Media Guide: Ökonomisierung

Ständig ist die Rede von der Ökonomisierung unserer Lebenswelten, aber was steckt eigentlich hinter diesem Buzzword?


Von Sebastian Möller


Wir leben, lieben und lernen in einer ökonomisierten Welt, also in einer Welt, die zunehmend von wirtschaftlichen Zwängen, Motiven, Sprech- und Denkweisen durchdrungen wird: Krankenhäuser werden privatisiert und nach betriebswirtschaftlichen Erwägungen geführt, Bildung wird unter den ökonomischen Frames von Humankapital und Wettbewerbsfähigkeit verhandelt und schrittweise zu einer Ware, eine ganze neue Branche von Life Coaches und Influencern will uns bei der permanenten Selbstoptimierung „helfen“, im Fußball wird der Marktwert von Spieler:innen manchmal mehr diskutiert als ihre Spielzüge, Arbeitszeit und Leistungsdruck weiten sich u.a. durch home office, permanente Erreichbarkeit und kontinuierliche Beschleunigung immer weiter aus, Mensch-Umwelt-Beziehungen werden als „Ökosystemdienstleistungen“ diskutiert und selbst unser Datingverhalten unterliegt auf entsprechenden Plattformen zunehmend den quantifizierten und wettbewerbsförmigen Logiken. Können all diese verschiedenen Phänomene und Dynamiken wirklich angemessen als Ausdrucksformen eines gemeinsamen Prozesses beschrieben werden? Hilft uns ein Begriff, der so verschiedene Aspekte auf einen gemeinsamen Nenner bringt, wirklich weiter? Diese Frage diskutieren wir jedes Jahr aufs Neue in unserem Seminar „Gegenwartsreflexion“ und ich will hier gar keine Antwort vorwegnehmen (auch weil ich mir da selbst gar nicht so sicher bin).

Im Grunde ist „Ökonomisierung“ ein Containerbegriff bzw. eine Begriffswolke, mit dem/der verschiedene, aber ähnliche Phänomene des Eindringens ökonomischer Logiken in vorher nicht ökonomische Lebensbereiche und der Entbettung (disembedding) ökonomischer Aktivitäten aus ihren gesellschaftlichen Kontexten beschrieben werden können. Diese begriffliche Breite hat u.a. den Vorteil der Sichtbarmachung von Gemeinsamkeiten in akademischen und politischen Diskursen. Der Nachteil dabei ist dann aber eine geringere analytische Schärfe oder anders gesagt, eine eher platte, weil wenig passgenaue bzw. detaillierte Kritik. Dafür brauchen wir wiederum „kleinere“ Begriffe, die bestimmte Teilaspekte von Ökonomisierung hervorheben und die Suche nach Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen erleichtern (wie z.B. Quantifizierung, Managerialisierung, Finanzialisierung, Privatisierung, Kommerzialisierung). Man könnte sagen, Ökonomisierung hat sich von einem Nicht-Begriff (also etwas, für noch gar keinen Begriff etabliert ist) zu einem essentially contested concept gewandelt (also einem grundlegend umstrittenen bzw. umkämpften Begriff). Ökonomisierung ist also (genauso wie etwa der durchaus verwandte Begriff „Neoliberalismus“) in gewisser Weise ein Kampfbegriff (was gar nichts Schlimmes sein muss).


