Die Zukunft in uns: Imagination als Formgeber einer realen Post-Corona-Welt.



Die Zukunft in uns: Imagination als Formgeber einer realen Post-Corona-Welt.

In jedem Moment der Gegenwart beginnt bereits ein Stück unserer Zukunft. Eine Handlung heute kann in der Rückschau die alles entscheidende Initialzündung der Nachwelt gewesen sein. “Tomorrow is now”, so appelliert Prof. Dr. Swati Banerjee in ihrem Vortrag der Cusanus-Ringvorlesung im November 2020 und bleibt mir nachhaltig im Gedächtnis. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf frage ich mich beim Schreiben dieser Zeilen: Welche solcher Handlungen unternehmen wir denn gerade jetzt in diesem Moment? Treffe ich während der Pandemiezeit Entscheidungen, die sich positiv oder negativ auswirken werden? Ich komme zu der Erkenntnis, dass es darauf wahrscheinlich jetzt in diesem Moment keine detaillierte Antwort gibt. Denn wie hat es der Philosoph Søren Kierkegaard vor über hundertfünfzig Jahren treffend formuliert: Das Leben wird rückwärts verstanden, aber vorwärts gelebt. Trotzdem, ohne die Antwort zu kennen: Unser Leben ist jetzt. Und genau aus diesem Grund, können wir handeln. Denn wir sind am Leben. Wir können uns damit beschäftigen, wie die Zeit nach Corona aussieht. Wir können jetzt Lösungen finden, wie wir zu Ansätzen einer Post-Corona-Ökonomie kommen. Ideen dazu höre ich im Rahmen der Cusanus Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“. In den Vorträgen sowie in weiterführenden Publikationen fällt mir etwas besonders auf, das viele Gedanken miteinander verbindet. Mehrfach fällt der Blick auf das Thema und die Relevanz der Imagination. Eine Transformation, die unser gelerntes und erlebtes Heute zu einem anderen Morgen verändert, beginnt immer mit einer Idee oder Vorstellung im Kopf der einzelnen Person. Mit der Kraft der Imagination einzelner Individuen kann in der Folge durch die globale Vernetzung reale Veränderung im Großen geschehen. Dieser Essay verfolgt das Ziel, Mut zu machen für eine gezielte Kultivierung dieser Imagination. Mut dafür, den eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen, da in ihnen ein Teil unserer Zukunft bereits verankert ist. Mut dafür, Initiative zu ergreifen. Mut dafür, sich trotz der schwierigen Situation gedanklich verbunden zu fühlen und an Entwürfen für die Welt zu arbeiten, in der wir gemeinsam leben wollen. Denn jede/r Einzelne kann Pionier/in des Wandels sein. Für unser aller Morgen.


Denn jede/r Einzelne kann Pionier/in des Wandels sein. Für unser aller Morgen.

Dafür möchte ich im ersten Schritt das Phänomen der Corona-Müdigkeit sowie die damit verbundene Sympathie für die imperiale Lebensweise kritisch hinterfragen, um anfolgend einen Schritt aus dieser Sphäre herauszuwagen. Einen Schritt, der sich ohne Vorurteile dem Zustand des Ungewissen und Komplexen nähert und damit ihren wahren Wert für die Kreativität freilegt. Von der Frage, wie eine zukunftsorientierte Wissenschaft aussehen muss, die Inspiration für Imaginationen und Zukunftsbilder liefern kann, ziehe ich das Brennglas weiter zu: Auf das einzelne Individuum und die Bedeutung der Intuition. Der Essay schließt mit der Vernetzung der Gedanken zu einer Mutrede dafür, der Zukunft offen gegenüberzustehen und den Entwurf innerer Bilder nicht zu sanktionieren, sondern aktiv zu fördern.


Wir fühlen uns müde. Und greifen nach Bekanntem.

