Monetärer Wachstumszwang – Was ist dran?

Eine Diskussion verschiedener wirtschaftswissenschaftlicher Strömungen


Von Gesa Marken


Die Verwendung von Geld ist in unserer heutigen Gesellschaft allgegenwärtig und selbstverständlich. Zusammen mit den zwei anderen großen Entdeckungen und ‚Innovationen‘ der Menschheit – dem Feuer und dem Rad – soll es die moderne Zivilisation überhaupt erst möglich gemacht haben (vgl. Daly/Farley 2010). Doch trotz ihrer immensen Bedeutung scheint die Verwendung des Geldes heute sowohl ein Rätsel als auch ein Problem zu sein.


Der Geldforscher Geoffrey Ingham stellt zum Beispiel fest: “Money is a puzzle. […] In general, writers on money tend to express perplexity” (1996, 507 [222]). Und auch die Ökologischen Ökonomen Herman Daly und Joshua Farley erklären: “Money is mysterious. […] Anyone who is not confused by money probably hasn’t thought about it very much” (2010, 285). Deswegen scheint es nicht verwunderlich, dass auch in der Frage, ob das heutige Geldsystem einen Wachstumszwang hervorruft, Uneinigkeit herrscht.


Das Geldsystem, wie es heute funktioniert, wird von Kritiker*innen durch drei Kernannahmen problematisiert:

  1. Das heutige Geldsystem verursacht einen inhärenten Wachstumszwang der Wirtschaft.

  2. Eine stetig wachsende Wirtschaft übersteigt planetare Grenzen und ist somit weder sozial noch ökologisch oder ökonomisch nachhaltig.

  3. Um eine vom Wachstum unabhängige und sozialökologisch nachhaltige Wirtschaft zu erreichen, bedarf es der Transformation des Systems, wie heute Geld geschaffen und verwendet wird.

Wirtschaftliches Wachstum – gemessen als steigendes Bruttoinlandsprodukt (BIP) – wird damit als Ursache für die heutige Klimakrise, zunehmende Ressourcenausbeutung und Umweltzerstörung gesehen.


Der Zusammenhang zwischen Geldsystem und Wirtschaftswachstum ist in den Wirtschaftswissenschaften jedoch umstritten. In diesem Beitrag sollen die Erkenntnisse der verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Strömungen der Neoklassik, der Ökologischen Ökonomik, des Post-Keynesianismus und des Institutionalismus genauer beleuchtet werden, um herauszufinden, inwiefern die Annahme eines ökologisch destruktiven Wachstumszwangs im heutigen Geldsystem haltbar ist.


Die Mythen der Neoklassik


Werfen wir einen Blick in ein gängiges Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre, finden wir eine Definition von Geld als „all das, was als allgemein anerkanntes Tausch- oder Zahlungsmittel dienen kann“ (Samuelson/Nordhaus 1998, 557). Außerdem dient Geld den Lehrbüchern zufolge als Rechnungseinheit und Wertaufbewahrungsmittel. Die Tauschmittelfunktion ist die bedeutendste: Die Gesellschaft wird als Tauschhandelsgesellschaft verstanden, in der Geld die Unannehmlichkeiten der Tauschgeschäfte vereinfache. So könne zum Beispiel das Fehlen der “double coincidence of wants” (Ingham 1996, 513) – also dass der Bäcker just in dem Moment sein Brot gegen Milch tauschen will, wie der Bauer Milch gegen Brot – durch die Verwendung von Geld überwunden werden.


Geld dient im neoklassischen Verständnis also als Hilfsmittel oder anders gesagt als „Schmiermittel“ (Samuelson/Nordhaus 1998, 56) für den ‚Motor der Wirtschaft‘. Darüber hinaus habe Geld keine weitere nennenswerte Bedeutung, denn die tatsächlichen wirtschaftlichen Aktivitäten würden nicht vom Geld beeinflusst. Geld lege sich lediglich wie ein Schleier über die Wirtschaft. Der Ökonom Joseph A. Schumpeter erklärt: “[Money] does not affect the economic process, which behaves in the same way as it would in a barter economy” (2006 [1954], 264). Es wird angenommen, Geld sei neutral – ohne Einfluss auf die wirtschaftlichen Prozesse. Daher sei es auch nicht notwendig, Geld in den ökonomischen Modellen miteinzubeziehen – ja, es scheint sogar eine Bedingung, Geld nicht als Bestandteil der Modelle zu sehen, da der Schleier des Geldes entfernt werden müsse, um die zugrundeliegenden Tauschhandelsakte analysieren zu können.