Er ist aber auch (und das finde ich viel wichtiger) ein Prozessbegriff, darauf verweist ja die Endung -ierung. Das Hervorheben des Prozesshaften ist insofern wichtig, als dass es unseren Blick nicht nur für die Gewordenheit, sondern gerade auf für die dynamische Veränderbarkeit, also Gestaltbarkeit sozialer Phänomene öffnet. Und schließlich ist Ökonomisierung schlicht eine kritische Zeitdiagnose und Bestandsaufnahme, die wir mehr oder weniger teilen können und die uns per se noch nichts über Ursachen und Triebkräfte verrät und im Grunde auch offenlässt, was genau unter „ökonomisch“ oder „Wirtschaft“ zu verstehen ist. Phänomene der Ökonomisierung werden oft mit dem Topos des Verlustes oder der Verdrängung beschrieben: Ökonomisierung zwingt einem gesellschaftlichen Bereich ihm eigentlich fremde Regeln und Praktiken auf, wodurch sein eigentliches Wesen verloren geht oder verdrängt wird. Das Schlimme dabei ist, dass es uns mittlerweile oft schwerfällt, für diesen eigentlichen Kern noch eine angemessene und verständliche Sprache oder geteilte Bilder zu finden, da sich Ökonomisierung eben nicht nur auf der materiellen Ebene abspielt, sondern sich auch auf unsere Sprache, unser Denken und unsere Imaginationsfähigkeit auswirkt. Eine Beschäftigung mit Ökonomisierung kann uns dabei helfen, diese Veränderungen wahrzunehmen und ihnen entgegenzuwirken.


Im Folgenden stelle ich euch ein paar Medien vor, die mir selbst auf diesem Weg helfen oder geholfen haben. Ich lasse dabei bewusst die großen und viel besprochen Klassiker, wie z.B. Polanyis Great Transformation, Senetts flexibler Mensch, Boltanskis und Chiapellos neuer Geist des Kapitalismus oder Bröcklings unternehmerisches Selbst, raus (die natürlich alle wichtig und lesenswert sind). Hier stelle ich euch eher eine recht subjektive (und dadurch natürlich total unvollständige) Liste zusammen, die auch meinen bisherigen akademischen Weg reflektiert. Gleichzeitig bin sehr gespannt auf eure Tipps und Ergänzungen in den Kommentaren.


Ausstellung: Wir Kapitalisten

Auf dem Weg zu meinem Vorstellungsgespräch an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung habe ich im Sommer 2020 die Ausstellung „Wir Kapitalisten: Von Anfang bis Turbo“ in der Bundeskunsthalle in Bonn besucht. Dabei handelte es zwar nicht um eine Ökonomisierungs-Ausstellung im engeren Sinne (wenn es so etwas überhaupt gibt oder gab), aber die zahlreichen historischen und zeitgenössischen Objekte und Bilder geben trotzdem einen tollen Einblick in die jüngere Kulturgeschichte des Kapitalismus und die weitreichenden Veränderungen in der kapitalistischen Moderne. Nichts am Kapitalismus oder Neoliberalismus, der in der Ausstellung auch zur Sprache kommt, ist selbstverständlich oder natürlich. Alles ist gemacht und erklärungsbedürftig. So eine Ausstellung wirft natürlich mehr Fragen auf, als sie beantwortet, aber genau darin kann ja auch eine enorme Bereicherung liegen. Leider ist die Ausstellung vorbei, aber ihr könnt euch die digitale Ausstellungsführung ansehen.



Den sehr lesenswerten Begleitband zur Ausstellung (u.a. mit Beiträgen von Robert Misik, Vandana Shiva, Ulrike Hermann und Jens Beckert) könnt ihr übrigens günstig bei der Bundeszentrale für Politische Bildung bekommen: https://www.bpb.de/shop/buecher/zeitbilder/305706/wir-kapitalisten/.


Sammelbände: Graf 2019 & Hauser/Merz 2021

Die beiden sozialwissenschaftlichen Sammelbände, die ich euch als nächstes vorstelle, habe ich im Kontext meiner Lehre im Modul Gegenwartsreflexion an der Cusanus Hochschule kennen und schätzen gelernt. Der Band „Ökonomisierung. Debatten und Praktiken in der Zeitgeschichte“ (Graf 2019) wurde von Rüdiger Graf herausgegeben und beinhaltet viele erkenntnisreiche und dichte Beiträge zum Ökonomisierungsbegriff, dem der Herausgeber nicht unkritisch gegenübersteht, und sehr informative Studien zur Ökonomisierung verschiedener Politikfelder und gesellschaftlicher Teilsysteme. Der Band bietet in der Tat einen sehr guten interdisziplinären und historisch informierten Überblick zur wissenschaftlichen und politischen Debatte. Noch etwas aktueller ist der von Thomas Hauser und Philippe Merz herausgegeben Sammelband „Vom Bürger zum Konsumenten. Wie die Ökonomisierung unser Leben verändert“ (Hauser/Merz 2021). Hierin finden sich u.a. auch Beiträge von Silja Graupe zur Ökonomisierung der Bildung und von Reinhard Loske zur Ökonomisierung der Natur. Auch Fragen der Selbstökonomisierung und nach Auswegen werden in diesem Band bearbeitet, der insgesamt noch stärker die fundamentale Sprengkraft von Ökonomisierung herausarbeitet und skandalisiert.