In der ersten Corona-Welle haben wir uns gedanklich irgendwie positiv mit dem Lockdown arrangiert und unsere eigenen Wege in der Entschleunigung gefunden. Mittlerweile, nach über einem Jahr mit Corona in Deutschland, hat sich das geändert. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem ein großer Teil der Menschen weniger Kraft hat, aktiv zu sein. Donja Gilan, Psychologin am Institut für Resilienzforschung in Leipzig, hat in Studien festgestellt, dass der Lockdown, in dem wir uns im März 2021 befinden, als schlimmer empfunden wird als der erste im Frühjahr 2020 [i]. Wir sehen, dass andere Länder mit ihren Impfkampagnen an uns vorbeigezogen sind, während wir in einer undurchsichtigen Flut an Maßnahmen mit unserer Hoffnung hin und her gerissen werden. In der Bevölkerung verankert sich mehr und mehr eine Corona-Müdigkeit. Fast jeder zweite Deutsche nimmt laut ARD-Deutschland-Trend die aktuellen Regeln als starke Belastung wahr [ii]. In Situationen der Ungewissheit und Anstrengung halten wir uns schnell an das, was uns bereits bekannt ist. So liegt der Wunsch nach Veränderung nahe, um jeden Preis wieder aus der Krise herauszukommen, um das eigene Leben wieder so führen zu können, wie es vor Corona war. Wie lässt sich das zusammenfassen? Welches Leben haben wir denn eigentlich vor Corona geführt? Das I.L.A. Kollektiv findet dafür eine bezeichnende, aber auch sehr kritische Definition: Ein Leben auf Kosten anderer, die sogenannte imperiale Lebensweise. Dieses Konzept verbindet Individuum, Wirtschaft und globale Probleme und beruht auf dem Ideal des komfortablen und modernen Lebens mit seiner dauerhaften Verfügbarkeit von Konsumgütern. Gemeint sind dabei nicht nur die materiellen Praxen. Insbesondere auch die sie ermöglichenden strukturellen Bedingungen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Leitbilder und Diskurse spielen eine Rolle. Um einen solchen Alltag zu ermöglichen, müssen Menschen global hart arbeiten, Bodenschätze abbauen und Tiere schlachten in einem Ausmaß, das an die ökologischen und sozialen Grenzen der Erde stößt. Die Folgen dieses Verhaltens werden jedoch auf den globalen Süden, auf nachfolgende Generationen und auf benachteiligte Gruppen ausgelagert. Trotz der genannten Probleme breiten sich Traum und Praxis dieser Lebensweise ausgehend vom Norden in immer weitere Teile der Welt mitsamt ihren ökologischen Problemen und sozialen Ungerechtigkeiten aus. Nicht zuletzt dadurch, dass Staat, Wirtschaft und der gesellschaftliche Konsens diese Strukturen kontinuierlich festigen.[iii] In Summe finden wir uns in einer Lebensweise des unendlichen Produzierens und Konsumierens wieder, wobei die soziale Ungleichheit ein zentraler Treiber ist. Je ungleicher unsere Gesellschaften ausgeprägt sind, desto stärker wird in der Folge aber auch der persönliche Statuskonsum, denn dieser ist letztlich der Modus, in dem soziale Ungleichheit ausgetragen wird. Aus ökologischer und sozialer Sicht lässt sich an solch einem Verhalten deutlich Kritik üben. Prof. Dr. Lars Hochmann formuliert ein Axiom, das die Kritik kompakt auf den Punkt bringt: „Ein Stoffwechsel mit der Natur, der die Natur zerstört, kann nicht wahr sein.“[iv] Sollte es nun ausgehend von diesem Charakter des Lebens wirklich ein „wie vor Corona“ geben? Erträumen wir uns insgeheim nicht eher eine Zukunft, die uns mehr geben kann als solch eine ewige Konkurrenz mit anderen Menschen, der Natur und mit uns selbst? Sollten wir nicht einfach den Schritt aus der Komfortzone wagen?


Erträumen wir uns insgeheim nicht eher eine Zukunft, die uns mehr geben kann als solch eine ewige Konkurrenz mit anderen Menschen, der Natur und mit uns selbst? Sollten wir nicht einfach den Schritt aus der Komfortzone wagen?

Ein Schritt aus der Komfortzone. Ein Schritt in die Ungewissheit.