Wer über Geld spricht, muss auch über Banken reden. Banken haben in der neoklassischen Lehre die Rolle der Finanzintermediäre. Das heißt, sie werden als Vermittler zwischen den Akteuren des Marktes, die entweder Geld leihen oder verleihen möchten, verstanden. Geld werde in der Gesellschaft dadurch verbreitet, dass Geschäftsbanken die Einlagen von Haushalten und Unternehmen erhalten und diese als Kredite weitergeben (vgl. Jäger/Springler 2015). Die Ausgabe von Krediten werde dabei von der gesetzlichen Verpflichtung, Mindestreserven bei der Notenbank zu halten, begrenzt. Mit der Festlegung der Mindestreserve und der Bereitstellung der Geldbasis könne die Zentralbank somit die Geldmenge einer Volkswirtschaft steuern (vgl. ebd.; Ament 2019). Die Geldmenge im Umlauf könne das Preisniveau beeinflussen, habe aber keine Auswirkungen auf den makroökonomischen Output bzw. das gesamtwirtschaftliche Einkommen (vgl. Jäger/Springler 2015). Zwar könne Geldschöpfung kurzfristig Schwankungen in der Höhe des Bruttoinlandsproduktes (BIP) auslösen, doch langfristig sei das Geld neutral und exogen und beeinflusse nicht die dauerhaften Entwicklungen einer Volkswirtschaft (vgl. Binswanger 2015; Svartzman et al. 2020).


Wenn das Geld und die Geldschöpfung keine Auswirkungen auf die tatsächliche Produktion von Gütern und Dienstleistungen und somit auch nicht auf das Wachstum einer Wirtschaft haben, kann nicht von einem Wachstumszwang durch das Geldsystem gesprochen werden. In den Worten des Ökonomen Robert Solow: “,[…] There is nothing intrinsic in the system that says it cannot exist happily in a stationary state’” (Solow zitiert in: Stoll 2008, 92).


Entschleierung des Mythos


Doch nicht alle stimmen den neoklassischen Analysen zu. Tatsächlich beginnt die Annahme, dass das moderne Geldsystem einen ökologisch destruktiven Wachstumszwang verursache, mit der Verabschiedung der neoklassischen Theorie und der Aufklärung darüber, wie Geld heute tatsächlich geschaffen wird.


Denn Geld ist nicht, wie angenommen, ein Gut, das wie jede Ware gegen etwas anderes eingetauscht werden kann – nur mit praktischeren Eigenschaften, neutral und exogen. Im Gegenteil: Geld ist endogen und hat einen Einfluss auf die realwirtschaftliche Sphäre. Banken nehmen nicht die Rolle von Finanzintermediären ein, die lediglich Einlagen verleihen, sondern sie schaffen selbst Geld – aus dem Nichts (vgl. Jäger/Springler 2015; Binswanger 2015). Sie tun dies, wenn sie Haushalten oder Unternehmen nach Prüfung ihrer Kreditwürdigkeit einen Kredit gegen einen Zinssatz gewähren. Die Vergabe des Kredits ist eine Verschuldungsposition, die sowohl in Form einer Gutschrift auf dem Konto des Kreditnehmenden als auch als Forderung auf dem Konto des Kreditgebenden – der Bank – geschaffen wird. Damit entsteht neues Geld ‚aus dem Nichts‘ (ex nihilo), welches in der Wirtschaft zum Beispiel für Konsum oder Investitionen genutzt werden kann.


Wenn von der Geschäftsbank für die vergebenen Kredite mehr Reserven benötigt werden, um die gesetzlichen Mindestreserveanforderungen einzuhalten, können diese Reserven von der Notenbank gegen einen festgelegten Zinssatz erhalten oder auf dem Interbankenmarkt beschaffen werden. Dies geschieht jedoch erst nach der Bewilligung des Kredits.


Wird der Kredit vom Kreditnehmenden zurückgezahlt und die Verschuldungsposition aufgelöst, wird das Geld wieder vernichtet (vgl. Douthwaite 2012). Bei der Geldmenge kommt also es auf die Nettokreditvergabe an. Die Geldmenge erhöht sich, wenn mehr Kredite von Geschäftsbanken vergeben werden, als Kredite zurückgezahlt werden (vgl. Binswanger 2015).


Inhärenter, unumkehrbarer Wachstumszwang?