Aufsatz: Ökonomisierung der Gesellschaft (Schimank/Volkmann 2017)

In einem anderen Sammelband (nämlich dem Handwörterbuch Wirtschaftssoziologie) erschienen ist der spannende und eher theoretische Aufsatz von Uwe Schimank und Ute Volkmann zur Ökonomisierung der Gesellschaft, der eine Sortierung von Ökonomisierungs-Phänomenen nach Ebenen und Stufen vorschlägt. Mit einem systemtheoretisch inspirierten Blick differenzieren die Autor:innen 7 Stufen der Ökonomisierung gesellschaftlicher Teilsysteme wie z.B. dem Gesundheits- oder Bildungssystem oder dem Kultursektor. Dabei handelt es sich im Grunde um verschiedene Intensitäten des Einsickerns und Ausbreitens von Profitinteressen, die bei vollständiger Ökonomisierung ausschlaggebend für die Leistungserbringung z.B. im Krankenhaus, der Hochschule oder dem Theater werden und die Eigenlogiken der Teilsysteme verdrängt oder vollständig instrumentalisiert haben. Auf der Ebene der Organisationen diskutieren Schimank und Volkmann zudem New Public Management (also die Verbetriebswirtschaftlichung öffentlicher Verwaltungen) und Shareholder Value (also der Ausrichtung der Unternehmenstätigkeit an den Interessen der Aktionär:innen) als ökonomisierte Leitbilder mit enormer Sprengkraft. Hier lässt sich wirklich viel lernen und ich finde sowieso, dass wir Wirtschaft ohne Wirtschaftssoziologie kaum ernsthaft verstehen können.


Handbuch: International Handbook of Financialization (Mader et al. 2020)

Schon bevor ich an die Cusanus Hochschule kam, habe ich mich intensiv mit dem Phänomen der Finanzialisierung, also dem Bedeutungszuwachs von Finanzmarktakteuren, -logiken und -dynamiken in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat, beschäftigt. Seit Mitte der 2000er Jahr werden unter diesem Begriff vermehrt empirische Studien über den wachsenden und transformativen Einfluss von Finanzmärkten publiziert und fast genauso alt ist auch der Streit um die Begriffsdefinition (good old social science!). Es ist mittlerweile schier unmöglich, diese Literatur zu überblicken und solchen Fällen hilft oft der Griff zu einem Handbuch, das ein Feld meist recht gut sortiert. Ich geben zu, hier bin ich befangen, weil ich zusammen mit Laura Deruytter selbst einen Beitrag zum Einzug von Schuldenmanagement und Derivaten in Rathäuser beisteuern durfte. Aber das von Phil Mader, Daniel Mertens und Natascha van der Zwan herausgegebene „Routledge International Handbook of Financialization“ (Mader et al. 2020) leistet in dieser Hinsicht wirklich einen sehr guten Job! In 40 jeweils recht kurzen Kapiteln werden viele unterschiedliche Facetten von Finanzialisierung empirisch und theoretisch beleuchtet. Ein hervorragender Fundus für eigene Studien!