Wenn wir uns also die Frage stellen, wie eine Post-Corona-Ökonomie aussehen kann, die langfristig etwas Gutes bedeutet, dann wird klar, dass mehr Kräfte vereint werden sollten für eine sozial-ökologische Transformation. Ganz gleich, wie diese Post-Corona-Ökonomie konkret ausgestaltet wird, die Transformation beginnt immer im Kopf. Denn jede mögliche Zukunft hängt zu wesentlichen Teilen von gegenwärtigen Entscheidungen und Handlungen ab. Ein mögliches Bild der Zukunft, eine Idee dessen, was anzustreben ist, muss im ersten Schritt entworfen werden. Diese Aufgabe kann eine Fiktion übernehmen. Fiktionen sind als Bilder eines zukünftigen Zustands der Welt oder des Verlaufs von Ereignissen zu verstehen, die in der Gegenwart durch mentale Repräsentation kognitiv zugänglich sind. Unter Bedingungen der Unsicherheit, unter denen zukünftige Zustände der Welt nicht berechnet werden können, ersetzen Fiktionen, die von den Akteuren vor Ort erstellt werden, die unerreichbare rechnerische Antizipation zukünftiger Zustände und zukünftiger Ereignisse, so definiert es Beckert [v]. Werde ich also als Ideengeber aktiv, so umgebe ich mich bewusst mit einem Umfeld des Ungewissen. Aus psychologischer Sicht bedeutet das für viele Menschen eine schwierige Aufgabe. Im Ergebnis aber eine erstrebenswerte. Denn wenn wir uns gegen die Realität sträuben oder ausschließlich ängstlich mit der Zukunft umgehen, wird dieses Verhalten uns zunehmend lähmen. Statt Lösungen zu suchen, fließt unsere Kraft stattdessen in Verweigerung und Abwehr. Zukunftsgestaltung sieht anders aus.


Umarme das Chaos.

Es sollte also zu keinem Zeitpunkt eine falsche Scheu vor dem Komplexen und Ungewissen geben. Unsere Welt ist immerzu umgeben von Ungewissheit und gerade, wenn wir uns in dieser bewegen, kann das Kreativität besonders befruchten. So kommentiert Prof. Dr. Silja Graupe dazu: „Where is real uncertainty, there is also creativity.”[vi] Erst die Imaginationen der Zukunft bewegen uns als Menschen in der Realität dazu, sich diesen Bildern durch Aktionen auch anzunähern. Für eine bewusste Offenheit gegenüber dem Ungewissen, genauer dem Chaos, plädiert auch Nassim Taleb und definiert solch eine Fähigkeit als „Anti-Fragilität“, bei der der Umgang mit Störungen, wie zum Beispiel Krisen, die entscheidende Rolle spielt. Nach Taleb möchte niemand Ungewissheit einfach nur knapp überleben, nicht nur gerade noch einmal davonkommen. Vielmehr ist es das menschliche Ziel, Ungewissheit vollkommen unbeschadet zu überleben [vii]. So bezeichnet Anti-Fragilität die Fähigkeit, kreative evolutionäre Anpassungen zu generieren, indem solche Störungen akzeptiert und bewusst „durchlebt“ werden. Krisen sind in dieser Weltsicht nicht die Anfänge von Untergängen, sondern müssen als die „Trainer“ für immer intelligentere Antworten gewertet werden [viii]. Taleb schlägt vor, mit dieser Fähigkeit menschengemachte Systeme so zu verändern, dass sich das Einfache, das Natürliche entfalten kann. Antifragilität beschreibt damit auch mehr als bekannte Begriffe wie der Resilienz oder Robustheit. Das Resiliente, das Widerstandsfähige widersteht Schocks und bleibt sich gleich, das Antifragile wird dabei aber zusätzlich besser. „Man darf nicht vergessen, dass Mutter Natur mehr ist als lediglich „sicher“. Sie zerstört und tauscht aus, selektiert, ordnet neu. Wenn es um seltene Ereignisse geht, reicht es nicht aus, „robust“ zu sein.“ [ix] Anti-Fragilität kommt die einzigartige Eigenschaft zu, uns in die Lage zu versetzen, mit dem Unbekannten umzugehen, etwas erfolgreich anzupacken, ohne es völlig zu verstehen. Nicht nur das Ungewisse, auch das Komplexe sollte bei imaginativen Entwürfen nicht ängstlich umgangen werden. Im Komplexitäts-Modell, das von vielen Systemwissenschaftlern präferiert wird, sehen die Regeln des Zukunftsspiels alles andere als komplexitätsvermeidend aus. In diesem Gegenmodell zur „negativen Komplexität“ führt Komplexität zu höheren Ebenen von Emergenz, Selbstorganisation und Resilienz [x].


