken die Neubewertung von (alten) fossilen Investments für einzelne Unternehmen und die Finanzmarktstabilität darstellen. Diese Neubewertungen könnten erfolgen, wenn politisch stärkere Maßnahmen ergriffen würden, was mit dem Schlagwort „transformative Risiken“ beschrieben wird. Klimapolitisches Handeln wird so zum Risiko. Sicherlich ist Finanzmarktstabilität in einem finanzkapitalistischen System für alle Wirtschaftsteilnehmenden von existenzieller Wichtigkeit. Gleichzeitig ist zu problematisieren, dass "transformative Risiken" für den Finanzsektor politische Handlungsspielräume für aktive Klimapolitik einschränken.


Zustimmen möchte ich Mark Carney in seiner Aussage, dass an den Finanzmärkten genug Geld vorhanden ist. Ich würde wagen zu sagen: Zu viel! Es existiert keine Finanzierungslücke für kapitalmarktfähige grüne Finanzanlagen. Das heißt jedoch nicht automatisch, dass die notwendigen Investitionen finanziert werden. Eine grüne Geldgießkanne wird weder dafür sorgen, dass nicht profitabel kalkulierbare, aber für die Transformation notwendige Projekte privat finanziert werden, noch erreicht sie notwendigerweise innovative kleinere Unternehmungen.


Luftaufnahme einer weite Fläche voller Solarpanels inmitten einer grünen Landschaft.

Sustainable Finance lässt sich auch anders denken

Unter dem Stichwort Sustainable Finance passiert gleichzeitig viel, was im Hinblick auf die Transformation begrüßenswert ist. Wirkungsorientierte Praktiken, wie z. B. die aktive Einflussnahme von Investor:innen auf das Unternehmensmanagement mit dem Ziel Nachhaltigkeit zu stärken (Engagement) finden sich dabei schon in den Ursprüngen von Sustainable Finance - der Praxis von Social Responsibility Investment bzw. dem ethischen Investieren. Selbiges betont die Verantwortung von Finanzmarktakteur:innen. Eine Rückbesinnung auf die Perspektive des ethischen Investierens könnte auch hinsichtlich der Transformationsaufgabe sinnvoll sein. So stellt sich z. B. für das Ziel pragmatischer Transparenz die Frage, ob einfache Positivlisten ausgereiften Modellierungen tatsächlich unterlegen sind. Obgleich von staatlicher Seite keine granulare Transformationspläne zur Verfügung gestellt werden, die die Frage beantworten würden, wer wann wie viel reduzieren muss – und ja, das wäre äußerst sinnvoll – lässt sich zumindest grob sagen, wo mehr investiert werden müsste, um die gesetzten Klimaziele möglicherweise noch im Ansatz erreichen zu können. Hier spricht meines Erachtens einiges für Positivlisten. Gleichzeitig wissen wir auch, was nicht finanziert werden sollte. Wie wäre es denn mit verpflichtenden Negativlisten für neue Finanzierungen?

Ein persönlicher Bezug zum Sustainable Finance Thema ist auch, dass die Suche nach einer Altersvorsorge mit gutem Gefühl für mich und meine Familie herausfordernd ist. Das ist erstaunlich, da Sustainable Finance boomt. Vieles ist für mich als Kleinstanlegerin nicht zugänglich, Zugängliches mir nicht wirksam genug oder fällt unter Risikogesichtspunkten durchs Raster.


Meines Erachtens könnte der Sustainable Finance Diskurs neben der Rückbesinnung auf seine Ursprünge, also die Verantwortungsfrage, mehr Fantasie und Gestaltungsmut vertragen. Zurecht kritisiert z. B. Daniela Gabor (Gabor, 2021, 2020) den De-Risking Ansatz im Sinne einer extraktivistischen privaten Bereicherung. Aber, wir könnten öffentlich-private Finanzierung auch anders denken, z. B. im Sinne des Verantwortungseigentums mit gesetztem Projektziel. Wie wäre es denn mit einer öffentlich-privaten Partnerschaft zur gemeinwohlorientierten transformativen Daseinsvorsorge? Grundfinanzieren könnte sich diese z. B. über eine staatliche Einlage und die Ausgabe von Aktien, wobei die Stimmrechte limitiert werden könnten oder jede natürliche oder juristische Person nur eine begrenzte Anzahl von Aktien halten darf. Und vielleicht wäre ja die Hebelung über eine nullverzinsten Suffizienzanleihe möglich, die statt auf Rendite auf Werterhaltung setzt? Im Sinne des Zwiebelprinzips, d. h. die Finanzierung wäre haushaltsrechtlich nicht als Schuld zu kalkulieren, wäre so außerdem sichergestellt, dass zusätzliche Finanzierungsflüsse generiert werden.


Zurück zur Romantik: Vielleicht hilft uns die Kunst von der sinnwidrigen Realität zu pausieren. Wir können diese Flucht auf Zeit auch als Selbstfürsorge deuten. Sie kann uns Kraft geben, z. B. um unserer Wut über Widersprüche und Ungerechtigkeit, Gehör zu verschaffen und Realitäten sinnhafter zu gestalten. Ich persönlich wünsche mir ein gefühlvolles, konstruktives Denken in dieser Realität – nicht nur, aber auch zu Finanzmarktthemen.


 

Literatur
Hintergrund