Aus dieser Art und Weise der Geldschöpfung, als zinstragendes Schuldgeld, ergibt sich die ökologische Problematik, die insbesondere von Ökologischen Ökonom*innen und Postwachstums-Vertreter*innen thematisiert wird. Wenn Geld in Form von Krediten geschaffen wird, müssen Akteure für die Tilgung des Kredits und für die Begleichung des Zinses mehr Geld zurückzahlen als zuvor geschaffen wurde. Dafür müssen sie einen Profit erwirtschaften und die Wirtschaft muss wachsen (vgl. Farley et al. 2013; Parrique 2019).


Eine immer weiterwachsende Wirtschaft stellt Ansprüche auf die Nutzung von Ressourcen und Energie in der Zukunft. Während Schulden exponentiell wachsen können, können es die Quellen von Ressourcen und Energie auf der Erde nicht (vgl. Farley et al. 2013). Deswegen wird eine weiterwachsende Wirtschaft früher oder später an die ökologisch-physikalischen Grenzen des Wachstums stoßen. Der Zins wird damit als Ursache für den Zwang einer weiterwachsenden Wirtschaft verstanden.


Eine nicht-wachsende Ökonomie im modernen Geldsystem


Vertreter*innen einer post-keynesianisch geprägten Ökologischen Ökonomik sind jedoch überzeugt, dass es keiner radikalen Transformation des heutigen Geldsystems bzw. der Abschaffung des Zinses oder des Schuldgelds bedarf, um eine nicht-wachsende und damit nachhaltigere Gesellschaft zu erreichen.


Mithilfe verschiedener Modellierungen der Wirtschaft im heutigen Geldsystem erklären sie, dass positive Zinssätze nicht zwingend zu einem Wachstum des wirtschaftlichen Outputs und gesamtwirtschaftlichen Einkommens führen müssen. Generell gehen sie davon aus, dass nicht das Geldangebot der Auslöser einer steigenden Produktion und damit wirtschaftlichen Wachstums sei, sondern steigende Produktion oder steigende Preise einem höheren Geldangebot bedürfen. Die Ökonomen Luison Cahen-Fourot und Marc Lavoie konstatieren: “the rise in production takes shape in the mind of producers before money is created and is effectively realized when credit is granted and money is created to finance it” (2016, 165).


Die Modelle der beiden Ökonomen zeigen, dass die Bedingung für eine nicht wachsende Wirtschaft eine konstante Schulden- sowie Outputmenge und konstante Preise wären. Das Steigen des Schuldenbestands und der Geldmenge wäre allein von den Entscheidungen der Akteure abhängig. Eine stationäre Wirtschaft, die ökologisch verträglicher wäre, scheint realisierbar (Jackson/Victor 2015). Ein inhärenter Wachstumszwang im Sinne von “no room for maneuver” (Richters/Simoneit 2017, 122) könne nicht nachgewiesen werden.


Zweifel an einer sozial-ökologischeren Gesellschaft in einer kapitalistisch-organisierten Ökonomie


Viele Vertreter*innen einer post-keynesianischen Ökologischen Ökonomik geben wichtige Hinweise für einen Übergang in eine nicht-wachsende, sozial-ökologischere Wirtschaft. Doch die Schlussfolgerung, dass das heutige Geldsystem ja nicht zwangsläufig zu einem Wachstumszwang führen müsse und es vielmehr um die Entscheidungen der Akteur*innen in der Wirtschaft gehe und darum, was mit dem Geld gemacht werde, birgt eine Gefahr: Sie verleitet zu der Vorstellung, mit den richtigen Investitionen in ‚grüne‘ Sektoren eine nachhaltigere Wirtschaft schaffen zu können. Hier nicht in ein ‚Green Economy‘ und ‚Green Growth‘ Narrativ abzurutschen, ist schwierig.


Ökonom*innen, die eine institutionell-historische Sichtweise vertreten, haben in den letzten Jahren den Einfluss des Post-Keynesianismus auf die Ökologische Ökonomik genauer untersucht und festgestellt:


“Ecological economics has largely consisted in applying and at times imposing – albeit probably unconsciously – a certain vision largely influenced by post-Keynesian theory, to address ecological issues that require alternative ontological and epistemological approaches” (Svartzman et al. 2019, 109).

Zum Beispiel wird ökonomisches Wachstum im Post-Keynesianismus als etwas generell Positives bewertet und die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts häufig als Indikator für wirtschaftliche Entwicklung herangezogen. Kann eine ökonomische Strömung, die Wachstum als erstrebenswert erachtet und die sozial-ökologischen Auswirkungen ausblendet, nach den tatsächlichen Ursachen des Problems adäquat suchen?