Je komplexer, also vernetzter und interdependenter die Welt wird, desto mehr lernen die Systeme, Exzesse abzupuffern, Krisen auszugleichen und mit Störungen umzugehen. Komplexität führt so zu Selbst-Stabilisierung statt zum Verfall. Es ist unübersehbar, dass wir ein Teil einer sehr vernetzten und komplexen Welt sind.

Je komplexer, also vernetzter und interdependenter die Welt wird, desto mehr lernen die Systeme, Exzesse abzupuffern, Krisen auszugleichen und mit Störungen umzugehen. Komplexität führt so zu Selbst-Stabilisierung statt zum Verfall. Es ist unübersehbar, dass wir ein Teil einer sehr vernetzten und komplexen Welt sind. Längst finden wir uns inmitten der Glokalisierung wieder. „Das Glokale folgt dem Globalen als neue Bezugsdimension: eine regionale Fokussierung bei globalen Anschlüssen“, so beschreibt es das Zukunftsinstitut [xi]. In uns wohnt also die Kraft zur Selbst-Stabilisierung. Wir können in diesem Sinne ausgleichend wirken, wenn wir es in die Hand nehmen.


Der Wegweiser Wissenschaft.

Eine wichtige Unterstützung, um den Horizont für Fiktion und Imagination zu zeichnen, übernimmt die Wissenschaft bereits im Rahmen der Zukunftswissenschaften. Sie gestaltet die Zukunft bereits mit, einzig durch den Konstruktionsprozess eines möglichen Zukunftsbildes [xii]. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass diese Disziplin das Objekt „Zukunft“ nicht im klassischen Sinn erforschen kann, da Zukunftsentwicklungen aufgrund ihrer vielen bestimmenden Parameter nicht in jedem Fall naturgesetzlich verlaufen. Komplex und ungewiss eben. Vielmehr gibt sie Impulse aus dem sorgsamen Abwägen von Erfahrungswerten, realen Ereignissen und Erwartungen [xiii]. Die Zukunftswissenschaft realisiert sich in drei Ausprägungsformen. Die grundlagenorientierte Zukunftsforschung reflektiert und diskutiert wissenschafts- und gegenstandstheoretische Grundlagen und Grundfragen. Die angewandte Zukunftsforschung analysiert, erhebt, beschreibt und interpretiert plausible Zukunftsentwicklungen und Vorstellungen unter Berücksichtigung einer möglichst breiten Datenbasis und vielfältiger methodischer Designs. Die angewandte Zukunftswissenschaft beschreibt die Anwendung der Forschungsergebnisse in unterschiedlichen Praxiskontexten, wie bspw. der Innovationsberatung [xiv]. Wissenschaft, die in diesen beschriebenen Ausprägungen auf Transformationsprozesse einzahlt, unterstützt nach Schneidewind die Idee der „Zukunftskunst“, die gesellschaftliche Zukünfte zuerst auch von ihren kulturellen und zivilisatorischen Perspektiven her denkt [xv]. Wenn über die Zukunftswissenschaft hinaus auch andere Wissenschaften konsequent so angelegt sind, dass sie nicht „alleine auf Fakten reduziert“ sind, agieren sie so als Möglichkeitswissenschaften [xvi] und können aktiv damit Transformationsprozesse für die Mitgestaltung öffnen. Sie stärken den „Möglichkeitssinn“ innerhalb unserer Gesellschaften dadurch, dass sie grundsätzliche Annahmen gesellschaftlicher Debatten kontinuierlich hinterfragen und eben mögliche Szenarien und mögliche Zukünfte als „Zielwissen“ aufzeigen, so Schneidewind. In der Folge werden Ursache-Wirkungszusammenhänge zukünftiger Entwicklungen durch dieses Zielwissen deutlich und die dafür notwendigen Veränderungen „analytisch-imaginativ“ vorweggenommen [xvii]. Genau „hier entwickelt Wissenschaft durchaus eine utopische Kraft, um das Handeln von Akteuren zu orientieren und zu inspirieren.“[xviii] Menschen werden damit in ihrer Emanzipation gestärkt und ihre Handlungsfreiheit maßgeblich erweitert [xix].