Buch: Influencer – Die Ideologie der Werbekörper (Nymoen/Schmitt 2021)

Mit dem einflussreichen aber für mich bisher ehrlichgesagt kaum verständlichen Phänomen der Influencer beschäftigen sich Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in ihrem gleichnamigen Buch, das schon durch sein Cover sofort auffällt. Die beiden Autoren haben es geschafft, mir die Welt der Influencer einigermaßen zu entschlüsseln und dabei die Bedeutung dieses Phänomens für die permanente Produktion neuer Konsumwünsche und die Sicherstellung konsumorientierter Subjektivierung herauszuarbeiten. Soziale Medien sind tatsächlich ein unfassbar schnelles und verlässliches Triebmittel für die Ökonomisierung von möglichst allem und jedem. Auch wenn die Autoren ihre Verachtung für die meisten Influencer kaum verbergen, verfällt das Buch nicht in eine platte personalisierte Kapitalismuskritik, sondern nimmt systemische Dynamiken in den Blick. Durch die Lektüre habe ich auch die Interaktions- und Aufmerksamkeitsökonomien besser verstanden, in die auch ich verstrickt bin. Insgesamt ein sehr informatives und unterhaltsames Buch, das im Ton aber leider an einigen Stellen herablassend ist. Es ist natürlich recht einfach, sich über andere lustig zu machen. Viel schwieriger ist das Hinterfragen der eigenen Rolle in Ökonomisierungsprozessen!


Studie: Renditeparadies Pflege

Das Gesundheitswesen ist in den letzten Jahrzehnten vielen Ökonomisierungsschüben ausgesetzt und durch diese ziemlich umgekrempelt worden. Es gibt daher auch eine reichhaltige Forschungsliteratur zum ökonomisierten Krankenhaus. Aber auch Pflegeheime sind zunehmend Profitinteressen unterworfen. Im letzten Jahr hat Finanzwende Recherche eine sehr aufschlussreiche Studie zu Private-Equity-Investoren in der Pflege veröffentlicht (Bourgeron et al. 2021), die zeigt, wie große institutionelle Anleger in Deutschland, Frankreich und Großbritannien Pflegeheime im großen Stil aufkaufen und dem System enorme Geldmittel entziehen. Ein sehr anschauliches Beispiel für das Einsickern von Profitinteressen in einen gesellschaftlichen Bereich, der eigentlich andere Aufgaben hat. In der Taxonomie von Schimank und Volkmann wäre das wohl die höchste Stufe von Ökonomisierung, da hier die Pflegeeinrichtungen radikal umgebaut und die Renditeerwartungen der Investor:innen zur dominanten Handlungsmaxime werden. In diesem Video wird die Rolle von Private Equity in der Pflege anschaulich erklärt und zu Recht mit einer sog. „Finanzschelle“ versehen. Auch in diesem Bereich kann es übrigens sein, dass wir selbst Teil der Ökonomisierung sind, wenn wir z.B. mit Fonds für die eigenen Alterssicherung sparen und die Rendite genau auf diese Weise „erwirtschaftet“ wird. Just saying!



Radiofeature: Wie die Werbung ins Fußballstadion kam

Zum Schluss möchte ich mit euch noch einen Blick auf die Ökonomisierung des Fußballs werfen, die hier oft als Kommerzialisierung verhandelt bzw. kritisiert wird. Als regelmäßiger Stadionbesucher bin ich natürlich an die Omnipräsenz von Werbung gewöhnt und halte diese eigentlich schon für den Normalzustand (hier haben als Internalisierung und Normalisierung schon richtig gut geklappt). Bis vor kurzem wusste ich aber nicht, dass die heute recht unbedeutende Wormatia Worms (sorry an alle Anhänger:innen!) die Vorreiterin der Trikotwerbung war. Dies und vieles mehr rund um die Kommerzialisierung des Fußballs habe ich im sehr hörenswerten Radiofeature von DLF nova erfahren.



Jetzt freue ich mich aber auf eure Lektüre-, Hör- und Sehtipps zu Ökonomisierung und sehr gerne auch zu möglichen Auswegen und Gegenpraktiken in den Kommentaren!



 

Zur Reihe Media Guide

Im Media Guide stellen Studierende, Lehrende, Forschende und Mitarbeiter:innen der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung ihre Auseinandersetzung mit konkreten Thematiken vor. Dabei entstehen keine must-read-Listen. Vielmehr werden individuelle Zugänge zum Thema anhand verschiedener medialer Formate vorgestellt.

Hintergrund
Literatur