Auch der positivistische, quantifizierte Zugang des Postkeynesianismus, welcher versucht, die realen Phänomene der Wirtschaft in Geld- und Zahlungsströmen und Modellen darzustellen, sollte – auch wenn er für rein finanzielle Themen Sinn ergeben kann – für die Analyse einer sozial-historisch eingebetteten Wirtschaft und ökologisch-ökonomischer Zusammenhänge hinterfragt werden. Der Ökonom Spash fasst zusammen: “The continued support for mathematical formalism and quantification as providing the sole means to scientific rigour and validity is damaging to an alternative vision for ecological economics” (2012, 45). Wie können also Faktoren wie menschliches Wohlergehen und ökologische Qualität über Arbeitslosenquoten und die Quantifizierung von CO2-Emissionen hinaus in ökonomischen Analysen miteinbezogen werden?


Wachstumstreiber überwinden


Um auf die Frage des monetären Wachstumszwangs zurückzukommen: Auch wenn Zustände der Wirtschaft in ihrer aktuellen Organisation modelliert werden können, die nicht auf Output- und Einkommenssteigerungen angewiesen sind und damit keinem Wachstumszwang unterliegen, ist das verzinste Schuldgeld nicht trennbar von heutigen Produktionsdynamiken und -beziehungen oder von der Kapitalakkumulation. Die Anerkennung des Zinses auf Schulden stellt einen “historical turning point” (Fantacci 2010, 79) dar: Durch die Institutionalisierung des zinstragenden Schuldgeldes wurde im Mittelalter die Funktion des Geldes als Wertaufbewahrungsmittel legitimiert. Somit findet der Anreiz, Geld zu sparen und zu akkumulieren, seinen Ursprung in der Etablierung des zinstragenden Schuldgeldes (vgl. Svartzman et al. 2020).


Heutiges Geld ist sowohl öffentlich als auch privat: Der Staat legt zwar die Geldeinheit fest und regelt durch das Erheben von Steuern die Verwendung dieser Währung. Doch überlässt der Staat die Geldschöpfung den Geschäftsbanken, welche das Ziel der Profitmaximierung verfolgen. Damit ist in der Art, wie Geld geschaffen und in den Umlauf gebracht wird, bereits das Element der Kapitalakkumulation und des Wachstums angelegt. Auch wenn die Konditionen einer nicht-wachsenden Wirtschaft in den post-keynesianisch geprägten Modellen theoretisch zu erreichen sind, ist das Eintreten dieser Szenarien weder praktisch wahrscheinlich (vgl. Parrique 2019), noch aus einer institutionell-historischen Perspektive logisch (vgl. Svartzman et al. 2019). Die Ökonomen Svartzman et al. bringen es auf den Punkt: “The generalized issuance of money at interest, and the will of agents to endlessly accumulate that money, are thus two sides of the same coin” (2020, 279).


Auch wenn dieser Beitrag keine eindeutige Antwort auf die Frage eines inhärenten und unausweichlichen Wachstumszwangs im modernen Geldsystem geben kann, so kann eine institutionell-historisch begründete Wachstumsdynamik nicht abgestritten werden. Um die Zusammenhänge zwischen Gesellschaft, Wirtschaft, Wachstum, Politik und sozial-ökologischen Auswirkungen besser analysieren und sozial-ökologisch destruktive Wachstumstreiber überwinden zu können, braucht die Ökologische Ökonomik eine adäquate ökologische Geldtheorie. Dabei sollte sie weder den Fehler machen, sich von den Mythen neoklassischer Ökonomik verleiten zu lassen, noch sich auf den – zwar durchaus wichtigen und relevanten, aber den sozial-ökologischen Ansprüchen nicht genügenden – Vorarbeiten des Post-Keynesianismus auszuruhen.


Eine fundierte Geldtheorie der Ökologischen Ökonomik und der Postwachstums-Ökonomik ist besonders wichtig, um zu vermeiden, vorschnelle Schlüsse über Transformationswege abzuleiten. Ein wichtiger erster Schritt wäre, das heutige Geldsystem zu problematisieren und dennoch anzuerkennen, was Geld heute ist und schon immer war: Schuldgeld – eine souveräne Rechnungseinheit, welche zur Bezifferung von Krediten dient und alle öffentlichen und privaten Schulden begleichen kann.


 

Literatur