Wir: Die individuelle Kraft.

Jede Entwicklung, die wir heute oder auch in der Zukunft gehen, ist geprägt von der permanent wirkenden Dynamik zwischen beharrenden und innovativen Kräften [xx]. Die Gestaltungskraft gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Interessengruppen ist dafür genauso entscheidend wie der Gestaltungswille einzelner Menschen in Beruf, Familie und Freizeit. Am Ende geht jede Veränderung von einzelnen Individuen aus. Also von uns. So kommentiert Taleb: „Wir wären heute nicht da, wo wir sind, wenn unsere Entwicklung von Politikern abhängig wäre – sie beruht vielmehr auf der Risiko- und Irrtumsbereitschaft einer bestimmten Sorte von Menschen, die wir ermutigen, in Schutz nehmen und respektieren müssen.“[xxi] Nicht zuletzt auch die gesamten Referenten der Cusanus-Ringvorlesung zeigen: Es gibt bereits viele aktive Kräfte, die sich Gedanken machen. Es gibt viele Pionier/-innen des Wandels und jede/r kann sich in diese Richtung entwickeln. Mit individuellen Fähigkeiten und Wissen sowie dem Mut, Haltung zu zeigen und Stellung zu beziehen. Die persönliche Entscheidung für den gewählten Weg und gegen mögliche andere Wege resultiert immer aus der Mischung von rationalen Plänen und irrationalen Motiven. Genau aus diesem Grund sollte bei all den Zukunftsgedanken die Überschätzung der Rationalität und die damit verbundene Planungseuphorie nicht zum absoluten Ultimatum erhoben werden. Denn es ist immer der rationale Teil des planenden Gehirns, der denkt, aber der irrationale und intuitive Teil, der lenkt [xxii]. So spricht sich Natasha Mwansa auch dazu aus, dass vermeintliche Schwächen immer auch zu Stärken werden können: “Don’t loose the vision of who you want to be. Turn your supposed weakness into a strength. There is always something you can do. Where my imagination ends somebody will continue.” [xxiii] Auch Luisa Neubauer motiviert mit ihrer Sichtweise, dass gerade in der Herausforderung, in dem Schwierigen, der wahre Mut einer Person begründet liegt: “There couldn’t be courage without vulnerability. […] It is the struggle that defines a challenge.” [xxiv]

Alles ist miteinander verbunden.

Wie lassen sich die vorangegangenen Gedankenfelder nun zusammenfassen? Zunächst sei noch einmal gesagt: Ja, vieles ist ungewiss. Sorgen, Ängste, Unvorhergesehenes… All das ist und bleibt auch in Zukunft ein Teil unserer Realität. Aber trotzdem offenbaren die Ausführungen, dass gerade in der Ungewissheit eine Chance liegt. Mit Blick auf die Gestaltung einer Post-Corona-Ökonomie wertet Prof. Dr. Stephan Panther den Punkt, an dem wir uns momentan befinden und der sich durch sehr viel Unklarheiten auszeichnet, ebenfalls in dieser Argumentationslogik:


“When the rules become unclear there is a chance for those rules to be changed. […] It’s a good historical point in time where you can change the rules of the global power game. To take that point as a point of departure to think about that we can avoid those wars and we can build a more inclusive economy in this specific historical situation.” [xxv]


Dieser Essay zeigt durch die Zusammenführung diverser Stimmen, dass viele Menschen existieren, die ihren eigenen Weg gehen, aber im Kern damit trotzdem ein verwandtes Mindset teilen. Trotz aller Ungewissheit können wir uns mit vielen anderen geeint wissen. Zudem wird die Sensibilisierung für die chaotische Natur des Ungewissen zu einem entscheidenden Faktor, wenn wir uns die Frage nach der Zukunft stellen. Wir können mit der Kraft der Imagination der oder des Einzelnen, die ihre wahren kreativen Züge erst durch den offeneren Umgang mit dem Ungewissen und Komplexen erlangt, eine reale Veränderung im Großen bewirken. Auch wenn jedes Individuum nur immer einen Weg zurzeit beschreiten kann, so spannt sich aus diesen intuitiven Wegen lokaler Aktivitäten nach glokalem Verständnis ein weltweites Netz der Veränderung auf. Aus der Wirkung des Einzelnen wird so eine globale kollektive Kraft der Transformation. In solchen kollektiven Erfahrungen entsteht auch erst jenes Identitätsgefühl, das zu definieren ermöglicht, welche Art von Gesellschaft wir in Zukunft sein möchten, so merken es Leggewie und Welzer an. [xxvi] Ohne einen Fluchtpunkt der Wir-Identität, der in der Zukunft liegt, wird es nicht möglich sein ein neues kulturelles Projekt entwickeln zu können, welches die Probleme und Krisen, die sich längst aufgetürmt haben, angehen, geschweige denn lösen könnte. Viele kleine Einzelteile verbinden sich zu einem großen Ganzen, wenn wir es denn wagen zu träumen. Zu träumen von dem Möglichen. Es darf uns erlaubt sein. Denn am Ende kommt es nicht darauf an, die Zukunft perfekt vorherzusagen, sondern darauf, auf die Zukunft vorbereitet zu sein [xxvii]. Und wie könnten wir es besser machen, als mit einem gemeinsamen Vertrauen in die Symbiose der Kraft des eigenen Selbst mit der unseres Gegenübers? Wir müssen nur aufmerksamer sein, mehr aufeinander achten. So werden uns diese positiven Energien auch klarer werden. Und vielleicht sieht das Unbekannte, wenn wir uns trauen uns mit einer progressiven Energie und Motivation zu nähern, doch auch ganz vertraut aus?



Im Rahmen der Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“ hat es die Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung externen Studierenden ermöglicht, Prüfungen in Essayform abzulegen. Eine Auswahl der besten Arbeiten veröffentlichen wir hier nach Absprache und ggf. einem Redaktionsprozess mit den Autor:innen.

Julia Rothe studiert Sustainability Economics and Management in Oldenburg und beschäftigt sich privat mit Kunst, Theater und positiver Psychologie. Bereits im letzten Semester hatte sie einen Essay mit dem Titel „Optimismus in der Krise? Gestaltende Kraft statt rosaroter Brille“ veröffentlicht. In untenstehendem Essay, macht sie den Leser:innen Mut für eine gezielte Kultivierung positiver Zukunftsimaginationen.




Kurze Reflexion: Ein Blick auf den Schreibprozess

Die Veranstaltungen der Cusanus Ringvorlesung haben viele gedankliche Türen geöffnet. Referent/-innen aus den verschiedensten Fachrichtungen, gesellschaftlichen Strukturen und unterschiedlichsten Orten der Welt haben im Themenfeld einer möglichen Post-Corona-Ökonomie wertvolle Inspirationen gegeben. Aus diesen Inspirationen heraus, beginne ich mit den Vorbereitungen für meinen Text. Doch in dieser Vorbereitungsphase sehe ich mich täglich konfrontiert mit einer Informationsflut, die mich in der inhaltlichen Arbeit eher schwer vorankommen lässt. Einmal das Smartphone entsperrt, so gibt es im Stundentakt Benachrichtigungen über neue Corona-News. Einmal die sozialen Medien geöffnet und diverse Stimmen streiten über „den richtigen Weg“ in und nach der Pandemie in hunderten Kommentaren. Ein Klick. Millionen von Suchergebnisse. Ich frage mich immer wieder zu Beginn im Prozess der Ideenfindung und Recherche: Worüber einen Essay schreiben? Ist nicht bereits alles gesagt? Gibt es nicht zu jeder Frage bereits diverse Meinungen? Dann fasse ich den Gedanken, dass mir persönlich positive Impulse und Anregungen viel zu wichtig sind, als dass sie nicht weitere Male aufgegriffen werden sollten. Jeder Mensch findet oder braucht schließlich auch immer einen eigenen Zugang zu Themen. Warum sollte ich also meinen Essay nicht dafür nutzen, die Gedanken zu verdichten, die ich besonders stark aus den Veranstaltungen der Ringvorlesung für mich mitnehmen konnte? Warum sollte ich nicht auch in diesem neuen Text meinem Herzen, meiner Intuition folgen? Genau das ist es, was ich an meinen Essay im letzten Jahr zur Ringvorlesung „Die Politische Ökonomie der Corona-Krise“ persönlich geschätzt habe. Ich habe ein Stück meiner Selbst in diesen Text gegeben mit dem Ziel, andere Personen zu etwas mehr Optimismus und Zuversicht zu inspirieren. Diese persönliche Stärke möchte ich weiter einsetzen. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, diesem Essay erneut ein Gefühl zugrunde zu legen: Das Gefühl des Mutes. Mehr noch: Den Appell an den Mut, der in uns allen steckt und der sich erst durch die Visualisierung von Ideen richtig entfalten kann. Eine solche Visualisierung hat mich dabei auch im Schreibprozess besonders begleitet. Für mich persönlich beginnt eine Idee immer mit einem Gefühl. Und was fördert eindringlicher ein Gefühl oder innere Bilder als Musik? Kopf aus, Gefühl und Imagination an. Das Musikstück „All the Unknown“ des Duos „Grandbrothers“ fasst thematisch auch das Ungewisse auf, kommt dabei aber ganz ohne Klänge aus, die sich unwohl oder ängstlich anfühlen. Es treibt vielmehr an, geht euphorisch mit Melodien um, stimmt mehr positiv als negativ. Also gehe ich den, mir noch unbekannten, Worten dieses Essays entgegen.



Fußnoten

[i] Strunk, O. (2021) Corona-Müdigkeit: Wie lange halten wir noch durch? Online: https://www.tagesschau.de/regional/nordrheinwestfalen/wdr-story-39331.html [Abgerufen am 22.03.2021]. [ii] ARD Berlin (2021) ARD-Deutschlandtrend: Zunehmend belastend, zunehmend unzufrieden. Online: https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-2489. html [Abgerufen: 26.03.2021]. [iii] I.L.A. Kollektiv (Hrsg.) (2017) Auf Kosten Anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert. oekom Verlag. Online: https://www.oekom.de/buch/auf-kosten-anderer-9783960060253 [Abgerufen: 29.03.2021]. S.6ff. Brand, U.; Wissen, M. (2017) Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom Verlag: München. Online: https://www.oekom.de/ buch/imperiale-lebensweise-9783865818430 [Abgerufen: 27.03.2021]. S.43ff. [iv] Hochmann, Lars (2020) Von der Natur her wirtschaften. Vorlesung im Rahmen der Cusanus Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“. Online: https://www.youtube.com/watch?v=AroNBrPgyss[Abgerufen: 05.02.2021]. [v] Beckert, J. (2011) Imagined Futures – Fictionality in Economic Action. MPIfG Discussion Paper 11/8. Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung: Köln. S. 5f. [vi] Graupe, S. (2020) Imagined Futures: The Role of Imagination and Narratives in Creating a Post-Corona-Economy. Vorlesung im Rahmen der Cusanus Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“. Online: https://www.youtube.com/watch?v=HZUWQmwfjNQ [Abgerufen: 15.03.2021]. [vii] Taleb, N. N. (2013) Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. 1. Aufl. Knaus Verlag: München. S. 21. [viii] Zukunftsinstitut (Hrsg.) (2013) X-Events und Y-Events – Vom “Black Swan” zum “Possibilismus”: Wie die rationale Auseinandersetzung mit Endzeit-Katastrophen ein neues Zukunftsverständnis schaffen kann. Online: https://www.zukunftsinstitut.de/ artikel/y-events/x-events-und-y-events/ [Abgerufen 24.03.2021]. [ix] Taleb (2013): S. 22 [x] Zukunftsinstitut 2013. [xi] Zukunftsinstitut (Hrsg.) (2020) Die Wirtschaft nach Corona – Wochen der Weichenstellung. White Paper. Online: https://www.zukunftsinstitut.de/fileadmin/user_upload/ Whitepaper-Die_Wirtschaft_nach_Corona.pdf [Abgerufen: 15.03.2021]. S. 10. [xii] Fischer, N. (2016) Erzählte Zukünfte – Zum Potenzial eines semiotischen Zugangs in der Zukunftsforschung. In: Popp, R.; Fischer, N.; Heiskanen-Schüttler, M.; Holz, J.; Uhl, A. (2016) Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven in der Zukunftsforschung. 1. Auflage. LIT Verlag: Wien. ISBN: 978-3-643-90663-2. S. 196-207. S. 202. [xiii] Popp, R. (2016a) Zukunftswissenschaft & Zukunftsforschung – Grundlagen und Grundfragen. Eine Skizze. LIT Verlag: Wien. ISBN: 978-3-643-50720-4. S. 11. [xiv] ebenda S.132ff. [xv] Schneidewind 2018: Die Große Transformation – Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Fischer Verlag: Frankfurt a. M. ISBN: 978-3-596-70259-6. S.434. [xvi] Schneidewind, U. (2017) Wissenschaft darf sich nicht auf Fakten reduzieren. Merton Onlinemagazin des Stifteverbandes. Online: https://merton-magazin.de/wissenschaft-darf-sich-nicht-auf-fakten-reduzieren?tags=wissenschaft%20darf%20sich%20nicht%20auf% 20fakten%20reduzieren [Abgerufen: 20.03.2021].

Pfriem, R. (2016) Ökonomie als Gemengelage kultureller Praktiken. Metropolis: Marburg. [xvii] Malorny, T. (2016) Partizipativ Transformation gestalten – Zur gemeinsamen Rolle von Zukunfts- und Aktionsforschung in der großen Transformation. In: Popp, R.; Fischer, N.; Heiskanen-Schüttler, M.; Holz, J.; Uhl, A. (2016) Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven in der Zukunftsforschung. 1. Auflage. LIT Verlag: Wien. ISBN: 978-3-643-90663-2. S. 216-233. Hier: S. 225. [xviii] Schneidewind, U. (2018): S. 435. [xix] Gerhold, L.; Schüll, E. (2015) Grundlagen der Standards Gruppe 2. In: Gerhold, L. et al. (Hrsg.) Standards und Gütekriterien der Zukunftsforschung. Ein Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Springer. Wiesbaden. S. 83-85. Online: https://link. springer.com/book/10.1007%2F978-3-658-07363-3 [Abgerufen: 22.03.2021]. S. 85. [xx] Popp, R. (2016b) Zukunftsplanung – Zukunftsforschung – Zukunftswissenschaft. In: Popp, R.; Fischer, N.; Heiskanen-Schüttler, M.; Holz, J.; Uhl, A. (2016) Einblicke, Ausblicke, Weitblicke. Aktuelle Perspektiven in der Zukunftsforschung. 1. Auflage. LIT Verlag: Wien. ISBN: 978-3-643-90663-2. S. 154-172. S. 157f. [xxi] Taleb 2013: S. 32. [xxii] Popp 2016b: S.156. [xxiii] Mwansa, N. (2021) Discussion: A new global narrative? Global (climate) activism of a young generation. Vorlesung im Rahmen der Cusanus Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“. Online: https://www.youtube.com/watch?v=mqo9BpG9-_g [Abgerufen: 15.03.2021]. [xxiv] Neubauer, L. (2021) Discussion: A new global narrative? Global (climate) activism of a young generation. Vorlesung im Rahmen der Cusanus Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“. Online: https://www.youtube.com/watch?v=mqo9BpG9-_g [Abgerufen: 15.03.2021]. [xxv] Panther, S. (2020) Center and periphery in crisis: the global distribution of power and local action. Vorlesung im Rahmen der Cusanus Ringvorlesung „Fight Every Crisis: Globale Perspektiven einer Post-Corona-Ökonomie“. Online: https://www.youtube.com/watch?v=gnUtTz9Z6CU [Abgerufen: 15.03.2021]. [xxvi] Leggewie, C.; Welzer, H. (2009) Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie. Fischer Verlag: Frankfurt a. M. S. 233f. [xxvii] Popp 2016b: S.157.